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Kahn tritt ab

'Es waren so viele tolle Momente'

Das freie Pfingstwochenende verbrachte Oliver Kahn in Bad Griesbach, um seiner liebsten Freizeitbeschäftigung zu frönen: dem Golfspielen. Auf dem Heimweg machte er in Pocking Station, um sich in einem kleinen Laden ein Handy zu kaufen. „Am Tag darauf stand das dann auf der Titelseite der Passauer Neuen Presse“, berichtete Kahn - und musste herzhaft dabei lachen. „Aber das wird jetzt hoffentlich in den nächsten Jahren nachlassen. Es wird ein bisschen ruhiger werden, das wird mir gut tun.“

Am Samstag wird Oliver Kahn von der großen Fußballbühne abtreten. Gegen Hertha BSC bestreitet der 38-Jährige sein 557. und gleichzeitig letztes Bundesligaspiel. Nur Karl-Heinz Körbel (602) und Manfred Kaltz (581) haben es auf mehr Einsätze im deutschen Fußball Oberhaus geschafft, aber wohl kaum ein Spieler zuvor hat einen ähnlich hohen öffentlichen Stellenwert als Fußballer und Persönlichkeit errungen wie Oliver Kahn.

Kahn, das personifizierte Bayern-Gen

Begonnen hat alles vor über 20 Jahren. Am 27. November 1987 feierte er im Trikot des Karlsruher SC sein Bundesligadebüt. Im Sommer 1994 wechselte zum FC Bayern, mit dem er unzählige Erfolge errang. Kahn ist mit acht Titeln Rekordmeister (gemeinsam mit Mehmet Scholl), Rekordpokalsieger (6) und feierte je ein Mal den Titel in der Champions League (2001) und im UEFA-Cup (1996) und gewann 2001 auch den Weltpokal. Drei mal wurde Kahn zum Welttorhüter gewählt. Mit 309 Siegen und 205 Zu-Null-Spielen ist er Rekordhalter in der Bundesligageschichte.

Wenn man auf die Karriere von Oliver Kahn zurückblicken möchte, reichen nackte Zahlen aber nicht aus. „Oliver ist eine große Persönlichkeit, er verkörpert das sogenannte 'Bayern-Gen' perfekt“, sagte Karl-Heinz Rummenigge kürzlich über den langjährigen Mannschaftskapitän und bezeichnete ihn als den „wichtigsten Spieler der letzten zehn Jahre“. Für Ottmar Hitzfeld ist Kahn schon jetzt eine „lebende Legende.“ Manager Uli Hoeneß lobte: „Oliver Kahn hat vom ersten bis zum letzten Tag maßgeblich das Bild des erfolgsorientierten FC Bayern geprägt."

Kahn, der Meinungsmacher

„Ich habe 14 Jahre meinen Teil beim FC Bayern beigetragen. Ich habe 14 Jahre versucht, das Beste aus meinem Job herauszuholen“, sagte Kahn rückblickend. Sein Motto „weiter, immer weiter“ machte ihn berühmt. Kahn, ohne Zweifel einer der besten Torhüter aller Zeiten, war immer der große Ehrgeizling, der vom Erfolg Besessene, derjenige, der sich fast ausschließlich über Leistung definierte - auf viele Menschen wirkte er gerade deshalb aber auch unnahbar. „Zu meiner Zeit war Fußball immer nur harte Arbeit und noch nicht so viel Spaß“, sagte er.

Kahn war aber auch ein Mensch, der sich nie in eine Schablone pressen ließ. „Ich habe nie mit meiner Meinung hinter den Berg gehalten - ob es populär oder unpopulär war. Es ging mir nicht darum, mich 20 Jahre durchzuschlängeln und immer opportunistisch aufzutreten. Ich habe immer versucht, Standpunkte zu beziehen. Mal waren sie falsch, mal waren sie richtig. Es gab viele schwierige Situationen, in denen ich einen Sturkopf hatte.“

Kahn, der Titan

Kahn war 2001 mit drei gehaltenen Elfmetern der „Held von Mailand“, durch seinen verhängnisvollen Fehler im WM-Endspiel ein Jahr später gegen Brasilien wurde aus dem „Titan“ der tragische Held, der nach dem Spiel einsam am Torpfosten kauerte. „Es waren so viele tolle Momente dabei, auch kleinere, die nicht in der Öffentlichkeit stattgefunden haben. Grausame Niederlagen, tolle euphorische Siege“, erinnert sich Kahn - und fängt plötzlich an zu lachen. „Getaaafe, hahaha, Getafe war sicherlich ganz weit vorne mit dabei“.

Samstag das Bundesligafinale gegen Hertha, danach noch die Freundschaftsspiel-Reise nach Asien - Kahns Tage als Bayern-Profi sind gezählt. Verabschieden wird er sich mit seinem insgesamt vierten Double-Gewinn. „Es war mir wichtig, dass das letzte Jahr ein positives Jahr wird“, sagte er. Gerade deshalb sei es „im Nachhinein eines der anstrengendsten“ gewesen.

Kahn, der Fernsehexperte

Mit einer gewissen Portion „Respekt“ blickt Kahn nun dem neuen Lebensabschnitt entgegen, seinem „zweiten Leben“, wie er es selbst nannte. „Es ist schwierig, einfach so mit dem Fußball aufzuhören und dann, was weiß ich, ein halbes Jahr durch den Urwald zu spazieren“, gab er zu. Er habe jedenfalls nicht vor, „ein, zwei Jahre völlig von der Bildfläche zu verschwinden.“ Kahn möchte den Trainerschein machen, wobei er sagt, niemals Trainer werden zu wollen. Kahn reizt lediglich eine neue Perspektive. Die bekommt er auch als ZDF-Experte bei Länderspielen, wodurch er weiterhin Kontakt zu „Fußball auf höchstem Niveau“ halten möchte.

Auch wird er ab Juni keinen großen Bogen um die Säbener Straße machen. „Vielleicht schau ich mal vorbei, gehe mal in den Kraftraum und trainiere ein bisschen. Ich glaube nicht, dass das irgendeinen stören wird.“ Auf jeden Fall wird er aber versuchen, eine gewisse Distanz zum „Show-Biz“ Fußball, zu dem er nach eigener Aussage selbst genügend beigetragen hat, zu gewinnen. Sein Privatleben soll wieder privater werden.

Kahn, der Bayern-Verantwortliche?

Kahn will sich eine schöpferische Pause nehmen, „es ist mir einfach mal wichtig, den Tag selbst einteilen zu können und nicht mehr den Druck zu haben.“ Wie lange er das aushalten wird? „Irgendwann kommen bestimmt neue Motivation und neue Ziele, und wie ich mich kenne, werde ich dann wieder mit mächtig viel Ehrgeiz an die Dinge herantreten.“ Vielleicht sogar beim FC Bayern. Manager Uli Hoeneß kündigte bereits an, dass seine Tür für Kahn jederzeit offen steht. „Eine Möglichkeit der Zusammenarbeit wird es immer geben", so Hoeneß

„Danke Oli - Wir werden Dich vermissen - Aber nicht vergessen“, haben einige Fans auf ein Transparent geschrieben und am Donnerstag beim letzten öffentlichen Training von Oliver Kahn hochgehalten. Viel besser hätte man seinen Abschied nicht in Worte fassen können.

Für fcbayern.de berichtet: Dirk Hauser

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