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50 Minuten Klartext

Sammers Zwei-Wochen-Analyse

Imposant thront das Castello di Arco über dem Trainingsplatz des FC Bayern im Trentino. Mächtige Felswände und Bergrücken säumen das Tal, bewachsen von Zypressen und Weinstöcken. Doch für die Reize der malerischen Umgebung hat Matthias Sammer keine Augen. Der Sportvorstand des FC Bayern blickt bei jeder Einheit gebannt auf das Geschehen auf dem Rasen des Stadions von Arco, aufmerksam beobachtet er jeden Schritt der Profis, nur hin und wieder sucht er ein Vier-Augen-Gespräch, mal mit Chefcoach Jupp Heynckes mal mit einem Assistenz- oder Fitnesstrainer.

Am Dienstag, zwei Wochen nach seinem Dienstantritt beim FC Bayern, erörterte der 44-Jährige vor der Presse erste Grundgedanken, die er bei seiner Analyse gewonnen hat, sprach über Ideen und Ziele, mit denen er zum deutschen Rekordmeister gekommen ist. 50 Minuten dauerte das Pressegespräch, fcbayern.de fasst die Kernaussagen zusammen:

Matthias Sammer über…

…seine ersten zwei Wochen beim FC Bayern: „Die ersten zehn Tage hatte ich ein Schleudertrauma, wusste gar nicht, wo rechts, links, oben, unten ist. Das normalisiert sich so langsam. Ich fühle mich gut. Bayern München ist ein großer Klub - das kann man sehen und fühlen. Wenn etwas gut funktioniert und man kommt dazu, dann gebietet es, eine gewisse Bescheidenheit an den Tag zu legen. Ich sehe den Klub immer größer als einzelne Personen. Ich weiß, dass man dem Klub dient und nicht umgekehrt. Es liegt an mir, sich in einen funktionierenden Klub integrieren und anpassen zu wollen, aber auch eigene Ideen einzubringen. Es gilt, auf einem sehr, sehr starken Fundament, die zwei, drei Prozente zu suchen, dass es halt nicht immer der zweite Platz wird. Wir wollen wieder Erster werden.“

…erste Ergebnisse seiner Analyse: „Ich habe ein paar Dinge im Kopf, aber es ist zu früh, darüber zu sprechen. Wir müssen weiter beobachten und analysieren. Ich habe schon einige Gespräche geführt. Man bekommt einen ersten Eindruck. Aber ein großer Teil der Mannschaft fehlt noch. Fußball ist ein sehr komplexes Spiel durch viele Eigenschaften auf und neben dem Feld. Ich glaube schon, dass man dort an Kleinigkeiten arbeiten kann, die aber ein wesentliches Detail sein können für das, was fehlt. Von gut zu sehr gut, ist es nicht so weit, aber sehr detailliert.“

…Mia san mia: „Das gefällt mir, das finde ich prima. Ich bin immer schon ein Verfechter davon gewesen, dass die wahre Stärke in der eigenen Denkweise und der eigenen Orientierung liegt. Wir brauchen unsere eigene Identität und unsere eigene Stärke, wir brauchen überhaupt nirgendwo hinschauen. Eigene Stärke bedeutet eine stabile Mitte und sich in gewissen Phasen nicht von der Euphorie leiten zu lassen, Scheinwelten aufzubauen, genausowenig wie in schwierigen Phasen seinen Weg zu verlassen. Identität bedeutet, die eigene Qualität glaubwürdig erkennbar zu machen und daran zu arbeiten, was man verbessern kann.“

…Transfers: „Wir müssen sehen, dass das, was wir haben, optimal genutzt wird. Ich bin erstmal der Meinung, der Qualität, die wir haben, das Vertrauen zu geben und darüber nachzudenken, wo wir noch das eine oder andere Quäntchen herausholen können. Im letzten Jahr hat man gesehen, dass es so schlecht nicht ist. Dieses Vertrauen müssen die Spieler spüren.“

