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Nerlinger im Interview

'Van Gaal ist ein Unikat'

Es ist ruhig derzeit an der Säbener Straße. 15 Profis sind mit ihren Nationalmannschaften unterwegs, gerade einmal sieben Spieler, darunter drei Torhüter, sind momentan in München. Auch bei Sportdirektor Christian Nerlinger ist es jetzt etwas ruhiger. Am Dienstag um 24 Uhr endete die Transferperiode und damit auch die zahlreichen Gerüchte um angebliche Wechsel vom und zum deutschen Rekordmeister.

Im Exklusiv-Interview mit fcbayern.de verrät Nerlinger, dass beim FCB die ganze Zeit über „keine große Hektik“ in Sachen Tranfers herrschte. Ferner sprach der 37-Jährige über die Philosophie von Trainer Louis van Gaal, über Mario Gomez, Arjen Robben und Franck Ribéry sowie über den Saisonstart, den er nach einem Sieg und einer Niederlage als „überhaupt nicht dramatisch“ bezeichnete.

Das Interview mit Christian Nerlinger

fcbayern.de: Herr Nerlinger, sind Sie froh, dass der Spuk vorbei ist und das Transferfenster endlich geschlossen hat?
Christian Nerlinger: „Nein, denn bei uns herrschte ja auch keine große Hektik. Natürlich gab es viele Gerüchte und einige konnten auch nicht verstehen, dass wir nicht aktiv geworden sind. Aber wir haben von Anfang an immer gesagt, dass wir Vertrauen in unsere Mannschaft haben. Wenn ich aber sehe, was sich in den letzten 24 Stunden auf Schalke getan hat… Das war ein für mich noch nie dagewesener Transferaktionismus.“

fcbayern.de: Sie sind also mit dem aktuellen Bayern-Kader zufrieden?
Nerlinger: „Ja. Ich finde, wir haben einen guten und ausgeglichenen Kader und ein schlagkräftige Mannschaft, mit der wir diese Saison wieder sehr erfolgreich sein können.“

fcbayern.de: Wenn es nach Louis van Gaal gegangen wäre, hätte der Kader ruhig noch kleiner sein können.
Nerlinger: „Van Gaals Philosophie besteht darin, jedem Spieler immer mitzuteilen, wie seine Perspektive im Kader ist. Für den einen oder anderen Spieler wird es in dieser Saison vielleicht schwieriger, aber jeder hat die Chance, sich wieder heran zu kämpfen. Im Laufe der Saison kann sich ja auch einiges verändern. Und die meisten Spieler wissen auch, was sie am FC Bayern haben. Sie wollen nicht flüchten, sondern bleiben und wollen sich hier beweisen. Das finde ich eine sehr gute Reaktion.“

fcbayern.de: Und Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft…
Nerlinger: „Ja, das ist schon richtig, aber zu viel Konkurrenz kann auch kontraproduktiv sein, nämlich dann, wenn man zu viele Spieler im Kader hat, die eigentlich fast gar keine Perspektive auf Einsatzzeiten haben. Es muss immer ein ausgewogenes Verhältnis herrschen.“

fcbayern.de: Van Gaal unterbreitet jedem Spieler von Anfang ganz offen seine Perspektiven. Haben Sie so was, auch in Ihrer Zeit als Profi, schon mal erlebt?
Nerlinger: „Nein, das habe ich selbst so in der Art noch nicht erlebt. Er ist da in jeglicher Hinsicht ein Unikat. Die Spieler sollten sich dadurch aber auch nicht einschüchtern lassen. Van Gaal möchte damit auch etwas provozieren und eine Reaktion beim Spieler herauskitzeln. Diese Spieler sollen ihm beweisen, dass sie unbedingt in die Mannschaft wollen.“

fcbayern.de: Gilt das auch für Martin Demichelis, der zuletzt nicht mal zum Kader gehörte?
Nerlinger: „Es ist doch ganz klar: Wenn man sechs Jahre lang bei einem Klub mehr oder weniger Stammspieler war, dann tritt man nicht so ohne weiteres ins zweite Glied zurück. Er hat jetzt sehr offensiv gesagt, dass er den Kampf um einen Platz aufnehmen will, und ich finde, dass ist genau die richtige Reaktion. Bis Breno zurück kommt, dauert es noch eine Weile, mit Badstuber, Van Buyten und Demichelis haben wir im Moment nur drei gelernte Innenverteidiger - das ist nicht so übermäßig viel.“

