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Klinsmann-Interview, Teil I

'Dann ist kein Fortschritt möglich'

Es war am 11. Januar 2008, als Jürgen Klinsmann als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld vorgestellt wurde. Vor circa 240 Journalisten und 33 TV-Kameras präsentierte der ehemalige Nationaltrainer das Konzept für seine erste Tätigkeit als Coach bei einem Klub. Seitdem ist viel passiert im Leben des ehemaligen Weltklassestürmers. fcbayern.de blickte gemeinsam mit Klinsmann auf diese Zeit zurück und analysierte seine ersten sechs Monate seit Amtsantritt im letzten Sommer.

Das Interview mit Jürgen Klinsmann, Teil I:

fcbayern.de: Jürgen, vor genau einem Jahr sind Sie als neuer Bayern-Coach vorgestellt worden. Worunter würden Sie diese Zeit in Ihrem bisherigen Leben einstufen?
Jürgen Klinsmann: „Für uns als Familie steht sie für die Rückkehr nach Deutschland. Nach zehn Jahren in den USA haben wir diesen Entschluss gefasst, das war ein riesiger Schritt für uns. Der war natürlich verbunden mit der großen Ehre, Trainer beim FC Bayern zu werden, und der Chance, bei dem größten deutschen Klub eine Aufgabe wahrzunehmen, die einfach außergewöhnlich ist.“

fcbayern.de: Für die Öffentlichkeit war die Meldung, dass Sie Bayern-Trainer werden, eine große Überraschung, fast schon eine Sensation. Für Sie auch?
Klinsmann: „Auch für mich war es überraschend, als ich kurz vor Weihnachten von Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß angerufen wurde, ob ich an der Aufgabe interessiert wäre. Das hatte schon einen Wow-Effekt. Der Schritt, nach Europa zurückzugehen, war für mich jetzt weniger überraschend. Das war nur eine Frage der Zeit, denn ich hatte nach dem Ende meiner Tätigkeit als Nationaltrainer viele Anfragen. Die Sache mit Bayern war dann innerhalb von fünf Minuten besprochen, weil meine Frau spontan auch gleich ja dazu gesagt hat. Auch wenn es sportlich oft turbulent war, hatten wir während meiner Zeit als Spieler beim FCB zwei wunderschöne Jahre in München. Unser kleiner Sohn ist damals zur Welt gekommen.“

fcbayern.de: Offiziell begann Ihre Tätigkeit beim FC Bayern erst am 1. Juli. Aber die Arbeit ging schon viel früher los, oder?
Klinsmann: „Obwohl ich das erste halbe Jahr noch gar nicht unter Vertrag stand, war es schon sehr intensiv, Dinge vorzubereiten, die ab 1. Juli auf uns zugekommen sind. Und dann war ja da noch die Geschichte mit dem Leistungszentrum. Als ich gehört habe, dass im Zuge des Neubaus des ServiceCenters einige Flächen im Altbau frei wurden, kam mir gleich die Idee mit dem Leistungszentrum. Somit war ich gleich ab Januar vollauf beschäftigt.“

fcbayern.de: War es schwierig, all dies zu machen, ohne die Arbeit von Ottmar Hitzfeld irgendwie zu behindern?
Klinsmann: „Nein, das war in keiner Weise schwierig. Ich habe ja bewusst auch keine Interviews gegeben, damit Ottmar in Ruhe hat arbeiten können. Das war auch unter uns klar so abgesprochen. Ich habe in aller Ruhe im Hintergrund mit dem Vorstand die Dinge vorbereitet. Dass ich mich trotzdem ab und zu mit dem Vorstand schon vor meinem Antritt treffen musste, um die Dinge für die Zukunft zu besprechen, ist doch auch klar.“

