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Der Sportdirektor im Interview

'Wir sind sehr titelhungrig'

Seit Juli letzten Jahres ist Christian Nerlinger Sportdirektor des FC Bayern, zehn Monate später steht der deutsche Rekordmeister vor der historischen Chance, drei Titel einzufahren. Vor dem Saisonfinale nahm sich der Nachfolger von Uli Hoeneß für fcbayern.de Zeit und sprach über Titelgewinne als Spieler und Funktionär, über die Schlüsselmomente in der laufenden Saison und die WM-Fahrer Thomas Müller und Holger Badstuber.

Das Interview mit Christian Nerlinger:

fcbayern.de: Herr Nerlinger, am Samstag gibt es für den FC Bayern in Berlin die Meisterschale. Im ersten Jahr als Sportdirektor gleich den Meistertitel, so kann es weitergehen, oder?
Christian Nerlinger: „Ja, das ist ein sehr guter Auftakt. Vor allen Dingen war es sehr überzeugend, wie sich die Mannschaft präsentiert hat, wie sie das Publikum begeistert hat. Deswegen ist es schön, wenn man am Ende belohnt wird. Wir haben immer gesagt, dass die Deutsche Meisterschaft für uns der wichtigste Titel ist, weil es der fairste Wettbewerb ist. Darum ist es für uns alle wunderbar, dass wir am Samstag die Schale entgegennehmen.“

fcbayern.de: Als Spieler waren Sie zwei Mal Meister mit Bayern, ein Mal auch in Schottland mit den Glasgow Rangers. Was unterscheidet diese Titel als Spieler vom jetzigen als Funktionär?
Nerlinger: „Ich glaube, dass als Spieler mehr Druck von einem abfällt. Man steht auf dem Platz, der Adrenalin-Ausstoß ist deutlich höher. Natürlich ist bei mir die Freude jetzt auch sehr groß, aber wenn ich es vergleiche, dann erlebt man das als Spieler nochmal intensiver. Die Spieler verrichten die Arbeit auf dem Platz und haben dementsprechend auch den Hauptanteil daran.“

fcbayern.de: Neben der Meisterschaft sind in den nächsten Wochen noch zwei weitere Titel möglich. Was ist drin gegen Werder und Inter?
Nerlinger: „Ich glaube, dass wir eine Mannschaft haben, die sich durch ihre Siegermentalität auszeichnet. Inter wird die gleichen Hoffnungen haben wie wir und ähnlich selbstbewusst sein, sie haben ja auch noch zwei Titel-Chancen. Aber ich bin sehr optimistisch, weil die Entwicklung der Mannschaft einfach sehr gut war. Diese Truppe zeichnet sich durch ihre Mentalität und Charakterstärke aus.“

fcbayern.de: Im Champons-League-Finale muss der FC Bayern womöglich auf Franck Ribéry verzichten, die UEFA hat die Sperre bestätigt. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?
Nerlinger: „Das Grundproblem ist doch, wie man dieses Foul, das es ohne Zweifel war, einschätzt. Jeder, der ein bisschen Fußball-Sachverstand hat und diese Szene sieht, wird bestätigen, dass es sich nicht um eine Tätlichkeit handelt, sondern um ein Foulspiel. Franck kommt in diesem Moment einfach einen Bruchteil einer Sekunde zu spät. Für mich ist diese Entscheidung nicht nachvollziehbar und deswegen werden wir auch versuchen, in die nächste Instanz zu gehen.“

fcbayern.de: Im November sah es nicht danach aus, dass am Ende sogar das Triple möglich wäre. Was war Ihrer Meinung nach der Wendepunkt, gab es einen Schlüsselmoment?
Nerlinger: „Da waren aus meiner Sicht zwei Schlüsselmomente, beide in der Champions League. Zum einen das Spiel in Turin (4:1, Anm. d. Red.), aber auch das Spiel zuhause gegen Manchester United. Vor diesem Spiel haben wir in der Bundesliga gegen Frankfurt und Stuttgart wichtige Punkte liegengelassen, das waren kritische Momente. Mit dem Spiel gegen ManU ist die Mannschaft nochmal richtig durchgestartet. Das waren die zwei wichtigsten Spiele in dieser Saison. Hinzu kommt, dass wir in den entscheidenden Momenten nicht wirklich Pech hatten, wenn ich an das Spiel von Juventus in Bordeaux denke, was ja bei einem Sieg von Juve schon unser Aus in der Champions League bedeutet hätte. Aber insgesamt ist es das Produkt harter Arbeit. Wenn man die Trainingsarbeit sieht, dass wirklich in jeder Übung mit einhundert Prozent gearbeitet wird, dann ist eine Entwicklung zu erwarten. Das hat man jetzt auch gesehen, wie sich die Mannschaft präsentiert hat, dass einfach eine Handschrift zu sehen ist.“

