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'Eindrucksvolle Leistung'

Tanzen, feiern, 'Bochum putzen'

Olympique Lyon hatte wirklich alles in die Waagschale geworfen. Schon eine Stunde vor dem Anpfiff wurden die Fans im Stade de Gerland heiß gemacht, mit tausenden Fähnchen in den Vereinsfarben wedelten und schrien sie ihr Team nach vorne. Trainer Claude Puel sprang immer wieder wild gestikulierend bis an den äußersten Rand seiner Coaching Zone, sogar Bayern-„Schreck“ Sydney Govou hatte er aufgeboten. Doch es nutzte nichts. Gejubelt, getanzt und gefeiert wurde nach 90 Minuten vor dem Bayern-Block.

Später, frisch geduscht und mit einem Sieger-Lächeln im Gesicht, wurden Spieler und Trainer des deutschen Rekordmeisters auf dem mitternächtlichen Bankett umjubelt empfangen. Sponsoren und Fans applaudierten und erhoben sich von ihren Plätzen, immer wieder stimmten sie „Bravo“ oder „Finale, oho!“ an und pfiffen vor Begeisterung. „Es ist ein außergewöhnlich guter Tag“, sagte Karl-Heinz Rummenigge in seiner Rede, „es ist etwas passiert, was sicherlich nicht viele dem FC Bayern vor der Saison zugetraut haben. Es ist eine Saison, die historisch werden kann.“

Erstmals in seiner Geschichte könnte der FC Bayern das Triple gewinnen. Schon jetzt ist 2009/10 die erfolgreichste Europapokalsaison des Klubs seit neun Jahren, nachdem der Rekordmeister am Dienstagabend durch ein souveränes 3:0 (1:0) in Lyon erstmals seit dem Champions-League-Gewinn 2001 ins Endspiel der „Königsklasse“ eingezogen war. „Diese Mannschaft verdient es, auch die Champions League zu gewinnen!“, meinte Rummenigge unter dem Applaus des Saals.

'Fußball fast in Vollendung'

„Man kann nur den Hut ziehen“, sagte Franz Beckenbauer, als er als einer der Letzten kurz vor zwei Uhr morgens die Feier verließ. Der FCB-Ehrenpräsident war begeistert von der „Art und Weise, wie die Mannschaft spielt, wie sie körperlich drauf ist. Da steht es 2:0 und die spielen auf 3:0, 4:0.“ Präsident Uli Hoeneß sprach von „Fußball fast in Vollendung“.

Auch Christian Nerlinger fand die Leistung der Mannschaft in Lyon einmal mehr „beeindruckend. Ich hatte einen sehr ruhigen Abend auf der Bank und war keine Sekunde nervös, dass das schief gehen könnte. Die Mannschaft hat bravourös Fußball gespielt, bravourös gekämpft. Sie hat hier eine eindrucksvolle Leistung auf europäischem Spitzenniveau gezeigt und ist absolut zu Recht ins Finale eingezogen.“

Van Gaal 'sehr stolz'

Unbeeindruckt vom „Hexenkessel“ Stade de Gerland ließen die Bayern wie vor einer Woche in München (1:0) auch im Rückspiel nichts anbrennen. „Auch hier auswärts hatten wir wieder viel Ballbesitz, haben den Gegner laufen lassen und das Spiel dominiert“, analysierte Nerlinger. „Wir haben sehr gut in der Ordnung gespielt, in der Defensive und im Angriff. Wenn wir so spielen und einfach den Ball laufen lassen, sind wir schwer zu schlagen“, sagte Louis van Gaal, der „sehr stolz und sehr froh“ war.

Auch dank Ivica Olic, der einen Sahne-Tag erwischte: Dem Kroaten gelang sein erster Dreierpack (26./67./78. Minute) in der Champions League. „Ohne die Mannschaft kann ich keine drei Tore schießen“, sprach er aber nach dem Schlusspfiff weniger über sich als über seine Mitspieler. Übereinstimmend sprachen alle Beteiligten von einer „außergewöhnlichen Mannschaftsleistung“, Daniel van Buyten meinte sogar: „Heute war eine große Mannschaft auf dem Platz.“

'Die Mannschaft kämpft bis zum Schluss'

Und die steht jetzt am 22. Mai in Madrid im Finale. „Wenn das einer nach dem Heimspiel gegen Bordeaux prophezeit hätte, hätte man ihn für verrückt erklärt“, meinte Nerlinger. Denn eigentlich war der FC Bayern schon mehrfach aus der „Königsklasse“ ausgeschieden. Erst das „Wunder von Turin“ machte das Weiterkommen in die K.o.-Phase noch möglich, wo der FC Bayern gegen den AC Florenz und gegen Manchester United ebenfalls schon das Aus vor den Augen hatten.

„Wir haben eine sehr willens- und charakterstarke Mannschaft. Sie will gewinnen und kämpft bis zum Schluss“, hob Nerlinger die Qualitäten der Van-Gaal-Elf hervor. „Wir haben eine Mannschaft, die großen Willen, große Qualitäten und vor allem eine unglaubliche Leidenschaft hat, das hat man heute Abend auch gesehen“, sagte Rummenigge.

Parallelen mit 1999

Zwischen die Äußerungen der Beteiligten mischten sich am späten Dienstagabend bei aller Euphorie aber auch warnende Zwischentöne. „Wir haben noch nichts gewonnen. Wir können noch alles verlieren“, sagte Van Gaal, Müller meinte: „Wir sind nur im Finale, gewonnen haben wir noch nichts.“ Die Bayern müssen gar nicht so lange zurückdenken, um auf dem Boden zu bleiben. 1999 stand der Rekordmeister wie jetzt vor dem Triple, verlor aber das CL-Finale in der Nachspielzeit, das Pokalfinale im Elfmeterschießen - der Gegner hieß damals wie heute Werder Bremen - und stand am Ende „nur“ mit der Meisterschale da.

Jetzt kann der FCB wieder von drei Titeln träumen. Zunächst gilt es, die deutsche Meisterschaft perfekt zu machen. Das Erreichen des CL-Endspiels sei die beste Grundlage dafür, glaubt Nerlinger: „Es war ein Schlüsselspiel. Die Mannschaft ist jetzt auf einer Welle der Euphorie. Das wird uns im Bundesliga-Endspurt beflügeln.“ Und so war auf der Jubelfeier von Lyon, die Spieler und Trainer nach rund einer Stunde verließen, auch schon Bochum im Hinterkopf, der nächste Gegner also. Müller gab als Motto vor: „Ein bisschen feiern und dann am Samstag Bochum putzen.“

Für fcbayern.de in Lyon: Nikolaus Heindl

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