…sein Verhältnis zu Jupp Heynckes: „Die Kommunikation mit dem Trainer ist sehr, sehr gut. Ich bin froh über die Art und Weise, wie Jupp Heynckes mich aufgenommen hat. Unser Verhältnis ist exzellent, überragend. Ich habe seine Persönlichkeit kennen und schätzen gelernt. Wie man mit ihm über Fußball reden kann, macht mir große Freude. Die Basis ist wunderbar. Der Trainer ist die wichtigste Person im Umgang mit der Mannschaft. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn immer unterstützen werde. Ein Sportdirektor redet dem Trainer in die Tagesarbeit natürlich nicht hinein. Er ist Gesprächspartner, aber er sagt nicht die Aufstellung.“

…sein Verhältnis zur Klubführung: „Die Kommunikation funktioniert hervorragend. Karl-Heinz Rummenigge ist in manchen Bereichen viel länger im Thema als ich. Da stelle ich mich nicht hin, um zu beweisen, welch toller Hecht ich bin. Da hole ich mir Ratschlag. Ich bin froh, solche Ansprechpartner zu haben. Wir müssen erkennen, dass wir, Trainer, Sportvorstand, Karl-Heinz Rummenigge, Karl Hopfner, Uli Hoeneß, sehr geschlossen sein müssen. Aber Prüfungen kommen noch. Dann müssen wir genauso geschlossen sein.“

…Arjen Robben: „Ich habe einen sehr, sehr guten Eindruck von ihm. Er ist sehr wach, sehr aufgeräumt, sehr dynamisch. Wir haben uns natürlich schon miteinander ausgetauscht. Ich habe versucht, ihm zu signalisieren, dass in einer Situation, wie sie nach dem letzten Spiel in München passiert ist, ein Spieler von Bayern München nicht alleine steht und dass wir ihn stärker schützen müssen. Und ich habe ihm auch gesagt, dass ich eine Menge von ihm erwarte in diesem Jahr.“

…seine Pläne für den Jugendbereich beim FC Bayern: „Wir wollen eine Philosophie erarbeiten, die es zum Teil schon gibt und die wir weiter optimieren wollen. Ich habe schon erste Gespräche mit der Jugendabteilung geführt, weitere werden folgen. Daraus werden wir sukzessive genau diese Leitlinie erstellen. Es gibt stabile Faktoren, die wir festlegen wollen. Das sind keine Hexenwerke. Aber wenn du keine Vorgaben machst, wird jeder Trainer am Ende für sich entscheiden, was für ihn reinpasst oder nicht. Ein simples Beispiel: Machen wir einen Ausdauertest im ganzen Klub oder nicht? Spielen wir einheitliche Systeme? Haben wir eine einheitliche Philosophie der einzelnen Spielerpositionen? Wir brauchen eine einheitliche Linie im Jugendbereich, die wir gemeinsam erarbeiten müssen. Das ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen zu bewältigen ist.“

…den idealen Mix einer Mannschaft: „In einer Mannschaft muss es Führungsspieler - im Idealfall einen Leader -, Teamplayer und Individualisten geben. Wir brauchen Individualisten wie Arjen Robben und Franck Ribéry. Trotzdem müssen diese Spieler auch wissen, dass sie alleine niemals funktionieren können. Es muss Teamplayer geben, die das Ganze zusammenhalten. Es müssen Spieler vorangehen und die Verantwortung übernehmen.“

…den deutschen Fußball: „Wir haben in der Siegermentalität Reserven im deutschen Fußball. Weil wir nicht mehr die Bereitschaft mitbringen, die Inhalte, die Reibung und die Sache in den Mittelpunkt zu stellen. Es ist eine Krankheit im deutschen Fußball, dass wir oftmals persönliche Eitelkeiten, persönliche Interessen, persönliches Image, persönliche Wahrnehmung, Marke mehr in den Mittelpunkt stellen und nicht das eigentliche Ergebnis. Und das eigentliche Ergebnis zu erzielen, bedeutet oftmals Unangenehmes, Streitpunkte, weniger Sympathie zwischendurch. Seit 2001 haben wir keinen internationalen Titel im deutschen Fußball geholt. Wir müssen überlegen, was haben die damals gut gemacht. Die Generationen sind unterschiedlich, aber ich glaube, die Erfolgsformeln sind die gleichen.“

Für fcbayern.de in Riva del Garda: Nikolaus Heindl

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