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CL-Gegner im Formcheck

Die zwei Gesichter von Olympique Marseille

7:1 gegen Hoffenheim. 7:0 gegen Basel. 6:0 gegen Hertha BSC. 20 Tore, die auch international für Aufsehen gesorgt haben. Der Respekt vor dem FC Bayern ist groß - insbesondere bei Olympique Marseille, dem Gegner des deutschen Rekordmeisters am kommenden Mittwoch im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League. „Ich habe mir die ersten zehn Minuten ihres Spiels gegen Hertha am Fernseher angeschaut. Dann habe ich das Gerät ausgeschaltet. Wie sollen wir die Bayern-Stürmer ausschalten? Ich kann sie ja nicht festbinden lassen.“ Worte von Didier Deschamps, dem Trainer der Franzosen.

Nicht viel optimistischer äußerte sich Defensivspieler Stéphane Mbia: „Wenn man die Angreifer der Bayern sieht, kann man eigentlich nur Angst haben.“ Olympique Marseille stapelt tief. Zu Recht? Oder alles nur Taktik? fcbayern.de analysiert die Lage beim Vize-Meister der französischen Ligue 1:

Sportliche Lage national:
Olympique läuft den Ansprüchen in der heimischen Liga weit hinterher: Der letzte Sieg in der Meisterschaft datiert vom 29. Januar gegen Stade Rennes. Eine schlechtere Bilanz hatte OM zuletzt vor 33 Jahren aufzuweisen. Damals stieg man ab. So schlimm ist es diese Saison nicht. Dennoch: Bei 13 Punkten Rückstand auf Champions-League-Qualifikationsrang drei und neun auf Europa-League-Platz fünf läuft Marseille Gefahr, das internationale Geschäft gänzlich zu verpassen. Neun Liga-Partien hat der Tabellen-Achte noch Zeit, das Blatt zu wenden.

Am vergangenen Wochenende stoppte Olympique beim 1:1 in Nizza immerhin die Niederlagenserie (sieben Pflichtspiele). „Auch wenn dieses Resultat unsere Lage nicht wesentlich verbessert, ist es gut für die Köpfe der Spieler“, sagte Coach Deschamps anschließend. Glück hatte Marseille dennoch, dass es nicht als Verlierer den Platz verließ. Das Torschussverhältnis: Marseille 2, Nizza 24.

OM egalisierte damit den Negativ-Saison-Rekord an Torversuchen pro Spiel von Aufsteiger AJ Ajaccio. Allerdings musste Olympique rund 45 Minuten in Unterzahl bestreiten, da Charles Kaboré kurz vor der Pause mit Gelb-Rot vom Platz gestellt wurde. Kleines nationales Trostpflaster: Marseille steht im Finale des Liga-Cups gegen Olympique Lyon.

Sportliche Lage international:
In der Champions League zeigte OM bislang ein komplett anderes Gesicht. In der Gruppenphase setzten sich die Franzosen in einer Staffel mit dem FC Arsenal, Borussia Dortmund und Olympiakos Piräus durch. Am Ende wurde man Zweiter - vor dem BVB, den man zweimal besiegte (3:0, 3:2).

Im Achtelfinale schaltete Marseille schließlich überraschend Inter Mailand aus. Das Hinspiel wurde zuhause mit 1:0 gewonnen, auswärts reichte schließlich eine 1:2-Niederlage zum Weiterkommen. Damit erreichte der Champions-League-Sieger von 1993 erstmals seit der Einführung des CL-Viertelfinales ein solches. Es war der größte Erfolg in der Königsklasse seit 19 Jahren.

Stärken und Schwächen:
Marseille hat seine Stärken in der Defensive: Hinter Real Madrid (4 Gegentore) kassierte der neunmalige französische Meister die wenigsten Gegentreffer (6) aller Viertelfinalisten. In der heimischen Liga sind nur drei Teams defensiv stärker.

Die größte Schwäche von OM ist das derzeitige Formtief, das für wenig Selbstvertrauen im Lager des Bayern-Gegners sorgt. Zudem zeigte das Team in dieser Saison offensiv bislang zu wenig: In den vergangenen sechs CL-Spielen traf man nur fünfmal ins Schwarze. Dem FCB gelangen beispielsweise alleine gegen den FC Basel sieben Tore. Insgesamt erzielten die Münchner bislang doppelt so viele Tore in der Königsklasse wie Marseille (18:9).

Personalien:
OM muss im Hinspiel gegen den FC Bayern auf zwei absolute Leistungsträger verzichten: Torhüter Steve Mandanda, der in Nizza einmal mehr überragender Mann war und in der Gruppenphase der Champions League Dortmunds Stürmer zur Verzweiflung gebracht hatte, fehlt gelb-rot-gesperrt. Und: Abwehrchef Souleymane Diawara riss sich in Nizza das Kreuzband. Für das Hinspiel wäre er ohnehin gelb-gesperrt gewesen, nun wird er auch die Partie eine Woche später in München verpassen.

Für Diawara wird voraussichtlich Rod Fanni in die Innenverteidigung rücken. Wer Torhüter Mandanda ersetzen wird, steht noch nicht fest. Die Nummer zwei Gennaro Bracigliano machte vergangene Woche beim blamablen Pokal-Aus gegen einen Drittligisten eine derart schlechte Figur, dass Trainer Deschamps Medienberichten zufolge nun überlegt, den dritten Keeper gegen den FCB spielen zu lassen.

Die Leistungsträger bei OM offensiv sind Stürmer Loic Remy sowie Linksaußen André Ayew - der Sohn des ehemaligen 1860-Spielers Abedi Pelé. Der Ghanaer Ayew ist schnell, torgefährlich und hat einen starken linken Fuß. Gegen den BVB erzielte er drei der sechs Tore. Stürmer Remy überzeugt durch seine Athletik und Abschlusstärke. Mit zehn Toren ist er bester Liga-Torschütze von Marseille.

Das sagen die Verantwortlichen:
Vincent Labrune (Präsident): „Es wird kein Spaß, gegen Bayern zu spielen, aber wir glauben an unsere Chance. Uns erwarten zwei große Spiele.“
Didier Deschamps (Trainer): „Es ist traurig für all unsere Fans, wie es derzeit läuft. Aber am Mittwoch gegen die Bayern werden wir eine andere Mannschaft sehen.“
Rod Fanni (Verteidiger): „Es muss sich einiges ändern, um gegen die Bayern nicht wie Basel einzugehen.“

Das sagt die französische Presse:
L’Equipe (wichtigste französische Sporttageszeitung): „Man hat das Gefühl, die Bayern werden das Duell gegen OM leicht und locker für sich entscheiden. Um den Bayern am Mittwoch Paroli zu bieten, werden ganz andere Argumente als zuletzt nötig sein.“

Stadion:
Das Stade Velodrome hat eine Kapazität von 60.000 Plätzen. Derzeit wird die frühere Radrennbahn allerdings umgebaut, saniert und für die Europameisterschaft 2016 fit gemacht. Zudem wird das Stadion überdacht, um die Fans vor dem von Nordwesten einfallenden Mistral zu schützen. Somit können die Partie gegen den FC Bayern nur 40.000 „heißblütige OM-Fans“ (Daniel van Buyten) verfolgen.

Fazit:
Olympique Marseille ist unberechenbar: Nimmt man die Liga als Maßstab, sollte der FC Bayern das Duell souverän für sich entscheiden. In der Champions League zeigte OM jedoch ein anderes Gesicht. „Das sollte Warnung genug sein“, brachte es Toni Kroos auf den Punkt.

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