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Das Ende einer Ära

Letzte Ausfahrt St. Petersburg

Er hat so ziemlich alles erlebt in seiner knapp 20 Jahre währenden Profikarriere. Die legendären zwei Minuten von Barcelona, das Elfmeter-Drama von Mailand oder jüngst das „Wunder von Getafe“. Oliver Kahn hat alle Höhen erklommen, aber auch so manches Tief durchgestanden. Doch den 1. Mai 2008 hat sich der erfolgsverwöhnte Titelsammler des FC Bayern sicher anders vorgestellt. Die 0:4-Pleite bei Zenit St. Petersburg bedeutete nicht nur das Ausscheiden im Halbfinale des UEFA-Pokals, sondern zugleich auch das Ende seiner glanzvollen Europapokalkarriere.

142 Partien hat der Kapitän des deutschen Rekordmeisters in internationalen Vereinswettbewerben bestritten, davon allein 103 in der Champions League. Gerne hätte er sein letztes Europapokalspiel im Finale am 14. Mai in Manchester bestritten, doch es hat nicht sollen sein. Kahns letzte Ausfahrt war keine der großen europäischen Fußball-Arenen, sondern das eher beschauliche Petrovskiy-Stadion von St. Petersburg. „Ja, jetzt ist es zu Ende, und irgendwann geht es zu Ende“, meinte Kahn nach dem Spiel. „Jetzt ist es halt aus.“

Personifiziertes Bayern-Gen

Sein erstes Europapokalspiel bestritt der 38 Jahre alte Torhüter am 14. September 1993 beim 2:1-Erfolg des Karlsruher SC im UEFA-Cup gegen den PSV Eindhoven. Knapp zwei Monate später folgte der legendäre 7:0-Sieg des KSC im Zweitrundenrückspiel gegen den FC Valencia. Der Auftakt einer langen und unvergleichlichen Karriere, an deren Ende unter dem Strich ein Champions-League-Erfolg (2001), ein UEFA-Pokalsieg (1996), eine Finalteilnahme (1999) und diverse Halbfinalteilnahmen stehen.

Ob Mailand, Madrid oder Manchester - in jedem großen Stadion wurde der „Titan“ und seine Mannschaft geachtet und zuweilen auch gefürchtet. „Wir wären 2001 nie Champions-League-Sieger geworden ohne die Leistung von Kahn auf dem Platz und den Charakter und Willen, den er ausstrahlt. Er hat das personifizierte Bayern-Gen“, sagte kürzlich Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge und adelte Kahn als „wichtigsten Spieler“ der vergangenen zehn Jahre.

Zufrieden und dankbar

Auch St. Petersburgs Trainer Dick Advocaat verneigte sich nach dem Sieg seiner Mannschaft vor dem dreimaligen Welttorhüter. „Ich habe ihm gesagt, dass ich immer ein großer Fan von ihm war. Er war einer der besten deutschen Torhüter“, berichtete Advocaat von einem kurzen Vier-Augen-Gespräch mit Kahn unmittelbar nach dem Schlusspfiff. „Er ist ein sehr sympathischer Typ und ein sehr guter Trainer. Das waren ein paar verbindliche Worte, es war sehr nett“, gab Kahn die Komplimente zurück.

Wehmut über seinen letzten großen Auftritt überkam Kahn nicht, eher noch Enttäuschung über das „sang- und klanglose“ Ausscheiden seiner Mannschaft gegen den russischen Meister. „Natürlich sind wir enttäuscht. Wenn man im Halbfinale steht, dann will man das Finale erreichen“, meinte Kahn, der jedoch „sehr zufrieden, sehr dankbar“ darüber war, wie seine letzte Saison verlaufen ist. „Für manche Sportler gibt es noch ganz andere Endstationen in diesem Geschäft.“

Highlight St. Petersburg

Dass er ausgerechnet in seinem letzten Spiel seine höchste Europapokal-Niederlage kassierte, fiel für den bei allen Gegentoren machtlosen Kahn kaum ins Gewicht. Und so richtete sich er seinen Blick schon kurz nach dem Halbfinal-Aus wieder nach vorne auf die nächsten Aufgaben. „Wir brauchen noch einen Punkt für die deutsche Meisterschaft, ich denke, das werden wir schaffen in den vier Spielen. DFB-Pokalsieger sind wir auch. Wir werden uns nicht die ganze Saison durch diese - natürlich - harte Niederlage kaputt quatschen lassen.“

Vier Bundesligaspiele stehen noch auf Kahns Agenda, ehe er seine Handschuhe an den Nagel hängen wird. „Irgendwann ist man dann froh, wenn es vorbei ist und einen Schlussstrich ziehen kann“, so Kahn. Im Europapokal hat er die letzte Ausfahrt genommen, und irgendwie schien er auch ein wenig erleichtert. „Bei mir war’s das heute in St. Petersburg. Das ist übrigens eine fantastische Stadt. Also hier die internationale Karriere zu beenden, das ist schon ein Highlight“, sagte er mit einem Augenzwinkern.

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