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Gerland im Interview:

'Hermann, du bist total verrückt'

Nächste Woche, am 4. Juni, feiert Hermann Gerland seinen 55. Geburtstag. Wahrscheinlich hat er nicht einmal selbst damit gerechnet, dass er diesen als Co-Trainer der Profis beim FC Bayern erlebt. Jahrelang war der „Tiger“ in seiner Aufgabe als Cheftrainer des FC Bayern II aufgegangen, unzähligen Talenten hatte er den letzten Schliff für die Bundesliga gegeben. Ende April sprang er aber ohne zu zögern bei den Profis ein, als Interimscoach Jupp Heynckes einen Assistenten suchte. Und auch unter dem neuen FCB-Chefcoach Louis van Gaal könnte Gerland Co-Trainer bleiben.

Im Interview mit fcbayern.de sprach der „Tiger“ über seine Zukunft, die Trainerarbeit bei den Profis und den Amateuren und seine Liebe zum FC Bayern, für den er sogar einen Anzug anziehen würde.

Das Interview mit Hermann Gerland:

fcbayern.de: Herr Gerland, Ihre Trainerkabine befindet sich eigentlich im Untergeschoss der Geschäftsstelle. Jetzt sitzen wir im ersten Stock des Leistungszentrums. Haben Sie sich schon an die Profi-Luft gewöhnt?
Gerland: „Das ist kein Problem. Ich bin auch jeden Tag noch drüben, begrüße die Trainerkollegen und schaue auf unsere Talente. Ich weiß ja noch nicht, wie es mit mir weitergeht. Und selbst wenn ich bei den Profis bleibe, werde ich den Kontakt nach drüben nicht verlieren und immer ein Auge auf unsere Talente haben. Ich möchte, dass es so viele Spieler wie möglich schaffen, hier beim FC Bayern Profi zu werden.“

fcbayern.de: Wie ist denn der Stand der Dinge, was ihre Zukunft angeht?
Gerland: „Louis van Gaal möchte neben einem holländischen Co-Trainer auch einen deutschen haben. Uli Hoeneß hätte gerne, dass ich das mache, und hat mich vorgeschlagen. Es gibt keinen Grund, warum ich das nicht machen würde. Jetzt warte ich auf ein Gespräch mit Louis van Gaal. Da werde ich erfahren, was er von mir erwartet. Und dann schauen wir mal.“

fcbayern.de: Sie gelten als kritischer Beobachter des Profigeschäfts. Haben Sie die letzten vier Wochen bei den Profis nicht abgeschreckt?
Gerland: „Es war sehr angenehm. Ich habe hier viele Spieler wiedergesehen, die ich früher schon mehrere Jahre begleiten durfte, die ich gefördert und angeschoben habe. Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm oder Andreas Ottl zum Beispiel. Zu denen habe ich natürlich einen besonderen Draht. Ich komme aber auch mit den anderen Spielern sehr gut aus. Und auch die Zusammenarbeit mit Jupp Heynckes hat unheimlich viel Spaß gemacht. Jupp gibt jedem Mitarbeiter das Gefühl, wichtig zu sein. Das ist großartig.“

fcbayern.de: Ohne Ihnen den Job als Co-Trainer abspenstig machen zu wollen, diese Aufgabe hat aber auch ein paar Nachteile: Als Co-Trainer der Profis würden Sie zum Beispiel mehr in der Öffentlichkeit stehen als in der Dritten Liga.
Gerland: „Das ist ja automatisch so, weil ich auf der Bank sitze. Mehr wird man von mir im Fernsehen aber nicht sehen. Das ist mein Naturell, ich würde mich nie als großen Star feiern lassen. Im Mittelpunkt steht der Cheftrainer, als Assistent bin ich eine Randerscheinung, ein Hilfsarbeiter. In den letzten Wochen habe ich alle Anfragen für öffentliche Auftritte immer grundsätzlich abgelehnt. Der Cheftrainer ist für Aussagen in der Öffentlichkeit zuständig. Das würde ich auch in Zukunft so halten.“

