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Ex-Bayer-Manager Calmund

'Mein Tipp lautet 2:2'

Die Trainingskiebitze an der Säbener Straße staunten nicht schlecht, als da einer am Zaun entlangging, den man nicht unbedingt beim FC Bayern erwartet: Reiner Calmund. Der ehemalige Leverkusen-Manager hatte sich kurz zuvor mit Zé Roberto getroffen, um ein Interview für Calli.tv abzudrehen. Bestens gelaunt nahm sich die rheinische Frohnatur anschließend die Zeit für ein ausführliches Gespräch mit fcbayern.de. Dabei ging es natürlich in erster Linie um das Bundesliga-Spitzenspiel am Samstag zwischen seinem Ex-Klub Bayer Leverkusen und dem FC Bayern.

Das Interview mit Reiner Calmund:

fcbayern: Herr Calmund, erst mal nachträglich alles Gute zum 60. - oder wie man beim FCB sagt 59.+1. - Geburtstag. Haben Sie dem Anlass entsprechend gefeiert?
Reiner Calmund: „Na klar! Mein Motto war schon immer feste arbeiten und feste feiern. Wir haben es im Freundeskreis richtig krachen lassen, die Luft hat gebrannt. Nicht nur ich habe getanzt, sondern, wie sagt man so schön, der Bär.“

fcbayern: Am Samstag spielt der FC Bayern bei Ihrem Ex-Klub Bayer Leverkusen, der Tabellendritte ist zu Gast bei Zweiten…
Calmund: „… und ich bin leider nicht live im Stadion dabei, da ich das Spiel für einen österreichischen Sender kommentiere. Mein Tipp lautet 2:2. Bayern ist für mich der Topfavorit auf die Meisterschaft, da gibt es überhaupt keine Diskussion. Sie sind überall super besetzt, in der Mannschaft, im Trainer-Betreuer-Stab und im Management. Aber Leverkusen hat mir bisher sehr gut gefallen, es hat mir Spaß gemacht, sie zu sehen, vor allem im Spiel nach vorne. Sie haben sich mit Helmes, Renato Augusto und dem kleinen Kadlec super verstärkt. Dass das Stadion ausgebaut wird, ist für mich eine wichtige Signalwirkung, dass der Klub weiter nach vorne will.“

fcbayern.de: Und wie gefällt Ihnen der FC Bayern in dieser Saison?
Calmund: „Ich habe Bayern am Dienstag live gegen Bukarest gesehen und habe den Eindruck, dass die Mannschaft immer besser zu ihrem Rhythmus findet. Die Automatismen greifen immer besser. Obwohl sie nicht immer gut spielten, haben sie aufgrund der großen individuellen Klasse einiger Spieler auch zuvor schon verhältnismäßig viel gepunktet.“

fcbayern.de: Beide Teams sind extrem stark in der Offensive und haben sehr gute Stürmer. Kann es trotzdem sein, dass in diesem Spiel die Abwehrleistung entscheidend sein wird?
Calmund: „Leverkusen ist mit Adler im Tor überragend besetzt, er ist das Paradestück hinten drin. Ansonsten muss man sagen, dass bei Bayern mit Lucio, Demichelis oder Van Buyten Leute mit internationaler Erfahrung in der Innenverteidigung spielen. Da sind sie gegenüber Leverkusen einfach besser. Ich glaube, das kann man so deutlich sagen.“

fcbayern.de: Fiebern Sie bei den Spielen Ihres Ex-Klubs eigentlich noch mit?
Calmund: „Nicht mehr so wie früher. Da hat eine Niederlage immer Lebensqualität gekostet, da gingen die Rollladen runter und es wurde aus Konservendosen gegessen. Niederlagen waren für mich bitter. Ich konnte mich mit den Spielern, mit den Beratern und den Verbänden auseinandersetzen, da war ich abgebrüht, aber Niederlagen waren für mich kaum auszuhalten. Heute bin ich ein normaler Fan und wünsche dem Klub, dass er oben mitspielt. Und am Samstag drücke ich natürlich Leverkusen die Daumen.“

