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Badstuber im Interview

'Meine Idealvorstellung ist noch nicht erreicht'

Mit 21 Gegentoren stellt der FC Bayern einen Spieltag vor Saisonende die mit Abstand beste Defensive der Liga. Sollte der Rekordmeister im letzten Spiel am kommenden Samstag beim 1. FC Köln zum 19. Mal in der laufenden Spielzeit zu Null spielen, könnte er die eigene Bestmarke aus der Saison 2007/08 einstellen. Großen Anteil daran hat Holger Badstuber, der bis auf die Partie in Bremen in allen 32 Ligaspielen in der Startelf stand. 31 davon bestritt er über die volle Distanz.

„Diese Saison lief für mich bisher sehr ordentlich“, gab der Innenverteidiger im Gespräch mit fcbayern.de sehr bescheiden, räumte aber ein, in dieser Saison „einen großen Sprung“ gemacht zu haben. Vor dem letzten Ligaspiel blickte das 23-jährige Eigengewächs auf die letzten, ereignisreichen Wochen zurück, wagte einen Ausblick auf die bevorstehenden Endspiele im DFB-Pokal und der Champions League und sprach über den Luxus von zweieinhalb freien Tagen.

Das Interview mit Holger Badstuber:

fcbayern.de: Holger, nach sieben englischen Wochen hattet Ihr jetzt mal zweieinhalb Tage frei. Hast du es genießen können?
Holger Badstuber: „Man genießt es natürlich, diese Freizeit, die man in den letzten Wochen nicht so hatte, wieder reinzuholen. Ich glaube, das hat jedem im Team und auch mir persönlich sehr gut getan. Einfach mal ein bisschen Abstand gewinnen, den Akku, der schon ziemlich leer war, wieder aufzuladen und mal auf ein paar andere Gedanken zu kommen. Das ist auch mal ganz wichtig.“

fcbayern.de: Für wen waren die freien Tage wichtiger: für die Beine oder den Kopf?
Badstuber: „Eher für den Kopf! Die Beine halten das schon aus, für mich persönlich war das kein Problem, diese Spiele alle durchzuziehen. Aber klar, für den Kopf ist es ganz gut, dass man mal abschaltet, mal weg kommt von dieser ständigen Anspannung, von der dauerhaften Konzentration und einfach mal die Seele baumeln lässt. Aber jetzt bin ich auch schon wieder bereit und freue mich auf die kommenden Partien.“

fcbayern.de: Hinter Euch liegen ereignisreiche Wochen: Pokalkrimi in Gladbach, Meisterschaftsvorentscheidung in Dortmund, die beiden Real-Spiele. Hast Du das schon etwas verarbeiten können? Was bleibt im Rückblick?
Badstuber: „Natürlich waren da positive Ereignisse dabei, aber auch negative. Aber so schnell geht es im Fußball. Du gewinnst in Gladbach, bist nach dem Elfmeterschießen überglücklich, dass du im Pokalfinale stehst. Das ist für den ganzen Verein eine tolle Sache, in Berlin dabei zu sein. Dann das Spiel in Dortmund, nachdem wir eine Serie gestartet und alles gewonnen hatten, sind wieder rangekommen. Das war sehr bitter, dort zu verlieren. Und dann kommen solche Highlights wie gegen Madrid, da hat ja ganz Deutschland mit gefiebert, nicht nur die Bayern-Fans. Das ist schon eine Riesensache, wenn man im Bernabéu gegen so eine Mannschaft weiterkommt. Die Wochen waren sehr aufregend, mit Höhen und Tiefen.“

fcbayern.de: Welche Reaktionen hast du nach dem Finaleinzug erfahren?
Badstuber: „Es war unglaublich, Wahnsinn, was danach los war. Man hat SMS über SMS bekommen, in der Stadt kamen viele Menschen auf mich zu und haben mich beglückwünscht. Die Stadt boomt förmlich, alle freuen sich auf dieses Finale und sind stolz auf den Verein, dass wir das geschafft haben. Das ist schon beeindruckend, ich hätte nicht gedacht, dass es so extrem ist.“

