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Interview, Teil 1

Marcell Jansen: 'Nur der Ball ist wichtig'

14 Spiele, alle von Beginn an - die Bilanz von Marcell Jansen nach seinem ersten halben Jahr beim FC Bayern kann sich sehen lassen. Sie wäre sicher noch besser ausgefallen, hätte den 22-Jährigen, der im Sommer von Borussia Mönchengladbach nach München gewechselt war, nicht Mitte November eine Verletzung abrupt gestoppt. Im Training der deutschen Nationalmannschaft erlitt er einen Bänderriss im rechten Sprunggelenk und musste operiert werden.

Im ersten Teil des Interviews mit fcbayern.de erzählt Jansen, wie es seinem Fuß inzwischen geht, dass er der Verletzung auch etwas Positives abgewinnen kann und er erklärt den Unterschied zwischen Gladbach und Bayern.

Das Interview mit Marcell Jansen, Teil 1:

fcbayern.de: Marcell, seit Mitte November bist Du verletzt. Wie geht es Dir inzwischen?
Marcell Jansen: „Wenn man bedenkt, dass es keine leichte Verletzung war, sieht mein Fuß sehr gut aus. Die Operation muss richtig gut gewesen sein, die Bänder scheinen alle fest zu sein. Auch die Reha läuft gut, ich kann jetzt die Belastung langsam steigern.“

fcbayern.de: Wie läuft Dein Reha-Programm?
Jansen: „Anfang Dezember habe ich nach drei Wochen den Gips ab bekommen. Seitdem habe ich hauptsächlich mit den Physiotherapeuten gearbeitet, um den Fuß wieder an die Beweglichkeit zu gewöhnen. Ich musste erst langsam das Gehen wieder lernen, das ging aber relativ schnell. Seit Mitte Dezember mache ich auch etwas für die Fitness und den Oberkörper. Inzwischen darf ich auch schon Fahrradfahren - das ist gut.“

fcbayern.de: Und wann willst Du wieder auf dem Platz stehen?
Jansen: „Am 4. Januar kommt der Spezialschuh ab, den ich noch als Stütze für das Gelenk tragen muss. Dann hoffe ich, langsam mit dem Laufen beginnen zu können. Ich denke, dass ich im Trainingslager in Marbella dabei bin und dort lauf- und ballspezifisch schon mehr machen kann. Ich will das Trainingslager nutzen, um spätestens danach mit der Heranführung an das Mannschaftstraining beginnen zu können. Das ist der grobe Plan.“

fcbayern.de: Bist Du zum Rückrundenstart einsatzfähig?
Jansen: „Es ist realistisch, das ich dann spielen kann. Ob ich aber auch konditionell 100 Prozent fit bin, kann ich noch nicht sagen.“

fcbayern.de: Du warst Stammspieler beim FC Bayern. Wie sehr hat Dich die Verletzung geärgert?
Jansen: „Im ersten Moment war ich natürlich frustriert, aber schon ein paar Minuten später konnte ich wieder einigermaßen lachen und sagen: Komm, näh den Fuß zusammen, dann geht es weiter. Ich sehe andere Spieler, die monate- und jahrelang verletzt sind oder gar nicht mehr spielen können. Verletzungen gehören zu diesem Geschäft einfach dazu.“

fcbayern.de: Doch dann kommt die lange Zeit der Reha. Fällt man da nicht in ein Loch?
Jansen: „So eine Reha ist auch positiv. Erstens muss man einen großen Willen aufbringen für die Reha- und Konditionsarbeit. Zweitens lernt man in einer Verletzungsphase viel. Man hat Zeit, die vielen Erlebnisse sacken zu lassen und sich Gedanken machen. Und drittens freut man sich, wenn man wieder mit der Kugel auf dem Platz steht. Man merkt: Nur der Ball ist wichtig. Alles andere, was von außen auf einen einstürzt, Freude, Druck, Anspannung, das ist alles uninteressant. Diese Sicht muss man sich bewahren, dann spielt man unbekümmerter. Wenn man im Fußballalltag drin steckt, geht das unbewusst verloren - nach so einer Verletzungsphase vielleicht weniger leicht.“

fcbayern.de: Welche Gedanken hast Du Dir zu Deinen ersten Monaten beim FC Bayern gemacht?
Jansen: „Der Wechsel ist mir ja nicht leicht gefallen. Der Abstieg mit Gladbach war ein großer Knick für mich, denn ich hänge an Gladbach, das war mein erster großer Verein, in meiner Stadt. Dann weiß man nicht, ob es mit dem Wechsel klappt, und plötzlich geht es über Nacht ganz schnell. Auf einmal ist man bei Bayern, bei den ganzen Superspielern. Das ist für den Kopf nicht so einfach. Aber ich habe mich sofort wohl gefühlt und Gas gegeben. Von dem ganzen FC-Hollywood-Quatsch habe ich nie etwas mitbekommen, im Gegenteil: An der Säbener Straße ist alles klein. Wir sitzen in einer kleinen Küche, die Spieler sind alle locker drauf, jeder kennt jeden, die Fans sind beim Training hautnah dabei. Es ist überhaupt nicht so, wie man denkt.“

fcbayern.de: Wie groß ist der Unterschied zwischen Gladbach und dem FC Bayern?
Jansen: „Der Unterschied sind vor allem die Ambitionen. Bayern München ist ein Topklub, spielt immer um Titel mit. Als junger Spieler hast du es bei so einer Mannschaft viel leichter. Hier kriegst du jeden Ball sauber auf den Fuß, du machst auch mal ein Tor und fällst leichter positiv auf. Ich glaube aber, dass man sich bei einem Verein, der im Tabellenmittelfeld oder gegen den Abstieg spielt, besser entwickeln kann. Es war Gold wert für mich, dass ich in meinen ersten Profijahren bei Gladbach gegen den Abstieg gespielt habe. Da gab es keinen Zé Roberto, keinen Franck Ribéry. Ich musste mir alles hart erarbeiten, um jeden Ball, um jeden Punkt rennen und grätschen. Und der Druck ist immens, es geht um die Existenz des Vereins. Dieser Lernprozess in den zweieinhalb Jahren hat mir enorm gut getan. Ich hätte es nie anders haben wollen.“

fcbayern.de: Ist der Druck beim FC Bayern anders als in Gladbach?
Jansen: „In meiner ersten kompletten Profisaison, als wir in Gladbach nicht abgestiegen sind, war der Druck zunächst vielleicht sogar einen Tick schlimmer als jetzt bei Bayern. Aber auf Dauer ist der Druck bei Bayern wesentlich höher, hier muss man immer oben bleiben. Damals in Gladbach sind wir Zehnter geworden, da war in den letzten Spielen nur noch Friede, Freude, Eierkuchen, da war nur der Spaß im Vordergrund. Das kannst du dir beim FC Bayern nur erlauben, wenn du mit acht Punkten Vorsprung Erster bist.“

Das Interview führte: Nikolaus Heindl

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