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Timos Tagebuch, Kapitel 4

Achterbahn in Kalkutta

Out of Rosenheim - was in den 80er Jahren der Titel eines Kinofilms war, steht auch über dem Leben von Timo Heinze. Der 22 Jahre alte Rechtsverteidiger aus Rosenheim spielt bereits seine elfte Saison im FCB-Trikot. Mit der zweiten Mannschaft ist er vom 15. bis 23. Januar unterwegs in Indien, gut 7.000 Kilometer entfernt von München, und Rosenheim natürlich. Seine Erlebnisse schildert er exklusiv in einem Tagebuch auf fcbayern.de.

Timos Tagebuch, Kapitel 4

Auf vielfachen Wunsch meiner Mannschaftskollegen soll hier ein Thema genannt werden, das uns sehr am Herzen liegt: Busfahren in Kalkutta. Klingt unspektakulär, ist es aber ganz und gar nicht.

Wer schon mal beispielsweise im südeuropäischen Ausland Auto gefahren ist, hat sicher die Erfahrung gemacht, dass es dort verkehrstechnisch nicht ganz so gesittet zugeht wie in Deutschland. Ich sage Ihnen: Vergessen Sie es! Denn was hier auf den Straßen abgeht, das ist noch mal eine ganz andere Hausnummer.
Die einzig gültige Regel ist, dass es keine gibt.

Da wird im Dunkeln ohne Licht gefahren, die wenigen Ampeln zumeist dezent ignoriert und Verkehrsschilder oder Straßenmarkierungen finden sich so gut wie gar keine. Kurz gesagt, es herrscht ein reges Chaos auf den Straßen dieser Metropole, die aus allen Nähten zu platzen scheint. Es tummeln sich dort sowohl Autos und viele Busse als auch Fahrräder und zahlreiche Fußgänger. Und das völlig unkoordiniert und durcheinander auf der Fahrbahn verteilt.

Da wird einem wirklich Angst und Bange, wenn der Fahrer mal wieder zum Überholmanöver ausschert, dem Gegenverkehr mit Vollgas entgegenbraust, um dann eine gefühlte Zehntelsekunde vor dem scheinbar unvermeidlichen Aufprall das Steuer doch noch herumreißt. Aber der Inder sieht das nicht so eng. Im wahrsten Sinne des Wortes. Im scheint es nur dann Spaß zu machen, wenn der Abstand zum passierten Nebenmann möglichst knapp ist.

Sogar unserem Trainer, ein bekanntlich hartgesottener Typ, wurde es irgendwann zu bunt. Er verließ seinen angestammten Platz im Bus während der Fahrt mit den Worten: „Das kann ich nicht mit anschauen, der ist doch nicht ganz dicht!“ Und setzte sich weiter hinter, wo er das Schauspiel besser ertragen konnte.

Überhaupt ging alle paar Sekunden ein lautes Raunen durch unseren Bus, begleitet von ungläubigem Kopfschütteln und vereinzelten panischen Lachern. Die Stimmung war wie bei einer Achterbahnfahrt auf der Wiesn. Das ein oder andere Mal hörte man nur noch einen der Spieler vor sich hin sagen: „Jetzt ist alles aus.“ Aber es passierte nichts. Und das ist das eigentlich Erstaunliche an der Sache. Niemand ist zu Schaden gekommen, was keiner während der Fahrt für möglich hielt. Generell war kein einziger Unfall zu sehen, anscheinend funktioniert dieses wirre „Verkehrssystem“ auch noch.

Allerdings fuhr vor uns auch immer eine kleine Polizeieskorte, da wir hier in Indien als Staatsgäste oberster Priorität gelten. Wer weiß, was sonst alles passiert wäre, wenn uns unser Freund und Helfer nicht den einen oder anderen Wagen vom Hals gehalten hätte…

Der Inder spielt sehr gerne Fußball. Noch lieber allerdings Cricket, das läuft eigentlich den ganzen Tag im Fernsehen. Sein Volkssport Nummer eins ist aber unangefochten das Hupen. Er hupt selbstverständlich, wenn er Gefahr kommen sieht. Er hupt aber auch, wenn er jemanden grüßen will. Genau so hupt er, wenn er abbiegen will, denn einen Blinker hat er nicht. Und will er etwas stärker bremsen, hupt er natürlich auch. Ich bin zu der festen Überzeugung gekommen, dass er sogar hupt, weil ihm langweilig ist. Jedenfalls macht das hier jeder. Und so kommt man sich stets vor, als hätte Deutschland soeben ein WM-Halbfinale gewonnen und man befände sich inmitten eines Autokorsos auf der Münchner Leopoldstraße.

Ach ja, Fußball gespielt wurde auch noch. Am Montag ging es erneut gegen East Bengal, sozusagen zum „Rückspiel“. In einem munteren Kick auf sehr anständigem Niveau gewannen wir mit 5:1 im Stadion des Gegners. Die Euphorie, die uns danach entgegenschlug, kannte keine Grenzen. Wir wurden gefeiert und lautstark beklatscht. Die Sicherheitsleute hatten größte Mühe, uns die jubelnden Zuschauer vom Leib zu halten. Das Stadion selbst war allerdings bei Weitem nicht ausverkauft. Das Spiel wurde aber live im TV übertragen und von sage und schreibe 30 (!) Millionen Indern verfolgt. Und heil angekommen im Hotel sind wir zum Glück dann auch noch.

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