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Ottmar Hitzfeld:

'Das werden bewegende Momente für mich'

25 Jahre Vereinstrainer, 25 Titel, davon 14 in siebeneinhalb Jahren beim FC Bayern - mehr muss man zu Ottmar Hitzfeld eigentlich nicht sagen. Am Samstag gegen Hertha BSC Berlin wird der 59-Jährige zum letzten Mal in einem Pflichtspiel auf der Trainerbank des deutschen Rekordmeisters Platz nehmen. Nach der Saison wechselt er als Nationaltrainer in die Schweiz, als Vereinstrainer will er nie mehr tätig sein.

Vor dem Abschied des „Generals“ standen die Journalisten Schlange, um noch einmal ein Interview mit ihm zu bekommen. In Gruppen konnten sie Hitzfeld schließlich ihre Fragen stellen. Bei einem dieser Termine war fcbayern.de dabei. Lesen Sie hier, was Ottmar Hitzfeld zu seinem Abschied, seiner Zeit als Vereinstrainer und seiner Zukunft zu sagen hatte.

Das Gespräch mit Ottmar Hitzfeld:

Frage: Herr Hitzfeld, haben Sie eine Ahnung, zum wievielten Mal Sie in Ihrer Zeit beim FC Bayern jetzt ein Pressegespräch haben?
Hitzfeld: „Das gehört zum Alltag bei Bayern München. Es hat mir auch immer viel Freude bereitet und war interessant, auch um die eigene Arbeit zu hinterfragen. Pressegespräche sind nicht nur ein Muss, sondern auch hilfreich für die Arbeit als Trainer.“

Frage: Sie haben viel erlebt als Trainer. Gibt es ein Erlebnis, das Ihnen sofort in den Kopf schießt?
Hitzfeld: „Am prägnantesten war der Schuss von Patrik Andersson zum 1:1 in Hamburg (Dadurch sicherte sich der FC Bayern 2001 in der Nachspielzeit des letzten Spieltags die Meisterschaft, Anm. d. Red.). Da stand so viel auf dem Spiel, denn vier Tage später war Champions-League-Finale. Wenn man da die Meisterschaft verspielt, wäre auch die Champions League in Frage gestellt worden. Der Schuss hat so einen Motivationsschub gegeben, so viel Euphorie entfacht, dass wir auch die Kraft hatten, das Elfmeterschießen gegen Valencia noch zu gewinnen. Das war Wahnsinn, unglaublich, da war eine höhere Macht im Spiel. Es war ein historischer Moment.“

Frage: Was war das riskanteste Abenteuer, das Sie in Ihrer Karriere eingegangen sind?
Hitzfeld: „Das war meine erste Trainerstelle 1983 beim Sportclub Zug in der zweiten Schweizer Liga. Damals hatte ich den größten Druck und die größte Angst, weil ich als neuer Trainer nicht entlassen werden durfte, und die größte Herausforderung, weil der Präsident ein Chaot war. Ich musste ständig schlichten, einmal ist er mir in der Kabine an die Gurgel gegangen, hat mich bedroht und beschimpft. Kritik von Franz Beckenbauer war ein Säuseln im Wald dagegen. Der Präsident in Zug hatte auch viel Geld. Ich wollte fünf neue Spieler, am Ende waren es zehn, weil er am letzten Tag noch drei, vier dazugekauft hat. Dann hieß es, wir haben in zwei, drei Jahren den Aufstieg geplant, nach dem dritten Spiel hieß es dann, wir müssen sofort aufsteigen. Als wir im März Achter oder Neunter waren und eigentlich keine Chance mehr auf den Aufstieg hatten, hat er den Bettel geworfen und aufgehört. Danach haben wir von zwölf Spielen zehn gewonnen, sind Meister geworden und aufgestiegen.“

Frage: Hatten Sie in den letzten Wochen Zeit, ein bisschen zurückzuschauen?
Hitzfeld: „Ich lebe immer sehr in der Gegenwart und blicke nach vorne. Das ist meine Philosophie und so muss man als Trainer auch denken. In diesem Beruf hat man sich angeeignet, sich nicht mit Dingen zu beschäftigen, die passiert sind. Ich lebe den Moment. Wenn ich im Fernsehen ein altes Spiel sehe, schaue ich kurz hin, aber ich bleibe nicht darauf haften. Als Trainer muss man immer neue Leistung bringen. Was war, ist nach dem Urlaub immer vergessen. Als Meister aufgehört, Sommerpause und dann kommen immer die gleichen Fragen wieder.“

Frage: Nach Ihrer ersten Amtszeit beim FC Bayern 2004 hätten Sie Bundestrainer werden können, aber lehnten ab. Jetzt übernehmen Sie mit der Schweiz doch noch eine Nationalmannschaft. Was reizt Sie daran?
Hitzfeld: „2004 hätte ich das gerne gemacht, aber es war der falsche Zeitpunkt. Ich hatte deswegen ein paar schlaflose Nächte, aber ich war ausgebrannt und hatte die Pause dringend nötig. Das war eine meiner besten Entscheidungen, sonst wäre meine Gesundheit sicherlich ruiniert worden. Jetzt hat der Zeitpunkt gepasst und es ist auch eine Herzensangelegenheit. Ich habe ja immer einen engen Bezug zur Schweiz gehabt. 17 Jahre war ich dort tätig und habe der Schweiz viel zu verdanken. Ich habe auch die Power, diesen Job zu machen, weil ich dann nur noch 15 Spiele im Jahr habe, keine 60 mehr.“