fcbayern.de: Beide Klubs sind mit neuen Trainern in die Saison gegangen. Sehen Sie Parallelen zwischen Jürgen Klinsmann und Bruno Labbadia?
Calmund: „Ich denke, da sind durchaus Ähnlichkeiten auszumachen. Beide wollen die Spieler individuell und damit die Mannschaft verbessern, dazu muss man die Spieler zeitlich mehr in Anspruch nehmen. Maßnahmen, wie die Mannschaft gerade in der Vorbereitung von morgens bis abends auf dem Klubgelände zusammen zu haben, halte ich für absolut richtig und zeitgemäß. Im Vergleich mit Turnern oder Schwimmern, die auch morgens und abends trainieren, leben unsere Fußballer doch im Schlaraffenland. Und für Klinsmann ist doch klar: Da man wirtschaftlich mit Klubs wie Chelsea, Barcelona oder Real nicht mithalten kann, greift das Sprichwort: Die Schnellen fressen die Langsamen. Es ist doch völlig richtig, alles auszuschöpfen, was moderne Trainingsmethoden und -mittel angeht.“

fcbayern.de: Einer der besten Bayern-Spieler in dieser Saison ist Zé Roberto, den Sie einst als Bayer-Manager nach Leverkusen geholt haben. Wie sehen Sie ihn?
Calmund: „Bei Zé ist es wie beim Rotwein: je älter umso besser. Er spielt wirklich fantastisch. Als wir mit Bayer 2002 im Champions-League-Finale waren, wurde er anschließend ins Allstar-Team berufen. Diego Placente hinten links und Zé davor, das war schon ein tolles Duo. Aber das Beste, was ich in den letzten 30 Jahren gesehen habe, ist das Trio Zé, Philipp Lahm und Franck Ribéry auf der linken Seite. Das ist ein Genuss, das ist Zauberei vom Allerfeinsten und dazu noch größte Effektivität. Deswegen habe ich ihm auch gesagt: Mit deiner Familie kannst du noch früh genug an der Copacabana spazieren gehen. Aber dieses Trio, das ist top, es gibt nichts Schöneres, als da weiter mitzuspielen. Da gibt’s doch gar keine Diskussionen, da muss er noch ein, zwei Jahre dabei bleiben.“

fcbayern.de: Zé Roberto, Lucio, Ballack, Kovac und Jorghino - gab es in Ihrer Zeit als Leverkusener Manager nicht mal einen Moment, in dem Sie sauer auf die Bayern waren, weil die Ihnen immer die besten Spieler weggelockt haben?
Calmund: „Nein, wirklich nicht. Wir haben das immer ordentlich abgewickelt. Außerdem: Wenn man im Glashaus sitzt, darf man nicht mit Steinen werfen. Ich habe die selben Sachen mit Klubs in Brasilien oder kleineren Klubs in der Bundesliga gemacht, da standen wir wirtschaftlich drüber. Und Bayern stand halt über uns, da kann man nicht sauer sein.“

fcbayern: Wird es für Reiner Calmund noch mal ein Comeback in der Bundesliga geben?
Calmund: „(lacht) Nein, diese Zeiten sind für mich vorbei. Man könnte es nach Konrad Adenauer halten und sagen: Was stört mich mein Geschwätz von gestern? Ich fühle mich noch wie mit 40 und könnte von morgens bis abends voll marschieren, aber die Aussage von 2004 hat sich bei mir manifestiert. Ich hatte zwischendurch zwar einige Anfragen, aber das ist vorbei. Ich könnte mir höchstens noch mal vorstellen, wenn es irgendwo brennt, für ein halbes Jahr auszuhelfen, um einen jungen Mann einzuarbeiten.“

Das Interview führte: Dirk Hauser

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