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Trotz geplatzten Triple-Traums

Müde Bayern stolz auf ’großartige Saison’

Eine halbe Stunde vor Mitternacht verließ der Bus des FC Bayern das mittlerweile fast leere Petrovsky-Stadion in Richtung Hotel. Zehn, vielleicht 15 Minuten dauerte die Fahrt durch das nächtliche St. Petersburg, vorbei an den festlich beleuchteten Kathedralen, Palästen und all den historischen Gebäuden dieser ehemaligen Zarenstadt. Ob Ottmar Hitzfeld und seine Mannschaft sich zu diesem Zeitpunkt am Anblick der Sehenswürdigkeiten erfreuen konnten, darf angesichts der deutlichen 0:4-Schlappe gegen Zenit St. Petersburg und des damit klar verpassten UEFA-Cup-Finales stark angezweifelt werden.

„Wir müssen nicht um den heißen Brei herumreden, wir haben hier heute eins auf die Mütze bekommen. 0:4 ist happig“, gab Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge später bei seiner Bankettrede im Mannschaftshotel Astoria ganz unverblümt zu. „Das war heute ein schwarzer Tag für uns, wir haben eine katastrophale Niederlage hinnehmen müssen“, gestand zuvor auch Ottmar Hitzfeld. Es war für den 59-Jährigen die höchste Niederlage mit dem FC Bayern international - und das ausgerechnet in seinem letzten Europapokalspiel.

Triple-Traum ist zu Ende

Mit hängenden Köpfen hatten Hitzfelds Mannen nach dem Schlusspfiff den Rasen des Petrovsky-Stadions verlassen. Auch auf dem anschließenden Bankett wollte natürlich keine Feierstimmung aufkommen, zu tief saß bei allen Spielern - die meister zogen sich unmittelbar nach dem Essen auf ihr Zimmer zurück - die Enttäuschung über das Ende eines Traumes: Dem Traum vom Finale in Manchester am 14. Mai und dem ersten Titel-Triple in der Klubgeschichte.

Gescheitert sind die Münchner an einem Gegner, bei dem an diesem Tag alles zusammenpasste. Begünstigt durch das frühe Führungstor von Pavel Progrebnyak (4.) konnten die Russen ihr gefürchtetes Konterspiel aufziehen. „Das Gegentor hat unserem Spiel geschadet und dem Gegner in die Karten gespielt“, sagte Philipp Lahm. Bei den Toren von Konstantin Zyrianov (39.), Viktor Fayzulin (54.) und erneut Pogrebnyak (73.) gingen zudem in dieser Saison selten gesehene Fehler im Defensivverhalten des FCB voraus.

Zenit zeigt Champions-League-Format

„Wie wir die Gegentore kassiert haben, darf einer guten Mannschaft einfach nicht passieren, schon gar nicht in einem Halbfinale“, sagte Lahm. Und auch in der Offensive lief an diesem Abend kaum etwas zusammen. „Wir haben das schlechteste Spiel abgeliefert, an das ich mich erinnern kann“, sagte Luca Toni. Oliver Kahn attestierte dem Gegner aber auch eine „Klasseleistung. Ich habe im UEFA-Cup selten eine Mannschaft gesehen, die so aufgespielt hat. Das war absolutes Champions-League-Format“.

Deutlich sichtbar wurde im Spielverlauf aber auch der Substanzverlust der Bayern-Profis nach nunmehr 50 Pflichtspielen. „Unsere Mannschaft spielt seit Monaten drei Mal in der Woche. Heute war der Gegner einfach in einer super Verfassung, frischer und fitter, während wir ein bisschen auf dem Zahnfleisch dahergekommen sind“, zeigte Rummenigge Verständnis. „Man konnte nicht erwarten, dass die Mannschaft noch mal so einen Kraftakt schafft wie in Getafe oder beim Pokalendspiel. Wir hätten in Führung gehen müssen oder frühzeitig den Ausgleich machen“, analysierte Manager Uli Hoeneß und betonte: „Die Mannschaft ist mit den Kräften am Ende, besonders im Kopf.“

Hoeneß sieht Ziele erreicht

Hoeneß und die anderen Verantwortlichen sahen keinen Grund, ob dieser verpatzten Finalchance in tiefe Depression zu verfallen. „Diese Niederlage trübt überhaupt nicht die Saison. Ich bin hochzufrieden und muss der Mannschaft ein riesiges Kompliment machen. Wir haben aus meiner Sicht all unsere Ziele erreicht“, sagte Hoeneß. Mit der Meisterschaft, dem DFB-Pokal und dem Ligapokal haben die Bayern national alles abgeräumt, was es zu holen gab.

„Wir sollten daher nicht den Fehler machen, Grundsätzliches in Frage zu stellen und eine Klasse-Saison zu kritisieren“, betonte Rummenigge, der sich ausdrücklich bei Ottmar Hitzfeld und seiner Mannschaft „für großartige Leistungen“ bedankte: „Diese Saison hat für die runderneuerte Mannschaft großen Druck bedeutet, Titel zu holen. Das haben wir geschafft.“ Ottmar Hitzfeld sagte: „Die Mannschaft hat trotzdem eine großartige Saison gespielt. Das wollen wir nicht schlecht reden.“

Fünf Spiel ohne Sieg im UEFA-Cup

Bleibt nur die Frage, wo der FC Bayern im Jahr eins nach dem großen Umbruch und den vielen Millionen-Transfers international einzustufen ist. Fakt ist: In den letzten fünf UEFA-Cup-Spielen gab es keinen Sieg mehr. In insgesamt 14 Spielen kassierte die Hitzfeld-Truppe 19 Gegentore. Zum Vergleich: In der Meisterschaft waren es in bisher 30 Spielen lediglich 18. „International waren wir nicht so stark wie in der Bundesliga“, sagte Hitzfeld.

Endgültig beantwortet wird diese Frage aber wohl erst in der nächsten Saison, wenn der FC Bayern wieder in der Champions League vertreten ist „da, wo wir lange schon wieder hingehören“, so Hoeneß. In dem Wettbewerb also, in dem der FC Bayern auch nicht in jedem Spiel mit der Rolle des großen Favoriten zurechtkommen muss. „Wir haben die ganze Saison versucht, den UEFA-Cup groß zu reden, einen Wettbewerb, in dem es für den FC Bayern nicht einfach ist“, sagte Kahn, der glaubt, dass die aktuelle Mannschaft „viel Potenzial hat“ und in dieser Saison viel dazulernen konnte. „Im nächsten Jahr kann sie dann in der Champions League zeigen, wo sie in Europa steht.“

Kahn und Hitzfeld verlassen internationale Bühne

Das alles wird dann definitiv ohne Oliver Kahn ablaufen. Für den langjährigen Bayern-Kapitan und Champions-League-Gewinner von 2001 war das Spiel in St. Petersburg wie auch für Erfolgstrainer Ottmar Hitzfeld das letzte Europapokalspiel in seiner Karriere. Kahn sagte: „Das ist übrigens eine fantastische Stadt, kann ich jedem nur einmal empfehlen.“

Für fcbayern.de in St. Petersburg: Dirk Hauser

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