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Oliver Kahn:

'So etwas habe ich noch nicht erlebt'

Als Oliver Kahn in der 120. Minute von seinem Strafraum an den gegnerischen stürmte, brachte er nicht wirklich Torgefahr mit. 858 Pflichtspiele hatte der FCB-Kapitän bis dahin in seiner Karriere bestritten, noch nie hatte er ein Tor erzielt. In seinem 859. Spiel, Sekunden vor dem Abpfiff im Coliseum Alfonso Perez des FC Getafe, war dies aber egal. Es galt, alles nach vorne zu werfen, um das drohende Aus im UEFA-Cup-Viertelfinale doch noch abzuwenden. Und prompt war Kahn - ohne Ballberührung - einer der Wegbereiter zum 3:3-Ausgleich, durch den der FC Bayern doch noch ins Halbfinale einzog.

Nach Lahms Flanke verunsicherte er seinen Gegenspieler derart, dass dessen Kopfballabwehr bei José Ernesto Sosa landete, die Hereingabe des Argentiniers köpfte Luca Toni schließlich zum 3:3 ins Tor. „Der Feldspieler Kahn war mitentscheidend“, sagte Ottmar Hitzfeld. Was der Torhüter Kahn selbst zu seinem Sturmlauf sowie überhaupt zu diesem denkwürdigen Abend vor den Toren Madrids durch den Kopf ging, erzählte er anschließend den Reportern. fcbayern.de fasst die Aussagen des FCB-Kapitäns zusammen:

Frage: Herr Kahn, Sie sagen immer, Sie hätten schon alles erlebt im Fußball. Haben Sie auch schon so ein verrücktes Spiel erlebt?
Oliver Kahn: „Nee. Ich war ja schon überall, in Manchester, Madrid, Barcelona und wie die alle hießen in der Champions League. Große Spiele. Aber das war noch nie da. Wir werden uns in zehn Jahren nicht über Barcelona und die Niederlage gegen Manchester United im Champions-League-Finale 1999 unterhalten, sondern über Getafe. So etwas habe ich noch nicht erlebt.“

Frage: Der Fußball-Gott wollte offenbar nicht, dass Sie ihr letztes internationales Spiel in Getafe machen.
Kahn: „Das Gefühl habe ich auch. Ich konnte meiner Mannschaft heute wenig helfen, es war super toll für mich, hat richtig Spaß gemacht. Drei Schüsse aufs Tor, drei drin, ansonsten bist du nur blöd rumgestanden und hast auf den lieben Gott gehofft, der zum Schluss noch geholfen hat. Das einzig Produktive, was ich heute abgeliefert habe, war mein grandioser Sprint kurz vor Schluss nach vorne. Ich konnte ein bisschen irritieren, und die waren dann so überrascht, dass sie mal kurz unkonzentriert waren, was uns zum 3:3 ein bisschen geholfen hat.“

Frage: Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie in der Schlussminute nach vorne stürmten?
Kahn: „115 Minuten gespielt, es steht 3:1, das Stadion steht auf den Bänken, bejubelt seine Mannschaft, die eigentlich schon eine Runde weiter ist, dann lässt der gegnerische Torwart den Ball fallen zum 3:2. Dann habe ich gedacht, jetzt gehst du auch mal mit nach vorne, irgendwas muss heute noch positiv sein. Und dann fällt das Tor.“

Frage: Wann machen Sie denn eigentlich Kopfball-Training?
Kahn: „Gar nicht. Ich wollte ja beim Hochspringen nur für Verwirrung sorgen. Und der Gegenspieler konnte den Ball nicht abwehren. Dann kam die Superflanke vom Sosa und dann war das Weltklasse vom Luca Toni. Dafür findet man gar keine Worte, was sich dann abgespielt hat.“

Frage: Sie sind nach dem Schlusspfiff in Ihrem Tor zusammengesunken.
Kahn: „Ich war fix und fertig, weil die psychische Belastung zehrt an dir. Dann noch der Sprint nach vorne und der Sprint von links nach rechts, quer über das Feld, durch jubelnde Bayern-Menschen. Das war unglaublich, ein absolutes Highlight.“

