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Paul Breitner im Interview

'Das ist eine der Erwartungen an Klinsmann'

174 Gesichter umfassen die fünf Seiten im aktuellen Bayern-Jahrbuch, auf denen die Mitarbeiter des FC Bayern abgebildet sind. Das von Paul Breitner sucht man da vergeblich, dabei leistet der ehemalige Bayern-Profi und Nationalspieler keinen unwesentlichen Beitrag am Erfolg des Klubs. Breitner ist Berater des FCB-Vorstands und wird von Karl-Heinz Rummenigge und Co. oft um seine Meinung gebeten, wenn Entscheidung im sportlichen Bereich rund um die Mannschaft anstehen. fcbayern.de traf sich mit dem 57-Jährigen zu einem Gespräch über die Veränderungen, die in diesem Sommer beim Rekordmeister stattgefunden haben.

Das Interview mit Paul Breitner:

fcbayern.de: Herr Breitner, fünf Punkte hat der FC Bayern nach den ersten drei Saisonspielen auf dem Konto. Sagen Sie „nur“ oder in Anbetracht der Voraussetzungen „immerhin“?
Paul Breitner: „Es ist sicherlich nicht das, was der Fußballfan vom FC Bayern erwartet, nämlich neun Punkte aus drei Spielen. Aber es gibt auch beim FC Bayern Gründe oder spezielle Situationen, warum mal nur fünf Punkte rausspringen.“

fcbayern.de: Sie denken da an die Personalsituation?
Breitner: „Ja. Wir haben ein paar Spieler, die den Unterschied ausmachen von der gehobenen Klasse in der Bundeliga zur internationalen Klasse. Das sind vor allem Franck Ribéry, Luca Toni und Martin Demichelis, allesamt Weltklasse-Spieler. Man muss einfach festhalten, dass das Fehlen dieser drei Spieler eine enorme Schwächung für den FC Bayern ist, damit mache ich die anderen Spieler auch gar nicht schlechter. Das war doch schon zu meiner Zeit so, wenn Franz Beckenbauer und Gerd Müller gemeinsam ausgefallen sind, oder in späteren Jahren Karl-Heinz Rummenigge und ich gemeinsam. Einen dieser Spieler kann man für einen kürzeren Zeitraum immer ersetzen, weil die anderen zusätzlich motiviert sind zu zeigen, dass es auch ohne ihn geht. Aber mehrere auf einmal funktioniert kaum.“

fcbayern.de: Es gab beim FC Bayern bedeutende Veränderungen in diesem Sommer: ein neues Leistungszentrum und einen komplett neuen Trainerstab. Haben Sie den Eindruck, dass das in der Öffentlichkeit völlig unvoreingenommen gesehen wurde?
Breitner: „Es gab viele Vorurteile gegenüber Jürgen Klinsmann mit dem Argument, er habe noch nie eine Bundesligamannschaft trainiert. Dazu sage ich: Vor 2004 hatte er auch noch nie eine Nationalmannschaft trainiert. Dann diese unsägliche Diskussion über die Buddhas und die Art und Weise, wie in den Medien hochgespielt wurde, dass auch Klinsmann nicht-öffentliche Trainingseinheiten absolviert. Das ist doch nichts Neues, das gab es auch vorher schon. Und wenn ich sehe, wie sich die deutsche Nationalmannschaft bei jedem Länderspiel abschottet, ist das, was hier passiert, doch überhaupt nichts dagegen.“

fcbayern.de: Die Diskussionen drehten sich auch um die vielen neuen Trainer und die vermeintlich neuen Trainingsmethoden.
Breitner: „Es ist doch ganz normal, dass jeder Trainer seine eigenen Leute mitbringt, warum dann nicht auch Jürgen Klinsmann? Und was die Methoden angeht: Ich spreche seit drei Jahrzehnten davon, was zeitgemäßes Training ist, in dem die neusten sportwissenschaftlichen Errungenschaften integriert werden. Es gibt immer noch Trainer die glauben, mit nur einem Co-Trainer einen Kader von 25 Leuten sinnvoll zu beschäftigen. Als ich 1974 bei Real Madrid gespielt habe, gab es damals schon sechs Trainer und zusätzlich einen Physiotherapeuten, der sich nur um die Verletzten gekümmert hat. Man kann doch einen Luca Toni nicht trainieren wie einen Franck Ribéry, wenn man sie individuell weiter bringen will. Man muss die Spieler ihren physischen Eigenschaften entsprechend trainieren.“

