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Klinsmann im Interview

'Es kribbelt wahnsinnig'

Nach 44 Tagen Sommerpause hat der FC Bayern am Montag die Vorbereitung auf die Saison 2008/09 aufgenommen. Nach dem nationalen Triple in der vergangenen Saison und dem Halbfinale im UEFA-Cup geht der Rekordmeister wieder mit großen Erwartungen in die kommende Spielzeit. Kein leichtes Unterfangen also für den neuen Cheftrainer Jürgen Klinsmann und dessen neu zusammengestelltes Funktionsteam. Vor der ersten Trainingseinheit nahm sich der 43-Jährige Zeit und sprach mit fcbayern.de über seine neue Aufgabe. Dabei verriet der ehemalige Bundestrainer: „Es kribbelt wahnsinnig.“

Das Interview mit Jürgen Klinsmann

fcbayern.de: Jürgen Klinsmann, herzlich willkommen beim FC Bayern. Gestern Abend waren Sie noch beim EM-Finale in Wien, wie war Ihr Eindruck von dem Turnier?
Jürgen Klinsmann: „Ich glaube, dass wir alle eine super Europameisterschaft haben miterleben dürfen, mit einer tollen Atmosphäre in allen Stadien, mit tollen Spielen und einigen Leistungen einzelner Mannschaften, die wirklich Topklasse waren. Es war eine tolle EM mit einem verdienten Sieger Spanien.“

fcbayern.de: Für die deutsche Mannschaft hingegen hat es nach dem dritten Platz bei der WM auch diesmal „nur“ zu Platz zwei gereicht.
Klinsmann: „Klar, wenn man beim Endspiel dabei sein kann, dann will man es unbedingt gewinnen. Jetzt ist bei den Spielern die Enttäuschung erstmal sehr groß, weil man nicht alle Tage die Möglichkeit hat, Europameister zu werden. Da werden sie ein paar Wochen dran zu knabbern haben. Mit Spanien sind wir auf eine Mannschaft gestoßen, die uns einfach an diesem Abend um einiges voraus war und völlig verdient Europameister geworden ist.“

fcbayern.de: Wie beurteilen Sie die Leistungen „Ihrer“ Spieler vom FC Bayern?
Klinsmann: „Ich glaube, dass die Bayern-Spieler der Europameisterschaft mit ihren Stempel aufgedrückt haben. Schweinsteiger hat phasenweise sehr gut gespielt, Philipp Lahm war der Linksverteidiger des Turniers. Marcell Jansen hat Aufs und Abs gehabt, Miro Klose hing durch die Konstellation, dass man auf ein 4-5-1 umgestellt hat, leider oftmals in der Luft, es war sehr schwer für ihn. Aber auch Hamit Altintop hat eine Bomben-Europameisterschaft gespielt. er hat die Türken mitgezogen, er wurde zum Leader dieser Mannschaft. Ich habe ihm auch gleich gratuliert, dass er wirklich stolz sein kann auf das, was er mit der Türkei erreicht hat.“

fcbayern.de: Gab es aus Ihrer Sicht interessante Spieler für den FC Bayern?
Klinsmann: „Ein Verein wie der FC Bayern, der sich europäisch positioniert und über den Tellerrand hinausschaut, hat bei allen Spielen seine Scouts unterwegs. Wir beobachten ständig, nicht unbedingt auf diesen Sommer bezogen, sondern dann aufs nächste Jahr. Wir müssen langfristig planen, wir müssen überlegen, wie soll die Mannschaft in zwei oder vier Jahren aussehen. Und alles, was sich bei so einem großen Event an interessanten Spielern auftut, wird von uns beobachtet. Wenn dann mal wirklich ein Spieler dabei ist, den wir unbedingt für uns gewinnen wollen, dann gehen die Chefs ans Werk.“

