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Heynckes' letztes Interview

'Ich habe Hoeneß Van Gaal empfohlen'

Am Sonntag war es soweit. Beim Freundschaftsspiel in Sittard saß Interimscoach Jupp Heynckes zum letzten Mal auf der Trainerbank des FC Bayern. Am 27. April hatte der 64-Jährige dieses Amt vom entlassenen Jürgen Klinsmann übernommen und sicherte anschließend mit der Vize-Meisterschaft dem Rekordmeister die direkte Champions-League-Qualifikation. Im großen Interview mit fcbayern.de blickt Heynckes auf seine zweite Trainerzeit beim Rekordmeister zurück und berichtet, warum er dem FCB-Vorstand Louis van Gaal als seinen Nachfolger empfohlen hat.

Das Interview mit Jupp Heynckes:

fcbayern.de: Herr Heynckes, freuen Sie sich schon, jetzt wieder Zeit mit Ihrem Hund Cando verbringen zu können?
Jupp Heynckes: „Ja, natürlich. Seitdem ich beim FC Bayern eingesprungen bin, haben wir uns überhaupt nicht gesehen. Wir haben ein sehr inniges Verhältnis, da denke ich schon, dass er Sehnsucht nach mir hatte so wie ich es nach ihm hatte. Ich hoffe, er wird mir verzeihen, dass ich so lange weg war (lacht).“

fcbayern.de: Sie haben gleich an Ihrem ersten Tag als Interimscoach beim FC Bayern großes Selbstbewusstsein und auch Selbstsicherheit ausgestrahlt. Waren Sie damals eigentlich überhaupt nicht nervös vor dieser Aufgabe?
Heynckes: „Nein, ich war nicht nervös. Ich kenne diesen Klub in- und auswendig, ich weiß wie die Verantwortlichen ticken und kannte noch viele Leute im Umfeld der Mannschaft. Außerdem war ich überzeugt, dass die Mannschaft und ich gut zusammenarbeiten werden - und es war in der Tat ein harmonisches Miteinander. Die Mannschaft hat positiv auf mich reagiert und war sehr diszipliniert. Es war ein ungemein angenehmes Arbeiten, das mir riesig Spaß gemacht hat.“

fcbayern.de: Sie hatten zuvor über zwei Jahre keine Tätigkeit als Trainer ausgeübt. War es eine große Umgewöhnung, wieder täglich auf dem Trainingsplatz zu stehen und Verantwortung für eine Mannschaft zu übernehmen?
Heynckes: „Ich musste von 0 auf 100 durchstarten und hatte gar keine Zeit für große Überlegungen. Da habe ich einfach aus meiner Erfahrung heraus, aus meinem Know-How und auch aus dem Bauchgefühl heraus gehandelt. Und es hat dann gleich reibungslos geklappt mit den Spielern, fast so, als ob ich schon immer hier gewesen wäre. Ich habe gemerkt, dass es ihnen Spaß gemacht hat, im taktischen Bereich zu arbeiten oder Standardsituation einzustudieren. Sie haben voll mitgezogen und alles dann sukzessive von Spiel zu Spiel besser umgesetzt.“

fcbayern.de: Für den FC Bayern stand in den letzten Wochen sportlich viel auf dem Spiel. Konnten Sie es da überhaupt genießen, noch mal hier arbeiten zu können, oder war der Druck dafür zu groß?
Heynckes: „Genießen ist so eine Sache. Als Trainer können Sie nie den Augenblick genießen. Das kann man dann vielleicht mit dem Erfolg, wenn er da ist, aber während der Arbeit ist das schwierig. Da muss man 1.000 Dinge berücksichtigen, hellwach sein und versuchen, so wenige Fehler wie möglich zu machen. Druck habe ich in meiner Karriere eigentlich immer gut kanalisieren können. Natürlich gab es da auch negativen Stress, aber hier habe ich von Anfang an eher positiven Stress verspürt. Ich habe mit dem ersten Tag meiner Ankunft gemerkt, dass mir die Leute überall Vertrauen entgegen bringen. Da war ich mir sicher: Die Sache hier geht gut.“