Frage: Der Druck wird aber weiter hoch sein.
Hitzfeld: „Wir haben die Qualifikation für die WM 2010 als großes Ziel. Das zu schaffen, ist nicht selbstverständlich für die Schweiz. Die Erwartungshaltung in der Schweiz ist riesig, ich kann sie kaum erfüllen. Das ist schon ein Risiko, aber ich habe immer auch riskante Entscheidungen getroffen, die sich im Nachhinein als richtig herausgestellt haben. Ich hoffe, dass es auch diesmal richtig war.“

Frage: Wäre die WM 2010 der logische Schlusspunkt Ihrer Karriere?
Hitzfeld: „Als Otto Rehhagel 40 oder 45 Jahre alt war, hat er gesagt, mit 55 will er aufhören. Deswegen bin ich vorsichtig mit Prognosen, was in einem, zwei oder drei Jahren ist. Als ich 2004 bei Bayern aufgehört habe, habe ich mir nie vorstellen können, noch einmal Trainer zu sein. Dann bin ich doch wieder eingestiegen, weil ich mich selbst überlistet habe und innerhalb von einer Sekunde zugesagt habe, als Uli Hoeneß angerufen hat. Aber das war eine super Entscheidung, weil ich nicht mehr diesen Druck empfunden habe, auch die Kraft hatte und die Freude bei der Arbeit empfand, die ich 2004 nicht mehr hatte.“

Frage: Wann haben Sie diesen Kraftverlust kommen sehen?
Hitzfeld: „Seit 2001 wurde es kräftemäßig weniger bei mir, schon damals wollte ich aufhören. Ich habe das auch Uli Hoeneß angeboten, als wir nach dem Champions-League-Sieg nach New York geflogen sind. Ich war schon damals ziemlich verbraucht, habe aber noch drei Jahre weitergemacht. Das war Raubbau. Man muss aber vielleicht im Leben auch so eine negative Erfahrung machen, um später klüger zu sein. Ich habe jetzt auch schon im Dezember gesagt, dass ich aufhöre, weil ich da noch die Kraft hatte, nein zu sagen. Wenn man wieder in den Strudel des Alltagsgeschäfts reinkommt, hat man diese Kraft vielleicht nicht mehr. Somit hat die Vernunft gesiegt.“

Frage: Sie haben gesagt, dass Sie nie langfristig nach vorne schauen. Heißt das, dass Sie eines Tages vielleicht als Trainer in die Bundesliga zurückkehren?
Hitzfeld: „Nach menschlichem Ermessen nicht. Ich habe schon vor, nie mehr Bundesligatrainer zu sein, aber ich kann nichts versprechen. Ich hoffe nicht, dass ich so unvernünftig bin und noch mal zurückkehre.“

Frage: Ihr erster Abschied 2004 war sehr emotional, Sie haben damals die eine oder andere Träne verdrückt. Wird Ihnen das am Samstag wieder passieren?
Hitzfeld: „Ich bin da unberechenbar und werde mich schon zusammenreißen müssen, dass die Tränen nicht kommen. Ich freue mich einfach auf ein Fußballfest, hoffe, dass wir den 69.000 im Stadion noch mal ein schönes Spiel zeigen können und dass wir das Spiel erfolgreich gestalten. Stadion, Marienplatz und noch einmal ein Bankett mit Bayern - das werden noch einmal bewegende Momente für mich.“

Frage: Was werden sie am meisten vermissen aus dem täglichen Trainingsbetrieb?
Hitzfeld: „Darüber mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Mein Trainerjob geht ja weiter. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, bei Bayern München nicht zu verlängern und stattdessen weniger Spiele im Jahr zu haben. Es erwartet mich eine neue spannende Aufgabe, bei der ich weiterhin mit jungen Spielern zusammenarbeite. Dadurch bleibt man auch selber etwas jünger. Im Nachhinein war die Entscheidung richtig, bei Bayern aufzuhören. Jedes Jahr, das man länger bleibt, besteht auch die Gefahr, dass man doch noch entlassen wird, und man kann dann nichts mehr korrigieren. Einen schöneren Abschied als mit drei von vier Titeln gibt es gar nicht, das kann man ja nicht vorausplanen. Zurzeit kann ich sehr ruhig schlafen.“

Frage: Sie haben gesagt, dass sich Ihre Lebensqualität künftig erhöhen wird. Was ist für Sie Lebensqualität?
Hitzfeld: „Unter Lebensqualität verstehe ich, dass man nicht mehr den Stress von 60 Bundesligaspielen hat. Pfingsten waren zum ersten Mal wieder zwei Tage frei, ansonsten hatte ich seit Januar keinen freien Tag. Künftig kann ich meine Zeit einteilen, ich habe mehr Freiraum für mich selbst.“

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