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Effenberg im Interview

'Nicht schlecht für eine Altherrentruppe, oder?!'

23. Mai 2001 - nach 25 Jahren Durststrecke gewinnt der FC Bayern erstmals wieder den wichtigsten europäischen Titel im Klubfußball. Mit drei gehaltenen Schüssen im Elfmeterschießen war Titan Oliver Kahn im Finale der Champions League der Matchwinner gegen den FC Valencia. Kapitän dieser Mannschaft war damals Stefan Effenberg. Zehn Jahre nach dem Triumph im Mailänder Guiseppe-Meazza-Stadion sprach fcbayern.de mit dem Cheffe über einen guten Tag, um Geschichte zu schreiben.

fcbayern.de Stefan Effenberg, als Sie die Mannschaft als Kapitän in das Mailänder Stadion führten, haben Sie da auch gedacht: Heute ist ein guter Tag, um Geschichte zu schreiben?
Stefan Effenberg: „Eigentlich waren wir uns klar, dass wir gewinnen. Diese Überzeugung muss man auch haben, sonst hat man zitternde Knie beim Einlaufen. Wir waren alle optimistisch, aber nicht so wie die breite Öffentlichkeit, die uns gegen Valencia zum klaren Favoriten gemacht hat. Aber so klar war das für uns nicht, Valencia stand schon zum zweiten Mal in Folge im Finale.“

fcbayern.de Haben Sie das große Fan-Plakat und die tolle Stimmung in der Bayern-Kurve damals überhaupt wahrgenommen?
Effenberg: „Ja, klar. Wir sind beim Einlaufen direkt auf unsere Kurve zugegangen und haben diese tolle Stimmung aufgesogen. Diese 50, 60 Meter aus dem Tunnel heraus zum Mittelkreis, das war schon Gänsehaut-Feeling pur. Und es war dann auch beim Elfmeterschießen ein großer psychologischer Vorteil, dass dies vor unseren Fans stattgefunden hat.“

fcbayern.de Viele sagen heute noch, der Triumph von Mailand war die logische Konsequenz aus vielen legendären Schlüssel-Erlebnissen der jüngsten Vergangenheit: Last-Minute-Drama 1999 in Barcelona gegen Manchester, die Wutrede von Präsident Franz Beckenbauer nach dem blamablen 0:3 in Lyon, der darin die Mannschaft als Altherrentruppe hinstellte, und die Meisterschaft 2001, als Sekunden vor Schluss Patrik Andersson in Hamburg traf.
Effenberg: „Bitterer, als wir das Finale 1999 verloren haben, geht ja gar nicht. Wir hatten ja schon eine Hand am Pokal. Danach haben wir uns zusammengesetzt und gesagt: Wir müssen das schaffen! Wir haben die Qualität. Und wir hatten auch genau die Typen dafür, die wollen, die gesagt haben: Jetzt erst recht! Hamburg hatte für mich nicht so den Einfluss. Ich weiß nicht, ob ein Verlust der Meisterschaft Bedeutung für den Ausgang des Finales gehabt hätte. Wir waren viel zu fokussiert auf dieses Spiel gewesen, die Meisterschaft - so doof wie das jetzt klingen mag - haben wir so mitgenommen.“

fcbayern.de Und wie war das mit der Rede von Franz Beckenbauer?
Effenberg: „Ab und zu braucht man schon mal einen Tritt in den Allerwertesten, aber diese Worte haben uns damals schon sehr gewurmt. Wir hätten am liebsten schon während der Rede den Saal verlassen und sind danach alle geschlossen aufgestanden. Nach der Rückkehr aus Lyon haben wir uns mannschaftsintern in der Kabine an der Säbener Straße zusammengesetzt, ohne Trainer und Betreuer, und haben darüber gesprochen. Beckenbauer hin, Beckenbauer her, mit diesen Worten hatte ich schon meine Probleme. Wir waren alle der Meinung, dass wir das nicht verdient hatten. Also haben wir uns geschworen, darauf die passende Antwort zu geben. Es war meine klare Ansage an die Mannschaft, alle Kritiker zum Schweigen zu bringen.“

fcbayern.de Haben Sie den „Kaiser“ nach dem Triumph gegen Valencia nochmals auf seine Rede angesprochen?
Effenberg: „Ich habe noch in der Kabine in Mailand damals zu ihm gesagt: 120 Minuten marschieren und noch die Nerven behalten im Elfmeterschießen - nicht so schlecht für eine Altherrentruppe, oder!? Er hat mir dann sein 'Du' angeboten. Damit war die Sache erledigt.“

