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Timos Tagebuch, Kapitel 3

Not, Elend und strahlende Kinderaugen

Out of Rosenheim - was in den 80er Jahren der Titel eines Kinofilms war, steht auch über dem Leben von Timo Heinze. Der 22 Jahre alte Rechtsverteidiger aus Rosenheim spielt bereits seine elfte Saison im FCB-Trikot. Mit der zweiten Mannschaft ist er vom 15. bis 23. Januar unterwegs in Indien, gut 7.000 Kilometer entfernt von München, und Rosenheim natürlich. Seine Erlebnisse schildert er exklusiv in einem Tagebuch auf fcbayern.de.

Timos Tagebuch, Kapitel 3

Am Sonntag stand ausnahmsweise einmal kein Fußball auf dem Programm, ganz andere Dinge rückten in den Mittelpunkt. Ein Tag voller Unternehmungen und Erlebnisse. Und daran verknüpfte Erfahrungen, die so schnell wohl keiner von uns vergessen wird.

Los ging es mit einem Besuch im Mutter-Theresa-Haus. Dort besichtigten wir das Grab der vor gut zehn Jahren verstorbenen Friedensnobelpreisträgerin, bekamen einen groben Überblick über ihr bewegtes Leben und sahen ihr spartanisch eingerichtetes Zimmer. Es herrschte eine sehr andächtige Stimmung unter uns. Selbst die Spaßvögel in unseren Reihen waren plötzlich in sich gekehrt. Zum Abschluss erhielt jeder von Schwester Nurmela, der Nachfolgerin der „Mutter der Armen“, einen kleinen Anhänger als Andenken überreicht.

In unmittelbarer Nähe des Hauses steht das dazugehörige Kinderheim. Dort finden Kinder unterschiedlichsten Alters ein Zuhause. Es tummeln sich hier hunderte Kinder, für die im normalen Leben auf den belebten und verarmten Straßen Kalkuttas kein Platz ist. Sei es, weil sie verwaist sind, sei es, weil sie aufgrund einer Krankheit oder Behinderung nicht ausreichend von ihren Eltern versorgt werden können. Die Kleinen werden dann hier aufgepäppelt und ihnen wird ein humaneres Leben ermöglicht. Viele von ihnen werden sogar zur Adoption freigegeben.

Es war für uns alle sehr imponierend zu sehen, wie sich die Schwestern unter Mithilfe zahlreicher Freiwilliger unentgeltlich dieser Aufgabe verschreiben. Man merkte ihnen an, dass sie dort ihre ganz persönliche Bestimmung im Leben gefunden haben - und das verdient ganz sicher höchste Anerkennung.

Nach dem Besuch bei Mutter Theresa ging es zu einer Schiffstour auf den Hugli River, einem Mündungsarm des Ganges. Auch hier brannten sich zahlreiche ungewöhnliche Bilder in unseren Kopf. Unglaublich, wie sich am Ufer des Flusses die Leute völlig unbeeindruckt ihrer „Geschäfte“ entledigen, sich im flachen Wasser waschen und aus ihrer Not heraus gar die Zähne putzen. Und das, wo das Wasser so dreckig ist, dass unsereins nicht einmal einen Fuß hineinhalten würde. Da treibt einem schon mal ein kaputtes Fahrrad entgegen oder es tauchen tote Tiere an der Oberfläche auf. Und zwar die ganze Bandbreite: Von kleineren Katzen, über Hunde, bis hin zu Schweinen und sogar einer ganzen Kuh ist alles vertreten. Da relativiert sich dann die ständige Diskussion in der Heimat über die Wasserqualität der Isar…

Kaum aus dem Schiff ausgestiegen, ging es mit dem Bus zum Hauptquartier der Polizei Kalkuttas. Dort fand ein Fußballturnier der örtlichen Schulen statt und wir waren sozusagen als VIPs eingeladen. Wobei sich natürlich auch heute so gut wie alles auf den Gerd, unseren indischen Halbgott in Turnschuhen, konzentrierte.

Zum krönenden Abschluss dieses bewegten Tages besuchten wir einen Ort, der für uns alle wohl zu den Favoriten unserer Reise gehören dürfte: das Kinderheim der Aktion Lebenshilfe für Indiens Straßenkinder. In diesem Gebäude, das von einem Deutschen gegründet wurde und noch immer geleitet wird, erhalten Straßenkinder die Möglichkeit, sich eine völlig neue Existenz aufzubauen. Es gibt einen geregelten Tagesablauf, ordentliches Essen, sportliche Betätigung in Form von Fußball und dazu eine vernünftige schulische Ausbildung. Weit mehr, als sich die meisten Kinder Kalkuttas überhaupt erträumen können.

Eine wirklich beeindruckende Institution. Ich für meinen Teil war vor drei Jahren ebenfalls mit dem FC Bayern schon einmal vor Ort und habe jetzt die zahlreichen Kinder wiedersehen dürfen. Die Freude der Kleinen war grenzenlos und sie haben mich, zu meinem großen Erstaunen, alle wieder erkannt.

Das Haus hat sich in dieser Zeit auch deutlich weiterentwickelt. Es sieht moderner und freundlicher aus. Vor allem aber wirkt es wie eine Hommage an den Fußball, insbesondere an den FC Bayern. Wohin man auch sieht, überall Poster oder selbst gemalte Zeichnungen von Fußballern, vor allem von Bayern-Spielern. Da der Verein die Kids in den letzten Jahren ausreichend mit Fan-Utensilien versorgt hat, dürfte dies der wohl größte Bayern-Fanklub in ganz Indien sein.

Für alle von uns war es ein unbeschreiblich erfüllendes Gefühl, diesen Kindern mit unserem Besuch einen grenzenlosen Spaß zu bieten. Da wurde gelacht, mit dem Ball gespielt, sich umarmt und fotografiert auf Teufel komm raus. Die Kleinen waren in ihrer überschwänglichen Freude überhaupt nicht mehr zu bremsen und eigentlich wollte von uns auch gar keiner mehr weg.

Bevor wir dann doch den Weg ins Hotel antraten, lieferten wir noch eine Geldspende für das Heim ab. Zuvor hatten die Trainer, die Delegation und die gesamte Mannschaft spontan zusammengelegt. Der einhellige Tenor nach dieser Begegnung war: Gut, dass wir da waren. Und so kitschig es klingen mag: Es wird wohl niemand so schnell die strahlenden Kinderaugen des heutigen Abends vergessen.

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