fcbayern.de: Kommen wir zur neuen Saison. Das ehemalige Profihaus wurde in knapp sechs Wochen zum neuen Leistungszentrum umgebaut. Was erhoffen Sie sich davon?
Klinsmann: „Für uns ist das die Chance schlechthin, um viele Komponenten zusammenzuführen. Wir haben alle Wände rausgerissen, die wir rausreißen dürfen und haben jetzt Räumlichkeiten für die Spieler geschaffen, in denen sie relaxen können, sich zurückziehen oder fortbilden können. Wir haben Räumlichkeiten geschaffen, um ihre Leistungen noch mehr zu optimieren, auch außerhalb des Spielfeldes. Wir wollen zwei Komponenten vorantreiben: Auf dem Platz mit einer sehr intensiven Trainingsarbeit, die andere ist außerhalb des Platzes, wo wir sie als Menschen weiterbringen möchten. Es ist ein fantastisches Zentrum, bei uns Trainern kribbelt es wahnsinnig. Das ist einzigartig auf der Welt, das hat kein Real Madrid, kein FC Barcelona. Da sind wir echt stolz drauf.“

fcbayern.de: Sie sind im Januar als neuer Trainer vorgestellt worden, wie haben Sie die Zeit seitdem genutzt?
Klinsmann: „Es ist so: Wenn man sich für eine neue Aufgabe entscheidet, dann geht es im Prinzip vom ersten Tag an voll los. Mit der Vorstellung im Januar war ich nur noch fulltime am Arbeiten für den FC Bayern. Gerade mit dem Leistungszentrum, das war sehr, sehr zeitintensiv. Alle Kleinigkeiten, die da abgewickelt werden mussten, liefen über meinen Tisch, ich war ständig am Telefon oder über Email in Kontakt, war jeden Monat zwei Mal da. Natürlich im Hintergrund, weil ich Ottmar Hitzfeld in keinster Weise stören wollte.“

fcbayern.de: Freuen Sie sich schon auf Ihre erste Trainingseinheit?
Klinsmann: „Natürlich, wir vom neuen Trainerstab sind alle kribbelig und freuen uns riesig. Wir haben einen Trainerstab beieinander, der wirklich top ist. Dazu bauen wir den Christian Nerlinger als Teammanager ein, der den administrativen Bereich abdeckt und mir und den Trainern den Rücken freihält. Mit Philipp Laux haben wir einen Sportpsychologen mit an Bord, der die Spieler weiter formen soll, Profile zu entwickeln, sie gedanklich weiter zu entwickeln. Das ist ein Bombenteam und es ist wahnsinnig viel Energie da, da wird es viel Freude machen.“

fcbayern.de: Die Fans werden es sicherlich mit Freude vernehmen, genauso wie die Tatsache, dass das Training diese Woche öffentlich ist. Da gab es eine Menge Gerüchte im Vorfeld, was können Sie dazu sagen?
Klinsmann: „Durch die Tatsache, dass ich bei meiner Vorstellung im Januar gesagt habe, dass ich bis 30. Juni keinerlei Medienarbeit mache, allein aufgrund der Respektsituation gegenüber Ottmar Hitzfeld, haben die Medien alles mögliche erfunden. Der FC Bayern ist ein Verein für die Fans, der familiär angeführt wird von sehr umtriebigen aber auch sehr emotionalen Typen wie Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge, Karl Hopfner oder auch Franz Beckenbauer. Es war für mich gar kein Thema, dass die Leute nicht beim Training zuschauen können. Wenn es dann mal los geht und wir im Spielbetrieb sind, dann müssen wir aber überlegen, wann wir taktisch geführte Einheiten haben, damit wir nicht alle Karten auf den Tisch legen. Aber die Fans haben nachwievor Zugang zu uns und sind auf Tuchfühlung mit ihren Spielern, das ist uns sehr, sehr wichtig.“

fcbayern.de: Die Erwartungen an den FC Bayern sind immer sehr hoch, unter der Meisterschaft geht meist nichts. Wie gehen Sie damit um?
Klinsmann: „Die Erwartungen machen uns stolz. Der FC Bayern gehört zu den Eliteklubs der Welt, mit denen messen wir uns, mit denen müssen wir uns messen. Deswegen ist die Zielsetzung klar: Man möchte Titel am Ende des Jahres haben. National ohnehin, und international da wollen wir mitreden, wollen soweit wie möglich kommen. Und je weiter wir kommen, desto hungriger werden wir dann. Die Zielsetzungen müssen die höchsten sein, aber das wollen wir so, das gibt uns Energie und pusht uns jeden Tag bei der Arbeit.“

Das Interview führte Herbert Steffe

Das vollständige Interview sehen Sie bei FCB.tv

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