fcbayern.de: Nach einem normalen Champions-League-Spiel ist es schon schwierig, runterzukommen und irgendwann zu schlafen. Wie war das nach dem Spiel in Madrid? Hast Du überhaupt ein Auge zugemacht?
Badstuber: „Nein, ich konnte nicht schlafen, ich war bis sechs Uhr morgens wach. Wir sind auch erst spät vom Stadion ins Hotel, hatten dann das Bankett. Und dann ist man so aufgedreht, nicht nur ich, auch die anderen Spieler. Niemand konnte schlafen, da haben wir uns auf dem Hotelgang getroffen, haben noch lange zusammen gesessen und miteinander geredet. Da hat man gesehen, dass wir eine sehr gute Mannschaft haben, dass es bei uns stimmt.“

fcbayern.de: Es stehen nicht minder ereignisreiche Wochen vor Euch. Wie groß ist die Vorfreude?
Badstuber: „Die ist riesig! Das letzte Bundesligaspiel in Köln wollen wir unbedingt ernst nehmen, das ist ja auch eine gute Vorbereitung auf das DFB-Pokalfinale. Wenn wir da ein gutes Spiel machen, gehen wir auch mit einem positiven Gefühl in die nächste Begegnung.“

fcbayern.de: In der Bundesliga winkt am Samstag sogar noch die Einstellung des Defensivrekords (21 Gegentore) und für Mario Gomez die Torjägerkanone. Sind das die kleinen Trostpreise, die Ihr noch einfahren wollt?
Badstuber: „Die Meisterschaft ist weg, aber wir wollen noch das Positivste herausholen. Für mich als Abwehrspieler wäre es eine schöne Sache, wenn wir diesen Defensivrekord einstellen könnten. Das ist ja eine Marke, die man setzen kann. Und klar spielen wir auch ein bisschen für Mario. Der war jetzt so lange vorne und jetzt liegt er vor dem letzten Spieltag ein Tor hinten. Wir wollen alle, dass er die Torjägerkanone verteidigt. Aber in erster Linie wollen wir das Spiel gewinnen, was darüber hinaus rauskommt, sehen wir dann.“

fcbayern.de: Eine Woche später steigt das Pokalfinale gegen Dortmund. Zuletzt gab es vier Niederlage in Folge, da ist noch was offen, oder?
Badstuber: „Wir wollen natürlich diesen Pokal holen. Erstens weil es ein Finale ist, das man unbedingt gewinnen will, zweitens weil der Gegner Dortmund heißt. Auf neutralem Boden denke ich, dass die Chance 50:50 steht. Das Stadion ist auch 50:50 aufgeteilt, was die Fanlager betrifft. Wir haben einiges gut zu machen und wollen das Finale gewinnen.“

fcbayern.de: Zum Abschluss steht das große Finale gegen den FC Chelsea an. Was überwiegt bei Dir: Die Freude über die Finalteilnahme oder die Trauer, dass Du wegen der Gelbsperre nur zuschauen kannst?
Badstuber: „Zunächst einmal bin ich unheimlich stolz, dass wir dieses Finale erreicht haben. Für uns als Mannschaft, für alle, die um die Mannschaft herum arbeiten und für den ganzen Verein ist das eine Riesensache. Man sieht es ja auch an den Mitarbeitern, wie sehr sie sich auf das Finale freuen und uns das gegönnt haben. Das ist das Positivste für mich, dass wir als FC Bayern ins Finale gekommen sind und Gegner wie Real Madrid und Barcelona es nicht geschafft haben. Wir waren gegen Real der Außenseiter und haben es trotzdem erreicht. Für mich persönlich ist es ein zwiespältiges Gefühl, ich wäre natürlich sehr gerne dabei. Ich habe es vor zwei Jahren schon erleben dürfen, was das für ein Riesenspektakel ist. Im heimischen Stadion ist es nochmal eine Stufe drüber. Da nicht dabei zu sein und auf dem Platz zu stehen, ist sehr bitter für mich. Dennoch will ich alle meine Kraft in dieses Finale hineinstecken, weiter Vollgas geben und meine Mannschaft so unterstützen, als wenn ich dabei wäre.“

