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Hermann Gerland im Interview

'Ich erzähle den Spielern keine Märchen'

„Abseits ist, wenn der Tiger pfeift!“, rief Thomas Müller seinen Teamkollegen vor dem Trainingsspiel noch zu. Und Hermann Gerland pfiff. Auch in seinem 19. Dienstjahr für den FC Bayern entgeht dem Co-Trainer von Pep Guardiola nichts. „Ich habe jeden Tag Freude“, erklärte Gerland gegenüber fcbayern.de.

Groß wird die Freude auch am Freitag sein. Denn wenn der FC Bayern beim VfL Bochum (Anstoß 18 Uhr) seine Form testet, kommt es für den Ur-Westfalen zu einem Wiedersehen mit seinem Heimatklub. Im exklusiven Interview erzählt Gerland, wie es zu diesem Vorbereitungsspiel kam, welchen Eindruck die Bayern-Profis derzeit hinterlassen und warum der FCB nach wie vor der Traumverein des 60-Jährigen ist.

Das Interview mit Hermann Gerland:

fcbayern.de: Hallo, Herr Gerland! Seit Montag arbeitet der FC Bayern wieder an der Säbener Straße statt im warmen Doha. Haben Sie sich schon akklimatisiert?
Gerland: „Damit hatte ich kein Problem. Es war nicht so warm wie sonst in Doha. Aber: Das Trainingslager war sehr harmonisch, das Essen überragend, die Trainingsbedingungen und das Hotel ebenfalls. Die Mannschaft hat sehr gut mitgearbeitet. Und wir sind ohne große Verletzungen nach Hause gekommen. Wir sind gut gerüstet.“

fcbayern.de: Zumal David Alaba und Holger Badstuber wieder mit dabei sind. Auch Medhi Benatia hat am Mittwoch wieder mit der Mannschaft trainiert. Welchen Eindruck macht das Trio?
Gerland: „Holger war länger verletzt und braucht noch ein bisschen, um reinzukommen. Aber er ist auf einem sehr guten Weg. Er spielt schon wieder fantastische Pässe. David ist eine Maschine. Der gibt jeden Tag 100 Prozent. Und Medhi hat fast das ganze Trainingslager nicht mitgemacht. Er wird etwas Zeit brauchen.“

fcbayern.de: In der öffentlichen Wahrnehmung gelten Sie als harter Hund. Bei den Spielern aber sind Sie sehr beliebt.
Gerland: „Das Verhältnis zu den Jungs ist sehr gut. Sie hören auf mich und wissen: Was ich sage, hat Hand und Fuß. Ich erzähle den Spielern keine Märchen. Wenn mir etwas auffällt, dann sage ich es.“

fcbayern.de: Gilt das auch für Mitchell Weiser? Er war in Doha besonders auffällig...
Gerland: „Ich habe erst kürzlich zu ihm gesagt: Mitch, du hast hier zwei Jahre verschlafen. Aber seit einem halben Jahr gibst du Gas und zeigst, warum der FC Bayern dich als Jugendspieler geholt hat. Er ist auf einem guten Weg.“

fcbayern.de: Das gilt wohl auch für Gianluca Gaudino. Wann ist er Ihnen zum ersten Mal aufgefallen?
Gerland: „Vor fünf oder sechs Jahren. Meine Frau hat mit seiner Mutter zusammengearbeitet. Sie sagte zu mir: Hermann, lass uns mal gucken, wie der kleine Gaudino spielt. Nach dem Spiel habe ich gesagt: Der wird Bundesliga-Spieler. Die Leute lächelten milde und meinten, ich hätte keine Ahnung. Auf einmal feiert der Junge sein Debüt – mit 17 Jahren, und das beim FC Bayern! Klar, körperlich muss er noch ein bisschen zulegen. Aber er hat Qualitäten, die Pep Guardiola haben will.“

fcbayern.de: Wie sehr fehlt Philipp Lahm dem FC Bayern im Moment?
Gerland: „Er ist einer der besten Spieler der Welt. Seit 12 Jahren spielt der auf einem unglaublichen Niveau. Trotzdem ist er noch nie Fußballer des Jahres geworden. Eine Katastrophe! Von 60 Spielen pro Saison macht er 55 überragend. Das wird überhaupt nicht gewürdigt. Er spielt nicht spektakulär. Aber du kannst ihn hinstellen, wo du willst. Er macht keine Fehler.“

fcbayern.de: Am Wochenende spielt der FC Bayern beim VfL Bochum. Für Sie als Ur-Bochumer sicher ein besonderes Spiel…
Gerland: „Natürlich. Ich wusste, der VfL hat finanzielle Probleme. Deshalb bin ich zu Karl-Heinz Rummenigge und Matthias Sammer gegangen und habe gefragt, ob sie mir einen Gefallen tun können. Der FC Bayern hat in der Vergangenheit vielen Vereinen geholfen. Und auch diesmal war schnell klar, dass wir in Bochum spielen. Das hat mich natürlich gefreut.“

