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Lyon will mehr

Puel-Elf schafft historischen Erfolg

„HISTORIQUE!!!“ - mit großen Buchstaben lässt die Website von Olympique Lyon ihre Besucher auf den ersten Blick ahnen, dass Historisches passiert sein muss im Osten Frankreichs. Ist es ja auch. Am Mittwochabend hat der Vorzeigeklub der Stadt zum ersten Mal in seiner Geschichte das Halbfinale der Champions League erreicht. „Es ist ein hochemotionaler Moment, ich kann es kaum glauben“, sagte OL-Präsident Jean-Michel Aulas nach der 0:1-Niederlage im Viertelfinal-Rückspiel bei Girondins Bordeaux, die zum Weiterkommen reichte (Hinspiel: 3:1). „Es ist außergewöhnlich!“

Unter Aulas, der 1987 Präsident des Vereins wurde, ging es mit Lyon stetig bergauf. 1989 stieg der Klub in die erste Liga auf, etablierte sich dort und kam der Tabellenspitze immer näher. Im neuen Jahrtausend erntete OL schließlich die Titel gleich reihenweise. Von 2002 bis 2008 wurde Lyon sieben Mal in Folge französischer Meister, 2001 gewann der Verein den Ligapokal, 2008 den französischen Pokalwettbewerb.

'Wir sind alle Freunde'

National war Olympique Lyon die unangefochtene Nummer eins, nur international stieß der Verein an seine Grenzen. Dreimal scheiterten die Franzosen, die immer wieder als Geheimfavorit gehandelt wurden, in den vergangenen zehn Jahren im Viertelfinale der Champions League, die Tür zum Halbfinale schien wie vernagelt - bis letzten Mittwoch.

In der drittgrößten Stadt Frankreichs feierten die Anhänger auf den Straßen, in Bordeaux suchte derweil Kapitän Cris nach Worten, um seine Freude auszudrücken: „Ich bin jetzt schon lange in Lyon, habe hier viel erlebt - aber das ist einfach unvergesslich.“ Der ehemalige Leverkusener Innenverteidiger, der seit 2004 für OL spielt, meinte: „Wir hatten in den vergangenen Jahren schon bessere Kader, aber heute sind wir mental stärker, weil wir uns alle näher, alle Freunde sind.“

Aufholjagd in der Rückrunde

Ähnlich wie die Mannschaft des FC Bayern wurde auch Olympique Lyon durch eine holprige Hinrunde zusammengeschweißt. In der Winterpause hatte der Klub 13 Punkte Rückstand auf Herbstmeister Bordeaux, inzwischen hat Lyon den Titelverteidiger überholt und ist Zweiter der französischen Ligue 1, deren Tabelle allerdings durch zahlreiche Nachholspiele nicht ganz gerade ist. Fakt ist jedoch: Das Team von Trainer Claude Puel ist das stärkste nach der Winterpause und geht mit Rückenwind in das Halbfinal-Duell gegen den FC Bayern.

Insgesamt trafen beide Klubs bislang sechs Mal in der Champions League aufeinander, immer in der Gruppenphase. Jetzt kommt es - zuerst in der Allianz Arena (21. April), dann im etwas mehr als 40.000 Zuschauer fassenden „Stade Municipal de Gerland“ (27. April) - zum ersten Duell in der K.o.-Phase. Mit je zwei Siegen, Remis und Niederlagen ist die Bilanz zwischen beiden Klubs ausgeglichen. Zuletzt spielte man in der vergangenen Saison gegeneinander. 1:1 endete die Partie in München, 3:2 gewann der FCB in Lyon und sicherte sich vor den Franzosen den Gruppensieg.

Kräftige Investitionen

Mit der Mannschaft von damals hat Olympique aber heute nicht mehr viel zu tun. Unter anderem verließen Juninho (Doha) und Torjäger Karim Benzema, den der Klub für eine Rekordablöse von 35 Millionen Euro zu Real Madrid wechseln ließ, den Klub. Dafür investierte Lyon kräftig in die Offensivkräfte Lisandro Lopez (24 Millionen Euro, Klubrekord!), Bafétimbi Gomis (13 Millionen Euro) und Michel Bastos (18 Millionen Euro) sowie Linksverteidiger Ahly Cissokho (15 Millionen Euro).

Die Neuverpflichtungen etablierten sich schnell als feste Größen im Team von Trainer Puel, der ein 4-3-3-System favorisiert. Lopez ist mit 22 Pflichtspieltoren erfolgreichster OL-Torschütze und die vorderste Spitze einer Achse, die über den „Sechser“ Jérémy Toulalan und Abwehrchef Cris bis zu Torhüter Hugo Lloris verläuft.

Robben und Ribéry warnen

Lloris ist der große Rückhalt des Teams, was am Mittwoch auch wieder in Bordeaux zu beobachten war. Drei Minuten vor dem Schlusspfiff parierte er einen Kopfball von Girondins-Profi Wendel und sicherte seiner Mannschaft den Halbfinal-Einzug. „Hugo war unser Retter. Er war in beiden Spielen überragend“, lobte Puel seinen erst 23 Jahre alten Schlussmann, der auch im Achtelfinale gegen Real Madrid (1:0 in Lyon, 1:1 in Madrid) sowie in den Gruppenspielen gegen Liverpool (2:1, 1:1)

„Das Halbfinale wird sehr, sehr hart“, warnte Franck Ribéry den FC Bayern davor, Lyon im Halbfinale zu unterschätzen. Auch Arjen Robben meinte: „Lyon ist eine sehr gute Mannschaft. Sie haben Real Madrid geschlagen und jetzt Bordeaux, wir haben gegen Bordeaux zweimal verloren. Das wird nicht einfach.“

Die Champions League als 'Dessert'

„Rib & Rob“ haben mit ihren letzten Auftritten für großen Respekt vor dem FC Bayern in Lyon gesorgt. „Da kommt viel Arbeit auf uns zu“, meinte Cris, der mit Olympique zudem noch vor entscheidenden Wochen in der Meisterschaft steht. „Das Wichtigste für uns ist die Liga, dort müssen wir uns wieder für die Champions League qualifizieren. Europa ist für jeden nur das Dessert“, betonte Puel. Seine Mannschaft jedenfalls ist hungrig. Lloris sagte: „Noch haben wir nicht alle Ziele erreicht. Wir wollen mehr.“

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