fcbayern.de: Das ist das, was Klinsmann vorhat, nämlich jeden Spieler täglich besser machen zu wollen.
Breitner: „Richtig. Was bis zuletzt unter Ottmar Hitzfeld sehr erfolgreich war, ist doch wunderbar. Doch jetzt musste eine Zäsur passieren. Jetzt haben wir die Chance, das eine oder andere daraufhin zu prüfen, ob es noch zeitgemäß ist, um uns somit für die kommenden Jahre zu rüsten. Ich wünsche, dass der FC Bayern mit der Art von Jürgen Klinsmann mindestens genauso erfolgreich sein wird wie in den letzten 40 Jahren, dann werden sich nämlich viele von diesen Ideen in der ganzen Bundesliga durchsetzen.“

fcbayern.de: Klinsmann ist eine andere Trainer-Generation wie Ottmar Hitzfeld. Was erhofft man sich beim FC Bayern dadurch?
Breitner: „Wir haben ja gesehen, wie Jürgen in den zwei Jahren als Bundestrainer die Nationalmannschaft geformt und geprägt hat. Er weiß, wie man mit der heutigen Generation von Fußballspielern umgehen muss. Er redet nicht von oben herab mit den Spielern, sondern bewegt sich mit ihnen auf einem Level und ist glaubwürdig. Ein Beispiel: Eine SMS oder eine Email können manchmal mehr aussagen, als wenn ich mit einem Profi 20 Minuten um einen Fußballplatz herumlaufe und ihm versuche, irgendetwas einzuprägen.“

fcbayern.de: Kann das auch ein Puzzlestück sein, um den FC Bayern auch international wieder ganz nach oben zu führen?
Breitner: „Wir müssen schlicht und ergreifend erkennen, dass mit der Art und Weise, mit der in Bundesliga in den letzten Jahren gespielt wurde, international nichts mehr zu reißen ist. Wir müssen umdenken, denn wir haben in Deutschland wieder mal eine Entwicklung versäumt, in der andere Nationen schon zwei, drei Schritte in ein neues Spielsystem gemacht haben. Ich meine damit den so genannten One-Touch-Fußball. Da sind die Spieler in der Lage, aus der Bewegung heraus und im höchsten Tempo mit einem, höchstens zwei Kontakten zu kombinieren - so wie es die großen vier Mannschaften in der Premier League vorgemacht haben und wie selbst Real Madrid oder der FC Barcelona mittlerweile auch spielen. Dazu muss ich die Mannschaft formen, genau das ist eine der Erwartungen, die wir an Jürgen Klinsmann haben.“

fcbayern.de: Für diesen Fußball braucht man natürlich auch die entsprechenden Spieler.
Breitner: „Keine Frage, die haben wir. Wir haben einen wunderbaren Kader. Auch bei ManU, Chelsea und Arsenal gibt es nicht nur Künstler, da sind auch ein paar Schrotmeißel dabei. Es hängt davon ab, wie ich sie erziehe, wie ich sie jeden Tag trainiere lasse. Dann können Automatismen entstehen, in denen die Spieler im höchstem Tempo mit dem Ball kombinieren. Ich bin überzeugt, dass wir die richtigen Spieler haben, um diesen Fußball spielen zu können. Jetzt müssen sie sich da nur noch reindenken und es erlernen.“

fcbayern.de: Trotz alledem liest man immer wieder mal, dass Sie in irgendwelchen Stadien dieser Welt neue Spieler beobachtet haben sollen.
Breitner: „Ich bin gerne unterwegs und schaue mir gerne interessante Spieler an. Das war auch in diesem Jahr so, als wir den einen oder anderen Spieler gerne geholt hätten, der Transfer aus den unterschiedlichsten Gründen aber nicht zustande gekommen ist. Unser Credo ist bekannt, wir kaufen Qualität statt Quantität. Und die absolute Qualität kostet Geld. Aber wenn wir überzeugt sind, dass uns einer weiterhilft und wir den Spieler auch bekommen können, dann sind wir dazu auch bereit. Im Gegensatz zum Leitspruch eines früheren Bundesligatrainers sage ich: Geld schießt Tore. Topleute, die oft einen Haufen Geld kosten, machen den Unterschied aus.“

fcbayern.de: Was erhoffen Sie sich in dieser Saison für den FC Bayern?
Breitner: „Ich hoffe, dass wir an die Begeisterung, die die Mannschaft in der letzten Saison - bis auf wenige Ausnahmen im Herbst - bei den Fans entfacht hat, anschließen können. Und ich hoffe, dass Jürgen Klinsmann mit seiner Mannschaft den Schritt nach vorne macht, um mit unserer Spielweise dahin zu kommen, wo die internationale Topspitze schon ist. Aber eines ist auch klar: Wir können uns nicht erlauben, die Bundesliga auf die leichte Schulter zu nehmen. Die Nummer eins ist und bleibt die Meisterschaft, das andere ist das Sahnehäubchen. Aber natürlich schielen wir nach den internationalen Aufgaben und wir sind überzeugt, dass wir mit dieser Mannschaft in der Champions League sehr weit kommen können.“

Das Interview führte: Dirk Hauser

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