fcbayern.de: Was für ein Spiel erwartest Du gegen Chelsea? Werden sie so agieren wie gegen Barcelona oder glaubst Du, dass sie offener spielen werden?
Badstuber: „Das wird sich zeigen. Ich glaube schon, dass Chelsea in der Defensive sehr gut stehen will, wir haben ja eine tolle Offensive, und dann aber auch Akzente nach vorne setzen wird. Ich glaube nicht, dass sie so defensiv stehen werden, wie gegen Barcelona, sie werden auch ihren Teil zum Spiel beitragen und die Initiative ergreifen wollen. Ich denke schon, dass es ein offeneres Spiel wird, auch wenn Chelsea sicherlich seine Stärken in der Defensive hat.“

fcbayern.de: Vor drei Jahren hießen Deine Gegner noch Sandhausen, Regensburg und Burghausen. Heute bist Du unumstrittener Stammspieler, stehst zum zweiten Mal im CL-Finale und mit der EM vor dem zweiten großen Turnier. Musst Du Dich manchmal kneifen, wie rasant das alles ging?
Badstuber: „Was heißt kneifen? Vor allem das erste Jahr war für mich atemberaubend, da waren schon Highlights dabei, sowohl beim FC Bayern als auch in der Nationalmannschaft. Das erleben zu dürfen in so einer kurzen Zeitspanne ist schon überwältigend. Ich bin aber auch sehr, sehr hoch eingestiegen hier beim FC Bayern, wo Meisterschaft und Pokal immer große Ziele sind. Wir haben natürlich auch die Qualität, jedes Jahr in allen drei Wettbewerben voll dabei zu sein. Und dann ist es auch klar, dass man so viele Highlights hat. Aber kneifen muss ich mich nicht, ich habe es mir immer so vorgestellt. Umso schöner ist es, dass es so eingetroffen ist.“

fcbayern.de: Welche Rolle spielt Dein privates Umfeld abseits des Fußballs?
Badstuber: „Für mich persönlich ist es wichtig, ein Umfeld zu haben, das funktioniert und mir erlaubt, mich voll und ganz auf den Fußball konzentrieren zu können. Das ist sehr wichtig und auch sehr förderlich für mich, damit ich meine Topleistung bringen kann.“


fcbayern.de: In der letzten Saison hat Dich eine Schambeinentzündung zu einer langen Pause gezwungen, danach hattest Du Probleme, die alte Form und Sicherheit zu finden. In dieser Saison hast Du fast alle Spiele bestritten und gehörst zu den Topspielern der Liga. Demnach bist Du inzwischen wieder völlig problemfrei?
Badstuber: „Ja, das ist komplett ausgestanden. Es war klar, dass das nach dieser langen Zeit, ich habe ja zweieinhalb Monate ausgesetzt, eine Weile dauert, bis ich wieder fit bin. Hinzu kam, dass der sportliche Erfolg nicht so da war, wie wir es uns alle gewünscht haben. Da kam einiges zusammen, das war auch für mich nicht so einfach. Aber dennoch will ich diese Zeit nicht missen, ich habe viel mitgenommen und auch mal die andere Seite kennengelernt. Davon profitiere ich heute, diese Saison lief für mich bisher sehr ordentlich. Ich denke, ich habe einen großen Sprung gemacht, von meiner Persönlichkeit wie auch vom fußballerischen her. Aber ich will noch weiter Gas geben, ich bin überzeugt, dass ich mich noch weiter steigern kann. Meine Idealvorstellung ist noch nicht erreicht!“

Das Interview führte: Carsten Zimmermann

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