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So arbeitet Frans Hoek

'Er schießt nicht einfach nur aufs Tor'

Man sieht sie nicht, aber Frans Hoek hält seine Torhüter im Training an der kurzen Leine. An einer unsichtbaren Leine. Im Trainingsspiel steht er neben dem Tor, dahinter oder darin. Manchmal betritt er sogar den Strafraum, geht vor bis zur Fünfmeterlinie, bis zum Elfmeterpunkt. Mehr als zehn, fünfzehn Meter lässt er nicht zwischen sich und seinen Schützling kommen. Hoek hält immer den Kontakt, um alles genau beobachten und immer schnell Anweisungen geben zu können. Diese kurze Leine des neuen Torwarttrainers kommt gut an bei seinen Keepern.

„Er schaut auf alles und sieht alles. Deswegen redet er relativ viel, gibt Hinweise und hilft“, berichtet Thomas Kraft, der seinen neuen akribischen Torwarttrainer als „sehr netten, lustigen Typen“ beschreibt. Auch Jörg Butt ist nach den ersten Trainingswochen mit Hoek voll des Lobes. „Ich bin froh, dass ich mit ihm noch persönlich zusammenarbeiten kann“, sagt er.

Für die Nummer eins im Bayern-Tor schließt sich im Karriereherbst sogar ein Kreis. „Ich kenne die Philosophie von Frans Hoek seit meiner Anfangszeit als Profi“, erzählt Butt, „ich habe damals sehr intensiv verfolgt, wie er Edwin van der Sar bei Ajax groß gemacht hat.“ Das war Anfang, Mitte der 90er Jahre, als Hoek in Amsterdam den späteren holländischen Rekordnationalspieler trainierte, der bis heute als Prototyp des modernen Torhüters gilt.

Seine moderne, holländische Philosophie des Torwartspiels vermittelt Hoek jetzt beim deutschen Rekordmeister. Die Grundlage für seine Arbeit, so erklärt der 53-Jährige, sei die Frage: „Was erfordert das Spiel des FC Bayern vom Torwart?“ Ganz genau hat er daher das Spiel des Rekordmeisters analysiert. Wie viele Schüsse bekommt der FCB-Keeper auf sein Tor? Wie viele Flanken muss er abfangen? Wie viele Rückpässe aufnehmen?

Die Antworten auf solche Fragen fügen sich zu einem Anforderungsprofil an den Torhüter des FC Bayern zusammen. „Der Torwart von Bayern München hat großen Anteil am Spielaufbau“, erklärt er beispielhaft, „mit Rückpässen wird er genutzt, um das Spiel zu verlagern oder um sich aus Drucksituationen zu befreien.“

Außerdem müsse der FCB-Keeper auch als eine Art Libero fungieren, und auch den Raum außerhalb des Sechzehners mit verteidigen. „Unsere Verteidigung spielt mehr nach vorne als bei anderen Mannschaften. Und wir spielen auch viel eins gegen eins hinten, Der Torhüter ist deswegen die Rückendeckung für die Abwehrspieler.“ Gleichzeitig muss der Keeper seine Abwehrspieler auch anleiten und organisieren, „damit wir geschlossen stehen, wenn wir den Ball verlieren und der Gegner kontert.“

„Er sieht den Torwart als elften Feldspieler“, bringt Kraft Hoeks Philosophie auf den Punkt. Butt fügt hinzu: „Das ist die Zukunft, dass man versucht, den Torwart ins Mannschaftstaktische einzubinden und ihn nicht isoliert in der Mannschaft sieht.“ Der 36-Jährige weiß: „Als Torhüter des FC Bayern kriegst du in der Bundesliga vielleicht zwei, drei, vier Bälle aufs Tor, bei denen man herkömmliche Torhüter-Aktionen hat. Ansonsten hast du 10, 20, 30 Aktionen, wo du mit dem Fuß mitspielen, deinen Mitspielern helfen, Steilpässe ablaufen musst.“

Dem Anforderungsprofil entsprechend trainiert Hoek jeden Tag mit seinen Keepern. „Er trainiert sehr, sehr spielnah und schießt nicht einfach nur aufs Tor“, berichtet Butt. Starkes Gewicht im Torwarttraining liegt auf Ballannahme, Passspiel, Positionsspiel und der Kommunikation zwischen Torhüter und Abwehr. „Er arbeitet nicht nur mit den Torhütern, sondern spricht auch viel mit den Defensivspielern“, sagt Butt.

Am häufigsten sieht man Hoek aber natürlich im Gespräch mit seinen Torhütern. Gestenreich und ausgiebig erklärt er seine Ideen, aufmerksam hört er zu, wenn Butt, Kraft & Co. ihre Meinung sagen. „Er versucht nicht, uns seine Philosophie aufzudrängen. Man hat auch nicht das Gefühl, dass seine Philosophie in Stein gemeißelt ist“, berichtete Butt, „vielmehr versucht er, zu überzeugen und Dinge gemeinsam zu erarbeiten. Er ist ein sehr offener, wissbegieriger Mensch, der sich auch weiterentwickeln will.“ Von der kurzen Leine zwischen Hoek und seinen Torhütern profitieren also alle Seiten.

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