fcbayern.de: Haben Sie wenigstens den Moment nach dem Stuttgart-Spiel genossen, als Sie alleine mit den Fans in der Südkurve „la ola“ angestimmt haben?
Heynckes: „Natürlich war das eine angenehme Situation. Es hat mich gefreut, dass die Fans meine Arbeit anerkannt haben. Aber ich habe ja nach dem Spiel schon gesagt, dass ich emotional nicht so erfasst wurde. Es waren nur fünf Spiele und außerdem war ich es früher gewohnt, nur nach Meisterschaften oder anderen Titel zu feiern. Außerdem bin ich vom Naturell niemand der ausflippt, wenn er sein Ziel erreicht.“

fcbayern.de: Sie haben gesagt, mit Platz zwei sei Ihre Mission erfüllt gewesen. Inwieweit haben Sie selbst die Meisterschaft als Ziel im Auge gehabt beziehungsweise was wäre gewesen, wenn Sie statt fünf acht, neun oder zehn Spiele zur Verfügung gehabt hätten?
Heynckes: „Ach, darüber möchte ich eigentlich gar nicht nachdenken. Der Zeitraum war sehr eng gesteckt und es war mir klar, dass es sehr schwierig wird mit der Meisterschaft. Ich hatte keine großen Erwartungen, Wolfsburg noch zu überflügeln. Und sie haben den Titel nach dieser sensationellen Rückrunde auch verdient. Und für den FC Bayern ist ein Jahr ohne Titel auch kein Beinbruch. Dann werden neue Kräfte gebündelt und neue Motivation geschöpft. Und genau das habe ich bei den Verantwortlichen zuletzt auch beobachtet.“

fcbayern.de: Mit Louis van Gaal will der FC Bayern in der nächsten Saison wieder angreifen. Sie kennen ihn aus gemeinsamen Tagen in Spanien, ist er der richtige für diesen Klub?
Heynckes: „Er war beim FC Barcelona als ich bei Real Madrid gearbeitet habe. Vor dem „Classico“ (dem Spiel Real gegen Barca) war es da üblich, dass die Trainer beider Klubs miteinander essen gehen. Da haben wir uns persönlich sehr gut kennengelernt und haben viel miteinander geflachst. Ich schätze Van Gaal sehr. Er ist ein exzellenter Fachmann, ein akribischer Arbeiter, ein heller Kopf und er hat damals mit Barcelona einen super Fußball spielen lassen. Ich traue ihm zu, dass er den FC Bayern wieder zu Titeln führen wird. Er ist gewöhnungsbedürftig, wie jeder andere Trainer auch - ein Trainer darf es nie allen recht machen und nie jedermanns Liebling sein -, aber ich habe gehört, dass er mit den Spielern sehr gut zurechtkommt. Ich habe Uli Hoeneß Van Gaal empfohlen und ich denke, es ist auch sehr wichtig für den FC Bayern, dass man wieder einen Fußballlehrer hat.“

fcbayern.de: Seit ein paar Tagen steht der Transfer von Mario Gomez fest, weitere Spieler sollen folgen. Unterstützen Sie das?
Heynckes: „Ich bin der Meinung, dass es ganz wichtig ist, diese Mannschaft mit Qualität weiter zu komplettieren und zu verstärken. Ich habe an einigen Gesprächen teilgenommen und die Verantwortlichen wissen ganz genau, was zu tun ist. Ich würde mir auch wünschen, dass Franck Ribéry bleibt. Er ist ein Spieler, der den Unterschied ausmacht.“

fcbayern.de: Wo stufen Sie diese fünf Wochen beim FC Bayern in ihrer Karriere ein?
Heynckes: „Ich habe ja im Vorfeld gesagt, dass ich so ein kurzfristiges Engagement nur für ganz wenige Klubs gemacht hätte: für Gladbach, den Klub in dem ich als Spieler und Trainer groß geworden bin; für Athletic Bilbao, für mich persönlich ein ganz besonderer Klub; und natürlich für den FC Bayern, dem ich sehr viel zu verdanken habe. Ich habe jetzt hier von meiner ersten Station in München viele Freunde wieder getroffen und ich werde bestimmt zukünftig ganz genau verfolgen, wie es mit dem FC Bayern weitergeht. Und ab und zu werde ich auch mal wieder zu Besuch vorbeikommen.“

Das Interview führte: Dirk Hauser

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