fcbayern.de: Würde es Ihnen nicht schwer fallen, nach langen Jahren als Cheftrainer plötzlich nur noch die zweite Geige zu spielen?
Gerland: „Ich habe überhaupt kein Problem damit, im Hintergrund zu arbeiten. Ich bin kein Verkäufer, insbesondere will ich mich nicht verkaufen. Mein Ziel ist es, Spieler besser zu machen. In den letzten Jahren sind mir immer wieder Cheftrainerposten im bezahlten Fußball im In- und Ausland angeboten worden - kein einziges Mal habe ich mit dem Gedanken gespielt, das Angebot anzunehmen. Klar, ich bin Bochumer und habe Heimweh, aber Bayern München ist ein Traumverein. Und solange man hier möchte, dass ich mit Spielern arbeite, bleibe ich hier und diene dem Verein, das macht mir sehr viel Freude.“

fcbayern.de: Ein weiterer Nachteil als Co-Trainer: Profis sind manchmal nicht pflegeleicht.
Gerland: „Das sind alles Sachen, die der Cheftrainer zu regeln hat. Ich denke, ich bin ein sehr loyaler, zuverlässiger, fußballbesessener Typ. Ich weiß, wie das Profigeschäft abläuft und habe kein Problem damit, mich zurückzunehmen. Ich hätte auch kein Problem damit, in den Nachwuchsbereich zurückzugehen. Ich war sehr zufrieden mit meinem Job dort.“

fcbayern.de: Ein letzter Nachteil: Auf Champions-League-Reisen müssten Sie einen Anzug tragen.
Gerland: (schmunzelt) „Ich habe ja mal Bankkaufmann gelernt, da musste ich auch mit Anzug und Krawatte rumlaufen. Ich habe zwar eine kleine Aversion dagegen, aber wenn es sein muss, ziehe ich halt einen Anzug an. Aber auf der Bank sitze ich im Trainingsanzug.“

fcbayern.de: Wie war es für Sie in den letzten Wochen, Ihre eigentliche Mannschaft, den FC Bayern II, aus der Distanz zu beobachten?
Gerland: „Mehmet Scholl hat das ordentlich gemacht. Er ist zwar noch unerfahren, aber mit Begeisterung dabei. Und er hat den Vorteil, dass er selbst ein herausragender Fußball war und die Spieler ihn kennen. Wie ich früher gespielt habe, weiß ja heute keiner mehr. Mehmet war Europameister, Champions-League-Sieger und zigmal Deutscher Meister - die Spieler glauben ihm, was er sagt. Aber um Spieler für den FC Bayern auszubilden, darf man nicht nur Streicheln und Loben. Man muss den Spielern auch sehr viel Druck machen, um sie auf das vorzubereiten, was sie als Profi beim FC Bayern erwartet: unvorstellbarer Druck. Deswegen erwarte ich in jedem Training von den Jungs, dass sie hart arbeiten, sie müssen besessen sein.“

fcbayern.de: Der eine oder andere Spieler kann damit vielleicht nicht umgehen.
Gerland: „Das weiß ich. Aber ich denke, dass ich von allen Trainern der weichste bin. Nur auf dem Platz bin ich knallhart. Da werde ich dann auch mal laut und schreie. Wenn ich mich dann im Fernsehen sehe, denke ich: Hermann, du bist total verrückt. Jedesmal setze ich mich auf die Bank und nehme mir vor, nicht einmal aufzustehen und reinzuschreien. Aber dann passiert wieder was, wo ich mir denke: Das kann doch nicht war sein. Die ganze Woche haben wir geübt, wie der Ball an- und mitgenommen werden soll, und im Spiel klappt es wieder nicht. Dann gehe ich hoch wie ein HB-Männchen.“

fcbayern.de: Bei den Profis hatten Sie sich aber gut im Griff.
Gerland: „Es ist ja auch ein gewaltiger Unterschied zwischen Profis und Amateuren: Bei den Profis geht es ausschließlich um den Erfolg der Mannschaft, bei den Amateuren geht es darum, den einzelnen Spieler besser zu machen - und das geht nicht mit Streicheln.“

fcbayern.de: Würde es Ihnen schwer fallen, vom Nachwuchsbereich loszulassen.“
Gerland: „Nein. Wenn es so wäre, würde ich strikt sagen: Uli, mein Leben ist der Nachwuchs. Aber so ist es nicht. Und selbst wenn ich Co-Trainer bleiben sollte, würde ich nach wie vor beim Nachwuchs mitarbeiten. Aber wir unterhalten uns hier über Dinge, die vielleicht gar nicht passieren.“

Das Interview führte: Nikolaus Heindl

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