Frage: Aber das Glück hat man jetzt schon stark ausgeschöpft, oder?
Kahn: „Ich sage ja immer, wenn wir vom Titel-Triple reden: Das hängt von solchen Kleinigkeiten ab, vom Glück im entscheidenden Moment, dass der gegnerische Torwart da den Ball fallen lässt. So, wie wir heute gespielt haben, so hat man international - das muss man fast so krass sagen - nichts verloren, schon gar nicht in der Champions League. Aber so dürfen wir jetzt nicht reden. Wir müssen jetzt einfach diesen Erfolg mitnehmen. Das gibt so viel Selbstvertrauen, dass wir jetzt im Halbfinale auch viel besseren Fußball spielen. Und das müssen wir auch.“

Frage: Dabei haben Sie die Mannschaft vor der Verlängerung noch zu einem Kreis zusammengerufen und eingeschworen.
Kahn: „Den Kreis mach ich nie mehr. Wir haben uns da heiß gemacht und wollten noch mal Vollgas geben. Das hat dazu geführt, dass es zwei Minuten später 3:1 für den Gegner stand.“

Frage: Was sagen Sie zu Getafe?
Kahn: „Mir war klar, dass man hier nichts gewinnen kann. Hier hat auch keine große Mannschaft etwas gerissen. Hier hat Real Madrid nicht gewonnen, hier hat Barcelona verloren, ich glaube mal 0:4. Das ist psychologisch schwer. Das ist eine kleine Mannschaft, die tolle Spieler hat, die kämpfen bis zum Umfallen. Du weißt gar nicht, was hier los ist. Wir haben das 1:1 gemacht und dachten, die sind jetzt fertig mit einem Mann weniger. Dann machen die das 2:1 und 3:1. Bevor du dich umschaust, hast du hier verloren.“

Frage: Haben Sie nach der frühen Rote Karte für Getafe innerlich gejubelt?
Kahn: „Nein, ich habe an Bochum gedacht. Da haben wir auch besser gespielt nach dem Platzverweis für Van Bommel. Es war mir klar, dass danach noch mehr kommt von Getafe, noch mehr Trotzreaktion. Aber nach dem 1:1 musst du das Spiel beherrschen und das 2:1 und 3:1 machen. Stattdessen hauen die uns zwei Tore rein, das kann man gar nicht beschreiben, was da fußballtechnisch alles passiert ist.“

Frage: Was hat Ottmar Hitzfeld zu Ihnen gesagt, als Sie sich in den Armen lagen?
Kahn: „Er hat nur kurz zu mir gesagt: 'Dass wir das noch mal erleben dürfen, dass ist ja unglaublich,' Es ist schon interessant, dass man 20 Jahre Europapokal spielen muss, Champions League und alles erlebt hat und dann das hier noch obendrauf gesetzt bekommt. Das ist schon Wahnsinn.“

Frage: Was kann jetzt noch kommen?
Kahn: „Da bin ich auch gespannt. In der Saison kann noch Einiges kommen: Pokalfinale, deutsche Meisterschaft, jetzt Halbfinale im UEFA-Pokal. Mal gucken, was noch drin ist im dramatischen Topf.“

Frage: Ein Getafe-Spieler soll im Vorfeld gesagt haben, der Oliver Kahn sieht aus wie eine Bulldogge, vor dem muss man Angst haben. Hat sich wohl in den Schlussminuten ausgezahlt, oder?
Kahn: „Ich weiß nicht, wie spanische Bulldoggen aussehen, vielleicht so wie ich. Bei deutschen Bulldoggen sehe ich keine Ähnlichkeit. Das hat mich wenig interessiert. Das ist so, wenn ich hier nach Spanien komme. Mal sehen, ob ich mich jetzt hier mit Personenschutz aus dem Land bringen lassen muss, weil ich habe hier schon so viel erlebt mit Real Madrid. Hier hat es schon viel böses Blut gegeben. Aber ich möchte kein Öl ins Feuer gießen.“

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