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Comeback durch die Hintertür

Bayern 'in der Spur' nach Manchester

Die Fans des FC Getafe wussten es schon vorher. „Nie wieder werdet ihr Getafe vergessen“, stand auf einem Plakat, das die Anhänger des spanischen Erstligisten kurz vor dem Viertelfinal-Rückspiel im UEFA-Cup gegen den FC Bayern in die Höhe streckten. 120 dramatische Minuten später sollten sie nach dem 3:3 (1:1, 0:1)-Unentschieden nach Verlängerung, das dem deutschen Rekordmeister in letzter Minute den Einzug ins Halbfinale sicherte, in ihrer Prognose bestätigt werden.

„Ich war ja schon überall, in Manchester, Madrid, Barcelona und wie die alle hießen in der Champions League. Große Spiele. Aber das, das war noch nie da“, sagte Oliver Kahn nach seinem 140. Europacup-Spiel, das er selbst als „absolutes Highlight“ seiner 20-jährigen Profi-Laufbahn bezeichnete. „Wenn wir uns in zehn Jahren wieder sehen, werden wir uns nicht über Barcelona oder ManU unterhalten, sondern über Getafe. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so ein Spiel gesehen oder selbst erlebt zu haben.“

Keinen Pfifferling

In der Tat dürfte das, was die 16.000 Zuschauer im „Coliseum Alfonso Perez“, darunter auch Spaniens König Juan Carlos, an diesem Abend vor den Toren Madrids erlebten, künftig in einem Atemzug mit der Champions-League-Finalniederlage des FCB 1999 oder der Last-Minute-Meisterschaft 2001 genannt werden. Nach dem frühen Platzverweis von Ruben de la Red (6. Minute) spielte der FCB fast über die komplette Spielzeit im Überzahl, geriet aber dennoch nach einem Treffer von Cosmin Contra (44.) in Rückstand. Erst kurz vor dem Abpfiff glich Franck Ribéry (89.) aus und rettete den FCB in die Verlängerung.

In dieser sah Getafe nach einem Doppelschlag von Casquero (91.) und des eingewechselten Braulio (93.) trotz Unterzahl erneut wie der sichere Sieger aus, ehe Luca Toni (115./120.) mit seinen Toren neun und zehn im laufenden Wettbewerb den kaum noch für möglich gehaltenen Halbfinaleinzug sicherte. „Nach dem 3:1 habe ich eigentlich keinen Pfifferling mehr auf unsere Mannschaft gesetzt“, hatte selbst Bayerns Vorstandschef Karl Heinz Rummenigge alle Hoffnungen auf das Weiterkommen bereits begraben.

Doping für den Gegner

Keine Frage, die Freude über das Weiterkommen überwog, als die Mannschaft weit nach Mitternacht unter großem Beifall beim traditionellen Bankett im „Westin Palace“ Hotel von den mitgereisten Sponsoren und Fans empfangen wurde. Doch es gab auch allerhand kritische Stimmen zur vorangegangenen Leistung. „Dass wir weitergekommen sind, hat sicherlich auch mit einer gehörigen Portion Glück zu tun“, meinte Rummenigge. „Ich bin ja kein Freund davon, dass man immer über diesen berühmten Bayern-Dusel spricht, aber heute hatten wir den absolut.“

Vor allem ärgerten sich die Verantwortlichen des Rekordmeister darüber, dass die Mannschaft nach der Roten Karte gegen De la Red (Ottmar Hitzfeld: „Das war Doping für den Gegner.“) nicht in der Lage war, das spanische Abwehrbollwerk zu knacken. „Wenn man 110 Minuten mit elf gegen zehn spielt, dann muss mehr rauskommen als das, was am Ende rausgekommen ist“, kritisierte Manager Uli Hoeneß. „Solange die mit elf Mann gespielt haben, hatten wir unsere beste Zeit. Danach hat jeder gemeint, er müsste ein bisschen weniger arbeiten und weniger laufen“, ergänzte Rummenigge.

Nerven gezeigt

Hitzfeld zeigte sich vor allem darüber enttäuscht, dass einige seiner Spieler „ihre Leistung nicht abrufen konnten“ und dem Druck offensichtlich nicht gewachsen waren. „Wir haben heute Nerven gezeigt.“ Hinzu kamen ein aufopferungsvoll kämpfender Gegner („Getafe ist über sich hinausgewachsen und hat ein sensationelles Spiel gemacht“) sowie Unzulänglichkeiten im eigenen Spiel: „Wir haben das Spiel verschleppt, lange Zeit zu sehr in die Breite gespielt und viele unnötige Ballverluste gehabt.“

„So wie wir heute gespielt haben, hat man international nichts verloren, das muss man mal so krass sagen“, fand auch Kapitän Kahn deutliche Worte und forderte eine klare Steigerung für das Halbfinale, wo es nun am 24. April und 1. Mai gegen Zenit St. Petersburg geht. „Vielleicht ist es ein gutes Omen, dass wir schon ausgeschieden waren und doch plötzlich durch die Hintertüre wieder reingekommen sind“, meinte Hitzfeld. „Wir sind noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen.“

Ziel Manchester

Geht es nach dem Willen der FCB-Verantwortlichen, soll es gegen den amtierenden russischen Meister deutlich unspektakulärer zugehen als gegen die Spanier. „Ich würde in St. Petersburg lieber mit eigener Kraft und Leistung ins Endspiel kommen und nicht den lieben Gott da oben in Anspruch nehmen“, sagte Hoeneß. Und Rummenigge beschloss einen fußballhistorischen Abend mit einem optimistischen Ausblick: „Wir sind in der Spur - und mit ein bisschen Glück kann das Ziel nur Manchester heißen.“

Für fcbayern.de in Madrid: Carsten Zimmermann

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