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Matthias Sammer exklusiv

'Haben die Messlatte hoch gelegt'

Er trat in den vergangenen Wochen und Monaten oft auf die Euphoriebremse. Auch nach dem starken 2:0 gegen Juventus Turin in der Champions League sah Matthias Sammer die Welt beim FC Bayern nicht nur rosig. Auf den Dienstagabend blickt der Sport-Vorstand der Münchner aber dennoch mit viel, viel Freude zurück. „Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis und mir imponiert die Art und Weise des Sieges“, erklärte Sammer, der sich im Leistungszentrum an der Säbener Straße ausführlich mit fcbayern.de unterhielt.

Der 45-Jährige, der seit vergangenem Sommer Teil des FC Bayern ist, fordert die Mannschaft aber auf, sich in den kommenden Wochen am Auftritt gegen Juve zu orientieren: „Die Mannschaft hat die Messlatte für den Rest der Saison hoch gelegt. Das muss unser Maßstab sein.“ Der mögliche Gewinn der Deutschen Meisterschaft am Samstag in Frankfurt wäre „überragend“.

Das Exklusiv-Interview mit Matthias Sammer

fcbayern.de: Herr Sammer, ganz ehrlich: Wie nervös waren Sie vor dem Spiel gegen Juventus Turin?
Sammer: „Komischerweise bin ich vor diesen 'großen' Spielen relativ ruhig, denn ich weiß: Jeder Spieler, das Umfeld ist total fokussiert. Wenn es gegen 'kleinere' Gegner geht, wenn die Öffentlichkeit das Spiel schon vor dem Anpfiff abgehakt hat, dann sieht das etwas anders aus. Am Dienstagabend aber wusste ich zudem, dass wir einen guten Plan haben.“

fcbayern.de: Wie bewerten Sie den Auftritt der Mannschaft?
Sammer: „Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis und mir imponiert die Art und Weise des Sieges. Wir haben auf dem Platz Persönlichkeit gezeigt und uns aufgeopfert. Die Aggressivität, die taktische Disziplin gegen den Ball, das frühe Attackieren - das alles war auf einem Topniveau erkennbar und der Schlüssel zum Erfolg.“

fcbayern.de: War das die bislang beste Saisonleistung?
Sammer: „Ja. Und es war ein sehr, sehr reifer Auftritt. Wir haben die Stärken von Juventus Turin neutralisiert. Man hat gesehen, wozu unsere Mannschaft in der Lage ist.“

fcbayern.de: Sie haben nach der Auslosung gesagt, dass Ihnen Juve als Gegner nicht so ungelegen kommt…
Sammer: „Mir war klar, dass uns nach dem Pokalspiel gegen Dortmund ein Kaliber wie Juve helfen wird, die Sinne wieder zu schärfen. Wir haben jetzt nach der Länderspielpause die Kurve bekommen. Und es gibt keinen plausiblen Grund, warum wir dieses Niveau in den kommenden Wochen nicht halten sollten.“

fcbayern.de: Wie meinen Sie das genau?
Sammer: „Die Mannschaft hat durch das Spiel gegen Juve die Messlatte für den Rest der Saison hoch gelegt. Das muss unser Maßstab sein, denn: Jupp Heynckes hat viel rotiert. Wir können nicht müde sein.“

fcbayern.de: Dennoch gab es nach dem frühen 1:0 eine Phase, in der Juve den Bayern Probleme bereitete…
Sammer: „Wir brauchen manchmal eine gewisse Zeit, um unseren Rhythmus zu finden. Das war auch diesmal so. Wir mussten uns erst auf das ungewohnte 3-5-2-System einstellen. Zum Glück hatten wir Bastian Schweinsteiger im zentralen Bereich, der das Spiel perfekt gelesen hat.“

fcbayern.de: Auch Mario Mandzukic hat sich wieder einmal für die Mannschaft aufgerieben. Wie haben Sie seine Leistung gesehen?
Sammer: „Mario arbeitet - und ich sage das nicht despektierlich - wie ein Tier. Das hilft uns, Spiele zu kontrollieren und zu organisieren.“

fcbayern.de: Highlights wie gegen Juve kosten viel Kraft. Kann man dies als Spieler Woche für Woche abrufen?
Sammer: „Wir können nicht immer so aggressiv spielen wie am Dienstag, nicht immer auf einem Weltklasse-Level spielen. Aber: Wir können uns immer weltklasse organisieren. Das muss die Mannschaft lernen. Wir dürfen nicht nur glänzen, wenn wir Powerfußball spielen. Barcelona spielt seit fünf Jahren nahezu mit einer identischen Mannschaft auf einem unfassbaren Niveau. Und sie haben dabei viele Titel geholt. Die haben wir noch nicht.“

fcbayern.de: Wie wird der FC Bayern das Viertelfinal-Rückspiel angehen?
Sammer: „Wir sollten uns nicht am Ergebnis orientieren, sondern uns vornehmen, in Turin zu gewinnen und genauso aufzutreten wie zuhause. Dann müssen wir gar nicht erst anfangen zu rechnen.“

fcbayern.de: Zuvor aber kann die Mannschaft am Samstag die 23. Deutsche Meisterschaft unter Dach und Fach bringen. Würde Ihnen der Zeitpunkt zwischen den beiden Spielen gegen Juve passen?
Sammer: „Wir haben es selbst in der Hand und wollen in Frankfurt mit aller Macht gewinnen - das hätte zur Folge, dass wir Deutscher Meister werden. Es wäre ein überragender Titel.“

fcbayern.de: Für große Feierlichkeiten aber wäre noch kein Platz, oder?
Sammer: „Wir würden damit so umgehen, dass wir vier Tage später sowohl psychisch als auch physisch keinen Abfall erleiden. Freude und Begeisterung über einen möglichen Titelgewinn müssen deshalb ja nicht geschmälert sein. Nur das Verhalten nach dem Spiel und am Abend muss in Richtung Juventus ausgerichtet werden.“

fcbayern.de: Keine einfache Situation für die Spieler, wenn man nach zwei Jahren endlich wieder einen Titel gewinnt…
Sammer: „Die Ansprüche des FC Bayern an die Spieler sind sehr hoch. Das erfordert ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Professionalität. Die Deutsche Meisterschaft war das große Ziel dieser Saison. Aber wir haben bis hierhin so gut gearbeitet, dass noch mehr möglich ist. Diese weiteren Ziele durch unnötiges Verhalten zu gefährden, wäre leichtsinnig. Es liegt auch an den beiden Kapitänen Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, stark auf die Mannschaft einzuwirken. Sie müssen ihre Erfahrung einbringen und das Bayern-Gen in solchen Situationen besonders leben und einfordern.“

fcbayern.de: Wie sehen die Pläne bei einem möglichen Titelgewinn am Samstag aus?
Sammer: „Wir werden uns nach dem Spiel sofort auf den Heimweg machen. Es wird schon im Bus etwas zu essen geben - wie immer. Wir würden uns sehr, sehr freuen, wenn es am Samstag klappen würde. Das wäre psychologisch doch total positiv, ein Hochgefühl. Aber mehr auch nicht. Ab Samstagabend, 18 Uhr, denken wir wieder an Juventus Turin und die Champions League.“

fcbayern.de: Weißbierduschen gäbe es wohl erst zu Saisonende. Wären Sie auf Ihre erste denn vorbereitet?
Sammer: „Gute Frage. Aber ehrlich gesagt habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht und werde das wohl auch nicht tun. Man kann nicht alles planen. Manches sollte man einfach mal auf sich zukommen lassen.“ (lacht)

Das Interview führte: Nikolai Kube

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