fcbayern.de: Ein weiterer Spieler, der es in seiner Karriere bisher nicht gewohnt war, nur von der Bank zu kommen, ist Mario Gomez.
Nerlinger: „Mario hat sehr gut daran getan, das Kapitel FC Bayern nicht schon nach einem Jahr zu beschließen. Er hatte ja bisher hier nicht nur Tiefen, sondern auch eine phantastische Phase um die Jahreswende. Da hat er mit seinen Toren dazu beigetragen, dass wir in die Erfolgsspur gekommen sind. Das sollte man in seiner Beurteilung nicht vergessen. Er kann jetzt ohne großen Erwartungsdruck den zweifelsohne großen Konkurrenzkampf im Sturm angehen. Und das Programm nach der Länderspielpause ist sehr intensiv, da wird jeder seine Chance bekommen.“

fcbayern.de: Arjen Robben war in der letzten Saison ein ganz wichtiger Spieler für den FCB. Wann wird er der Mannschaft wieder helfen können?
Nerlinger: „Uns war von Anfang bewusst, dass es sehr lange dauern kann, bis er wieder einsatzfähig ist, nur wurde das in der Öffentlichkeit offenbar nicht so wahrgenommen. Diese Art von Muskelverletzung dauert nun mal. Ich hoffe und wünsche es mir, dass Arjen noch in Hinrunde zurückkommt, aber es ist schwer das zu prognostizieren. Das fällt auch unserer medizinischen Abteilung schwer, weil es doch eine sehr ungewöhnliche Verletzung mit einem ungewöhnlichen Verlauf ist. Es kann durchaus sein, dass Arjen in diesem Jahr nicht mehr spielt.“

fcbayern.de: In wieweit wäre es da wichtig, dass Franck Ribéry bald wieder zur alten Form aufläuft?
Nerlinger: „Sehr wichtig, und ich bin auch sehr optimistisch, das er das schafft. Er hat jetzt zwei Wochen hier in München, die ihm sicherlich gut tun werden. Ich denke, danach wird er wieder annähernd zu 100 Prozent fit sein. Und dann werden wir auch den alten Ribéry wieder sehen.“

fcbayern.de: Haben Sie auch den Eindruck, dass Franck nach dem ganzen privaten Rummel der letzten Monate und einem insgesamt enttäuschenden letztem Jahr mit viel Verletzungspech extrem motiviert in dieses Saison gegangen ist?
Nerlinger: „Ja, absolut. Er will es noch mal wissen und allen Beweisen, was er für ein außergewöhnlicher Spieler ist. Ich glaube, die letzte Saison war die schwerste in seiner Karriere. Jetzt ist er doppelt motiviert, alles vergessen zu machen. Aber auch außerhalb des Platzes ist er sehr engagiert. Er spricht jetzt viel Deutsch, mit der Mannschaft und in den Interviews.“

fcbayern.de: Für die Mannschaft gab es zum Saisonstart einen Sieg und eine Niederlage. Wie beurteilen Sie den Auftakt?
Nerlinger: „Wir haben immer ganz bewusst versucht, nicht zu viele Worte über die schwierige Vorbereitung zu verlieren, aber es hat sich in den Spielen gezeigt, dass einige Spieler noch Zeit brauchen. Das war gegen Wolfsburg der Fall und auch in Kaiserslautern. Diese Niederlage war unglücklich und tut auch weh, aber ich sehe das überhaupt nicht dramatisch. Ich glaube an das Potenzial der Mannschaft und dass sie sich rechtzeitig stabilisieren wird.“

fcbayern.de: Was wäre unter diesen Umständen dann für Sie eine erfolgreiche Hinrunde?
Nerlinger: „Wir können nicht sagen, dass wir die Bundesliga mit fünf oder sechs Punkten Vorsprung dominieren wollen, dafür waren unsere Nationalspieler zu lange bei der WM im Einsatz. Unser Ziel muss es sein, nach der Winterpause noch in allen drei Wettbewerben dabei zu sein, und ich denke, das werden wir auch schaffen.“

Das Interview führten: Dirk Hauser und Carsten Zimmermann

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