fcbayern.de: Mit anderen Worten: Der Hauptanteil an dieser Entwicklung gebührt Trainer Louis van Gaal?
Nerlinger: „Absolut, das muss man einfach so sagen. Die tagtägliche Arbeit, die auf dem Platz stattfindet, wird von ihm geleitet, er führt diese Truppe hervorragend. Die Mannschaft ist eine Einheit geworden und hat sich auch fußballerisch so weiterentwickelt, wie man es nicht unbedingt erwarten konnte. Wenn ich an die ersten 20 Minuten gegen Bochum denke, das war Weltklasse, was wir da zelebriert haben. Oder das Halbfinale in Lyon. Das war wie bei uns vor einem Jahr in Barcelona: Sie wollten, aber sie konnten nicht. Wir haben sie einfach auseinandergenommen. Das war eine große Leistung, die jetzt hoffentlich mit drei Titeln gekrönt wird. Wir sind sehr titelhungrig. Die Mannschaft strahlt es auch aus, dass sie alle drei Titel gewinnen will.“

fcbayern.de: Sie sind ja sehr nah dran an dem Team: Hat sich Van Gaal in dieser Zeit verändert? Oder hat sich die Mannschaft verändert?
Nerlinger: „Der Trainer ist sich und seiner Linie treu geblieben, aber ich würde sagen, dass sich die Mannschaft weiterentwickelt hat. Es hat ja einige Neuerungen gegeben, wie beispielsweise in der Analyse am Tag nach dem Spiel, wo Dinge vor versammelter Truppe offen angesprochen werden, was am Anfang für den einen oder anderen sicherlich schwer war. Aber die Mannschaft hat verstanden, dass es konstruktive Kritik ist, dass es ein Versuch ist, sowohl den Einzelnen als auch die Gruppe zu verbessern. Das haben sie verinnerlicht: dass gemeinsam Dinge erarbeitet werden. Und natürlich ist man etwas entspannter und guter Laune, wenn man sieht, dass die Arbeit auch Früchte trägt.“

fcbayern.de: Bundestrainer Joachim Löw hat heute seinen vorläufigen WM-Kader berufen. Mit dabei sind sieben Spieler des FC Bayern, zählt man Toni Kroos dazu sogar acht. Ist das auch ein Ergebnis dieser erfolgreichen Saison?
Nerlinger: „Ja klar, vor allem für unsere jungen Spieler, die durchgestartet sind und auch charakterlich mit beiden Füßen auf dem Boden stehen, freut es mich besonders. Mir ist es nie vergönnt gewesen, ein großes Turnier zu spielen, das ist sicherlich etwas Besonderes. Darauf sollen sie sich freuen und es genießen.“

fcbayern.de: Auch Thomas Müller und Holger Badstuber haben in ihrem ersten Profijahr gleich den Sprung zur WM geschafft, nicht zuletzt dank Van Gaals Jugendstil. Hätten Sie das vor der Saison gedacht?
Nerlinger: „Man sieht einfach, dass er die Fähigkeit hat, junge Spieler zu entwickeln. Das ist auch für uns wichtig zu sehen, dass man ihm da vertrauen kann, dass er in der Ausbildung sensationell ist. Ich glaube, dass sie es verdient haben, dabei zu sein. Thomas hat sich ausgezeichnet dadurch, dass er sehr abgeklärt spielt, dass er einen unglaublichen Riecher für gefährliche Situationen hat, dass er immer torgefährlich sein wird. Und Holger hat auf der ungewohnten Außenverteidigerposition hervorragend gespielt, hat ein gutes Zweikampfverhalten, ist kopfballstark, sehr gutes Passspiel. Deswegen denke ich, dass beide Verstärkungen für die DFB-Elf sein werden. Ich traue ihnen das gleiche zu, was sie auch hier geleistet haben.“

fcbayern.de: Auf der Position des linken Außenverteidigers hat Van Gaal am meisten experimentiert, inzwischen wurde auch da eine sehr gute, interne Lösung gefunden, oder?
Nerlinger: „Diego Contento hat auf dieser Position ganz hervorragend gespielt, wenn ich allein an das Champions-League-Halbfinale denke. Wie er da aufgetreten ist, das war super. Auch in den letzten Spielen in der Bundesliga hat er sich wirklich stark dargestellt, das ist schon beeindruckend.“

fcbayern.de: In der Winterpause wurden fünf Spieler an andere Vereine ausgeliehen. Gibt es da schon Entscheidungen, wer im Sommer zurückkommt oder wer den Verein verlässt?
Nerlinger: „Nein, wir machen alle Transferaktivitäten und -besprechungen nach dem 22. Mai. In aller Ruhe, wir haben dann alle Zeit der Welt.“

fcbayern.de: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die letzten drei Spiele.

Das Interview führte Carsten Zimmermann

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