fcbayern.de: Gab es zwischen Ihnen und Ottmar Hitzfeld eine Art Übergabegespräch?
Klinsmann: „Ja, das hatten wir aber nicht nach Saisonende, sondern schon irgendwann im März oder April. Da sind wir gemütlich zusammen Essen gegangen und haben dabei natürlich auch über die Mannschaft gesprochen. Ich war neugierig, wie er sie sieht und analysiert. Danach habe ich mit der Klubführung besprochen, dass ich den Kader im Großen und Ganzen so übernehme, wie er war - zumal erst im Jahr zuvor große finanzielle Anstrengungen unternommen worden waren. Außerdem wollte ich mir von jedem einzelnen Spieler selbst ein Bild machen. Ich wollte sehen, welches Potenzial bei jedem Einzelnen vorhanden ist und wie wir ihn hoffentlich noch ein Stück besser machen können.“

fcbayern.de: Waren Sie am Tag des Trainingsauftaktes aufgeregt?
Klinsmann: „Aufgeregt und stolz. Ich war nicht nervös, sondern voller Vorfreude. Die hatte ich ja schon seit fast einem halben Jahr. Das waren dann sehr lange Arbeitstage am Anfang, bis ein Rädchen ins andere gegriffen hat. Wir hatten ja nicht nur das Leistungszentrum neu, sondern einen komplett neuen Trainerstab.“

fcbayern.de: Sie sprechen die Neuerungen an. War Ihnen bewusst, dass es dadurch Anlaufprobleme geben könnte, zumal die Vorbereitung durch die EM-Fahrer auch ziemlich zerschnitten war?
Klinsmann: „Ja, es war klar, dass es am Anfang augrund dieser Umstände eigentlich nicht rund laufen konnte. Wir haben ja nicht nur den Tagesablauf der Spieler umgestellt, sondern ihr ganzes Umfeld, in dem sie gearbeitet haben. Das hat es der Mannschaft nicht einfach gemacht, Ruhe zu finden. Zudem war ich neugierig auf die sportlichen Komponenten jedes einzelnen Spielers. Es war klar, dass es drei, vier Monate dauern kann.“

fcbayern.de: Sie haben in den ersten Saisonwochen viel ausprobiert, sowohl was das System als auch was die Spieler angeht. Gehörte das zu Ihrem Konzept dazu?
Klinsmann: „Es war wichtig, dass wir relativ schnell ein zweites System in der Tasche haben. Das 3-5-2 hat ja auch gut funktioniert, vor allem in Bukarest. Das ist eine Variante, die wir jetzt immer aus dem Ärmel ziehen können. Zum anderen war es wichtig, dass die Spieler gemerkt haben, sie wurden herausgefordert, mit neuen Dingen umzugehen. Im Amerikanischen sagt man, wir haben sie aus ihrer 'Comfort-Zone' herausgeholt. Das bringt zwar automatisch Verunsicherung mit sich, aber die war von uns bewusst gewählt. Nur durch Veränderung kann man entsprechende Dinge erkennen und dann die nötigen Schlüsse daraus ziehen. Wenn alles bleibt, wie es ist, ist kein Fortschritt möglich - das ist meine Prämisse. Und wir waren neugierig, wie die Spieler damit umgehen.“

fcbayern.de: Hat es Sie auch nicht beunruhigt, als zu Beginn der Saison die Ergebnisse ausblieben?
Klinsmann: „Uns hat es eigentlich nicht aus der Ruhe gebracht, aber das Umfeld hat schon ein wenig gerüttelt. Der FC Bayern steht nun mal unter ganz besonderer Beobachtung und egal, was man macht, die Ergebnisse müssen stimmen. Deswegen ist es ein schmaler Grat, auf dem man sich bewegt, wenn man Dinge ausprobiert. Um weiterzukommen, muss man aber diesen schmalen Grat wählen. Der Klub hat mich ja auch verpflichtet mit der Vorgabe, die Spieler weiterzubringen.“

fcbayern.de: Was haben die Spieler zu den Neuerungen gesagt?
Klinsmann: „Ich glaube, das Allerwichtigste für Sie war, zu sehen, dass es uns nur um sie geht, dass sie im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen. Wir verlangen sehr viel von ihnen, aber sie bekommen auch sehr viel an Wertschätzung, an Unterstützung und an Top-Trainingsmöglichkeiten, die, so denke ich, momentan international mit führend sind.“

Das Interview führte: Dirk Hauser

Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie am Montag

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