fcbayern.de: Sie hängen nach wie vor am Ruhrgebiet.
Gerland: „Ich bin gerne in der Region, habe dort noch viele ehemalige Kollegen, die ich wiedertreffen werde. Bochum ist meine Heimat. Auf das Spiel freue ich mich. Aber noch schöner wäre es, wenn wir bald mal wieder in der Bundesliga um Punkte gegeneinander spielen würden.“

fcbayern.de: Sie haben in Bochum Ihre komplette Spielerkarriere verbracht. Das ist heutzutage sehr selten.
Gerland: „Natürlich hätte ich wechseln können. Es gab Anfragen, etwa aus Kaiserslautern oder Frankfurt. Vielleicht hätte ich woanders brutto 10.000 Mark mehr verdienen können. Aber ich habe mich in Bochum immer wohl gefühlt. Dort hatte ich meine Kumpels und habe mein Hobby zum Beruf gemacht.“

fcbayern.de: Sie kämpften permanent gegen den Abstieg…
Gerland: „Ein damaliger Mitspieler kam mal zu mir und sagte: 'Tiger, wenn wir absteigen, gehe ich halt woanders hin!' Ich meinte zu ihm: Junge, bist du bescheuert? Ich bin in Bochum geboren! Wenn ich absteige, zeigen die Leute mit dem Finger auf mich und sagen: 'Guck mal, da ist der Absteiger'. Ich wollte nicht absteigen. Ich wollte in Bochum bleiben, und ich wollte nur in der Bundesliga spielen. Und das ist uns immer gelungen.“

fcbayern.de: Sie sind – mit Unterbrechung – in Ihrem 19. Jahr beim FC Bayern. Gab es aus Bochum jemals den Versuch, Sie zurückzuholen?
Gerland: „Am Tag, als wir durch den 1:0-Sieg in Frankfurt 2013 Meister geworden sind, rief mich Martin Kree (Aufsichtsratsmitglied des VfL und langjähriger Bundesliga-Profi, Anm. d. Red.) an. Ich sagte ihm: Martin, es gab Zeiten, da hätte ich mich gefreut, in Bochum arbeiten zu können. Aber jetzt bin ich beim besten Verein der Welt. Ich habe jeden Tag Freude. Ich arbeite mit den besten Spielern der Welt zusammen. Jedes Training ist ein purer Genuss, darauf freue ich mich jeden Morgen. Das würde alles wegfallen.“

fcbayern.de: Werden Sie nach Ihrem Karriereende nach Bochum zurückkehren?
Gerland: „Ich kann es noch nicht sagen. Ich fühle mich beim FC Bayern wohl. So lange ich hier tätig bleiben darf, werde ich dem Verein dienen und natürlich auch hier wohnen.“

fcbayern.de: Sie haben schier unzählige Vorbereitungen miterlebt. Wie sieht Ihr Gefühl für die Rückrunde aus?
Gerland: „Bei jedem meiner drei Kinder hatte ich das Gefühl, einen Sohn gezeugt zu haben. Bekommen habe ich drei Töchter, deshalb lasse ich mich von Gefühlen nicht mehr leiten. Wir haben eine unglaublich gute Mannschaft, eine erstklassige Stimmung, ein erstklassiges Management, ein Genie als Trainer. Wenn ich uns spielen sehe, bin ich begeistert, habe Tränen in den Augen vor Freude. Eines möchte ich noch sagen.“

fcbayern.de: Aber gern!
Gerland: „Wir sind Weltmeister geworden. Unsere Nachwuchsabteilung hat fünf Weltmeister ausgebildet. Hätte sich Holger nicht verletzt, wären es sechs gewesen – und zwar wichtige Leistungsträger! Diese Leistung unserer Abteilung kommt mir oft zu kurz.“

fcbayern.de: Dort ist auch David Alaba ausgebildet worden. Der hat nur leider den falschen Pass…
Gerland: „Als er B-Jugend-Spieler war, habe ich ihm gesagt: David, tu mir einen Gefallen und spiele nicht für Österreich! Da gewinnst du nichts. Wenn du fünf Jahre hier bist und nicht für Österreich aufläufst, können wir dich vielleicht hier einbauen. Das hat leider nicht geklappt.“ (lacht)

fcbayern.de: Also hören die Jungen doch nicht immer auf Sie!
Gerland: „Naja. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich für Österreich spielen sollte – dem hätte ich was erzählt. Was ich sagen will: Es war früh zu erkennen, dass David Alaba eine großartige Karriere vor sich hat.“

fcbayern.de: Abschließend: Was erwarten Sie von Alaba und Co. am Freitag in Bochum?
Gerland: „Die sollen dem wunderschönen Westen zeigen, wie gut man in München Fußball spielen kann. Mehr nicht.“ (lacht)

Das Interview führte: Marco Donato.

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