präsentiert von
Menü
'Mia san mia'

Auf dem Weg zur neuen Spielphilosophie

Jürgen Klinsmann wollte sich nicht mit einem Platz am Spielfeldrand begnügen. Nein, mitten drin wollte er sein, genau da, wo er alles am besten mitbekommt und Anweisungen geben kann. So sah man den neuen Bayern-Coach mal hinter der Viererkette, mal davor, mal seitlich im Mittelfeld. Eins war aber immer gleich: Klinsmann gab lautstark Kommandos an seine Spieler, dirigierte sie über den Platz, munterte auf und feuerte an - und das in mehreren Sprachen. Und wenn er es für wichtig befand, unterbrach er das Spielgeschehen, um auf Fehler aufmerksam zu machen.

Zu beobachten war dieses Szenario am letzten Samstag in einem 45-minütigen Testspiel gegen die eigenen Amateure. Klinsmann war dabei fast genauso viel gelaufen wie seine Spieler. Dominierend und Spiel bestimmend - so stellt sich der neue Chefcoach den FC Bayern zukünftig auf dem Platz vor. Doch hinter diesen Schlagwörtern steht weitaus mehr, als Klinsmann bei seiner ersten Pressekonferenz zwei Tage nach dem Trainingsauftakt verriet.

Spielweise soll individuelle Stärken betonen

„Ich glaube schon, dass es sehr wichtig für uns ist zu definieren, was unsere Spielphilosophie beim FC Bayern ist“, sagte der 43-Jährige im Gespräch mit fcbayern.de. Mehrere, zum Teil soziologische Aspekte, sollen dabei berücksichtigt werden: „Die Geschichte des FC Bayern, die Spielerpersönlichkeiten, die immer beim FC Bayern waren, die kulturelle Seite in München, Umgebung und Bayern. Was spricht für diese Leute hier? Ist es Innovation, ist es Mut zum Risiko, ist es Dominanz, ist es der Slogan: Mia san mia?“

Die wichtigste Komponente ist natürlich das vorhandene Spielermaterial. „Die Spielweise muss zu den Spielern passen, sie müssen sich darin wohlfühlen“, betonte Klinsmann. Die individuellen Fähigkeiten sollen dabei weiter eine ausgeprägte Rolle spielen. „Unser Job ist es, die Stärken jedes Einzelnen in den Vordergrund zu stellen und diese Stärken als Puzzle zusammen zu bauen, damit auch jeder auf dem Platz zeigen kann, was er drauf hat und vielleicht mit einer individuellen Aktion das Spiel entscheidet.“

Ziel gerichtete Trainingsarbeit

Grundsätzlich ist Klinsmann überzeugt, „dass unser Kader eine Spielweise erlaubt, die offensiv und Ton angebend ist.“ Eine Spiel bestimmende Spielweise ergibt sich für ihn schon fast zwangsläufig aus der Tatsache, dass es der FC Bayern gerade bei Heimspielen - aber auch bei den meisten Auswärtsspielen in der Bundesliga - mit einem Gegner zu tun bekommt, der mit Mann und Maus das eigene Tor verteidigt.

Klinsmann möchte seine Mannschaft darauf noch besser vorbereiten: „Wenn wir dann in ein paar Wochen gemeinsam mit den Spielern diese Spielphilosophie definiert haben, können wir auch unsere Trainingsarbeit danach ausrichten.“ Schon jetzt sieht man die Spieler bei den Trainingseinheiten immer wieder bei komplexen Übungen mit Direktkombinationen und Spielformen auf engstem Raum - begleitet von lauten Klinsmann-Rufen.

Dominanz auch gegen Topteams

Aber nicht nur gegen vermeintlich unterlegene Teams, sondern auch gegen ebenfalls auf Spieldominanz angelegte Mannschaften will Klinsmann die eigene Spielphilosophie („Es gibt kein Beispiel, an dem wir uns orientieren.“) durchziehen. „Es erfordert die Denkweise zu sagen, dass ich dem Gegner meine Spielweise aufzwinge und ihn nicht in aller Ruhe sein Spiel mit uns machen lasse.“

Voraussetzung dafür ist häufiger Ballbesitz beziehungsweise schnelle Ballrückeroberung. „Wir wollen eine Spielweise aufbauen, den Ball dort zurück zu gewinnen, wo wir ihn verloren haben. Wir wollen uns nicht mehr fallen lassen und uns neu ordnen.“ Kurz gesagt: Forechecking auf dem ganzen Platz - und das mit der ganzen Mannschaft: „Wenn der Gegner auf irgendeiner Seite im Spielaufbau ist, wollen wir versuchen, ihn komplett da in diesen Bereich zu zwingen und es ihm so eng wie möglich zu machen.“

Klinsmann nimmt Konter in Kauf

Zur besseren Orientierung für seine Spieler ließ Klinsmann dafür auf dem Trainingsplatz extra eine neue Linie ziehen, die genau durch die Mitte des Spielfelds verläuft. Die Gefahr, bei dieser betont offensiven Spielweise einen Konter einzufangen, nimmt Klinsmann gerne in Kauf. „Es gibt immer weniger Verteidiger, die einen Seitenwechsel a la Andy Brehme schlagen können. Wenn doch, muss man halt mal kurz hinterher hecheln.“

Um diese Spielweise auch über möglichst die komplette Spielzeit durchziehen, bedarf es natürlich sowohl einer hohen Konzentrationsfähigkeit als auch einer Spitzenphysis. Ein vielköpfiges Trainerteam arbeitet derzeit mit den Spielern an den konditionellen, taktischen, technischen und mentalen Grundlagen. „Wir können jeden Spieler jeden Tag betreuen und können dabei viel analysieren“, sagte Klinsmann.

Für fcbayern.de berichtet: Dirk Hauser

Weitere Inhalte