fcbayern.de Wer auf dem Weg ins Champions-League-Endspiel die europäischen Topteams Arsenal London, Olympique Lyon, Manchester United und im Halbfinale auch noch Real Madrid aus dem Weg räumt, der hat zwangsläufig die „Krone Europas“ verdient, oder?
Effenberg: „Ich denke, dass wir schon zuvor zu den absoluten Topfavoriten gehört haben, weil wir 1999 im Finale standen und 2000 im Halbfinale. Manchester, Real Madrid und wir, wir haben es damals unter uns ausgemacht, wir waren die bestimmenden Mannschaften in dieser Zeit.“

fcbayern.de Wie beurteilen Sie aus Sicht des Kapitäns die damalige Final-Mannschaft hinsichtlich der Typen, des Charakters, der Genialität und des Siegeswillens?
Effenberg: „Wir waren eine überragende Mannschaft mit überragenden Typen. Aber unsere größte Starke war vielleicht, dass die Jungs, die nicht zur Stammelf gehörten und hinten dran standen, ruhig geblieben sind. Wir hatten eine unglaubliche Harmonie, die so für einen Verein wie den FC Bayern mit Sicherheit nahezu einmalig gewesen ist. Und wir hatten mit Ottmar Hitzfeld einen genialen Trainer.“

fcbayern.de Was war Ihre wichtigste Aufgabe während der Tage der Vorbereitung auf das Finale von Mailand als Kapitän?
Effenberg: „Das wichtigste nach Hamburg war zunächst einmal zu sagen: Jungs, feiern geht gar nicht! Da haben sich aber auch alle dran gehalten. Natürlich habe ich mir auch den einen oder anderen Spieler mal zur Seite genommen und habe ihn gepusht. Bei Oliver Kahn oder Giovane Elber musste ich das nicht, die sind alleine marschiert, aber bei den Jüngeren war das schon mal eher gefragt. Mit Hasan Salihamidzic zum Beispiel bin ich am Tag des Finales noch spazieren gegangen. Aber im Prinzip wussten alle, um was es geht. Du hast jedem in die Augen schauen können und gesehen, die sind voll fokussiert auf dieses Spiel, wollen den Cup.“

fcbayern.de Gab es während des Finales bei Ihnen zwischenzeitlich auch den Gedanken, wie 1999 gegen Manches­ter am Ende auch diesmal den Meisterpokal nicht zu gewinnen? Zum Beispiel nach dem verschossenen Elfer von Mehmet Scholl kurz nach dem 0:1?
Effenberg: „Nein, da waren ja noch über 80 Minuten zu spielen. Wir hatten noch genügend Zeit, es zu richten. Beim Elfmeterschießen war es schon kritischer, da waren wir ja schon zwei Mal fast weg. Doch dann hat uns der Olli mit seinen sensationellen Paraden zurückgebracht.“

fcbayern.de Warum sind Sie nicht schon zum ersten Elfmeter angetreten, den Mehmet Scholl verschoss, sondern erst zum zweiten?
Effenberg: „Weil Mehmet sofort zu mir kam und sagte: Ich mach das, ich bin mir sicher. Und ich war ja der Gefoulte, da ist man ja immer ein bisschen vorsichtiger. Beim zweiten Elfer in der zweiten Halbzeit hätte ich aber niemanden vorgelassen. Ich war absolut überzeugt, den mache ich rein. Und vor dem Elfmeterschießen haben wir einen Kreis gebildet. Ich habe die Jungs eingeschworen und ihnen gesagt, dass wir uns das nicht mehr nehmen lassen. Wir brauchen Glück, aber wir haben uns das Glück verdient. Wir werden gewinnen.“

fcbayern.de Gab es eigentlich Probleme, die fünf Schützen beim Elfmeterschießen zusammenzubekommen?
Effenberg: „Nein, das ging ganz schnell. Das war auch ein Zeichen und sprach für die mentale Stärke dieser Mannschaft. Am meisten überrascht hat mich Thomas Linke. Wie cool der den rein gemacht hat, Hut ab. Das hätte ich ihm nicht zugetraut, ehrlich. Ich habe ihm auch nachher gesagt: Thomas, da habe ich dich jahrelang falsch eingeschätzt.“

fcbayern.de Der erste von euch hat aber gleich verschossen: Paulo Sergio...
Effenberg: „Ottmar Hitzfeld hatte ihn extra kurz vor Schluss eingewechselt, weil er sagte, er ist ein sicherer Elfmeterschütze“ (lacht).

fcbayern.de Können Sie sich noch an die Szenen direkt nach dem letzten Elfer von Pellegrino erinnern?
Effenberg: „Wir standen zuvor alle Arm in Arm am Mittelkreis und als Olli gehalten hat, liefen wir nur noch wild durcheinander. Ich hatte direkt den Michael Henke am Hals, das weiß ich noch. Es war alles nur noch traumhaft schön.“

fcbayern.de Was ist Ihnen durch den Kopf geschossen, als Sie den Cup in die Höhe streckten und ein rot-weißer Konfetti-Regen sich über Ihnen ergoss?
Effenberg: „Ich dachte, der Pokal sei viel schwerer und habe ihn mir beim Hochreißen erst mal an den Kopf gehauen (lacht). Das war zweifelsohne der Höhepunkt meiner Karriere. Stolz war ich auch auf den Pokalsieg 1995 mit Borussia Mönchengladbach und die drei Meisterschaften in Folge von 1999 bis 2001 mit den Bayern. Aber auf diesen Triumph hat der ganze Verein lange warten müssen: 25 Jahre, ein Vierteljahrhundert! Man hat gespürt, wie wichtig dieser Erfolg für den ganzen FC Bayern und seine vielen Fans war. Das hat mich ganz stolz gemacht, das hat auch alle anderen stolz gemacht, dass uns dieser große Wurf gelungen ist und wir Geschichte geschrieben haben. Und wir wussten, dass wir es nach den Jahren zuvor einfach auch verdient hatten.“

fcbayern.de Ihr Name ist unauslöschlich mit einem der größten Erfolge in der Vereinsgeschichte des FC Bayern München verbunden, auch werden Sie ab 2012 in der Erlebniswelt in der Allianz Arena zusammen mit Legenden wie Sepp Maier, Gerd Müller, Uli Hoeneß, Paul Breitner, Karl-Heinz Rummenigge und Franz Beckenbauer in der Hall of Fame einen Ehrenplatz bekommen - welchen Anteil, glauben Sie, hat daran der Sieg von Mailand?
Effenberg: „Ich glaube, einen ganz entscheidenden. Neben dem Gewinn der Champions League war meine Wahl in die Bayern-Elf des Jahrhunderts anlässlich des Eröffnungsspiels der Allianz Arena mein persönlich größter Erfolg. Bayern München, dieser Verein mit all seinen Topleuten - und ich bin in der Jahrhundertelf dabei! Das macht mich tierisch stolz.“

fcbayern.de Heutzutage wird auch schon einmal von einer „flachen Hierarchie“ gesprochen. Braucht eine Mannschaft für die ganz großen Triumphe echte Typen, wie Sie und Oliver Kahn damals waren?
Effenberg: „Ja, definitiv. Jede große Mannschaft braucht ein, zwei oder drei Leute, die den Ton und die Richtung vorgeben. Ich mag diesen Begriff schon gar nicht: flache Hierarchie. Damit kann ich nichts anfangen. Darf dann jeder mitreden? Das geht doch nicht! Wenn es darauf ankommt, redet der Trainer. Oder dann der Kapitän und sein Vize, dann gibt es klare Ansagen: Das, das, das – und tschüss!“

fcbayern.de Wann wird der FC Bayern wieder reif sein für den nächsten Champions-League-Titel? Vor einem Jahr hätte es in Madrid gegen Inter Mailand ja schon fast wieder geklappt.
Effenberg: „Ich hoffe, es dauert nicht wieder ein Vierteljahrhundert. Ich wusste damals, dass es wieder dauern könnte, weil diese Mannschaft das Limit erreicht hatte. Ich wünsche mir natürlich, dass es nächstes Jahr hier beim Endspiel in München klappt. Dafür drücke ich die Daumen und gehe auch in die Kirche und stecke eine Kerze an.“

fcbayern.de Was glauben Sie wird von Mailand 2001 wird von dieser Mannschaft in 25 Jahren noch in Erinnerung sein?
Effenberg: „Ich denke, dieser Titel wird immer irgendwo mit Oliver Kahn und mit mir in Verbindung gebracht werden. Aber wir hatten auch eine richtig geile Truppe. Wir hatten diesen absoluten Siegeswillen und wussten, dass wir es in der Konstellation dieser Mannschaft schaffen können. Und das haben wir dann durchgezogen.“

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