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Interview zum Abschied

Pizarro: 'Ich bin immer noch ein Schlawiner'

Einen „Schlawiner“ nannte ihn Uli Hoeneß, Mehmet Scholl lobte ihn als „besten Spieler“, mit dem er je zusammen auf dem Platz stand. Für die Bayern-Fans indes war und ist Claudio Pizarro einfach nur „Pizza“! Nach neun Jahren in Diensten des FCB sagt der peruanische Stürmer am Samstag vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen endgültig „Servus“ – und das vor 75.000 begeisterten Fans.

Kurz vor dem Abschied traf sich fcbayern.de an der Säbener Straße mit dem Angreifer. Im exklusiven Interview blickt Pizarro auf seine Zeit beim deutschen Rekordmeister zurück, erzählt, welche deutschen Tugenden er sich zu eigen gemacht hat, und verrät seine Zukunftspläne.

Das Interview mit Claudio Pizarro

fcbayern.de: Hallo, Claudio! Herzlich willkommen zurück an der Säbener Straße. Wie ist es, wieder hier zu sein, zum ersten Mal seit über drei Monaten?
Pizarro: „Es ist ganz anders, wenn du nicht zum Trainieren herkommst, sondern um den alten Kollegen 'Hallo' zu sagen. Aber ich wusste, dass dieser Tag irgendwann kommen würde, von daher war ich darauf vorbereitet. Ich freue mich, meine Freunde wiederzusehen und ihnen alles Gute zu wünschen.“

fcbayern.de: Wie sehen deine Tage im Moment aus?
Pizarro: „Ich halte mich fit, gehe im Wald laufen. Ich will ja noch weiterspielen, das richtige Angebot war aber noch nicht dabei. Ansonsten genieße ich die Zeit mit meiner Familie. Einzig der Ball fehlt mir langsam. Ich vermisse es, auf dem Platz zu stehen und zu trainieren. Ich hoffe, es wird bald eine Entscheidung fallen, wie es für mich weitergeht.“

fcbayern.de: Am Samstagabend kehrst du in die Allianz Arena zurück, wo du vor 75.000 Fans offiziell verabschiedet wirst. Was bedeutet dir das?
Pizarro: „Sehr viel. Ich habe lange für den FC Bayern gespielt, deswegen ist der Abschied etwas ganz Besonderes für mich. Außerdem hatte ich bisher noch nicht die Möglichkeit, allen 'Tschüss' zu sagen. Darauf freue ich mich sehr.“

fcbayern.de: Mehmet Scholl meinte mal, du warst der beste Spieler, mit dem er je zusammengespielt hat. Macht dich das stolz?
Pizarro: „Klar! Mehmet war ein sehr guter Spieler, einer der besten, die je bei Bayern waren. Wenn jemand wie er so etwas über dich sagt, freust du dich natürlich. Umgekehrt war Mehmet auch wichtig für mich, denn mit seinen Pässen hat er mich oft gesucht. Nur deshalb konnte ich so viele Tore schießen.“

fcbayern.de: Welche Bayern-Mannschaft war die beste, in der du je gespielt hast?
Pizarro: (überlegt) „Das ist schwierig zu sagen. Jede Mannschaft hatte große Qualität. An Titeln gemessen ist die Triple-Mannschaft von 2013 natürlich nicht zu toppen. Mit dem Champions-League-Sieg in London ist ein Traum in Erfüllung gegangen, das war auch mein schönstes Erlebnis. Aber auch in den Jahren zuvor hatten wir gute Mannschaften. Zum Beispiel 2006, als wir zum zweiten Mal in Folge das Double gewonnen haben.“

fcbayern.de: Deine persönlichen Erfolge sind nicht minder beeindruckend. Mit 176 Toren liegst du auf Platz 9 in der ewigen Bundesliga-Torschützenliste, noch vor Persönlichkeiten wie Karl-Heinz Rummenigge, Uwe Seeler oder Dieter Hoeneß. Wie wichtig ist das für dich?
Pizarro: „Es ist eine Ehre, unter den zehn besten Torschützen der Bundesliga-Geschichte zu sein! Wenn ich weiter in Deutschland spielen sollte, werde ich natürlich versuchen, mich in der Rangliste noch zu verbessern. Schließlich ist Platz fünf noch in Reichweite (Ulf Kirsten, 182 Tore, d. Red.).“

fcbayern.de: Du bist auch der beste ausländische Bundesliga-Schütze aller Zeiten. Hättest du je gedacht, so lange in Deutschland zu spielen?
Pizarro: „Überhaupt nicht! (lacht) Aber irgendwann fängst du an, dich mit Statistiken wie der ewigen Torschützenliste zu beschäftigen. Die Leute kamen zu mir und sagten: Du kannst der beste ausländische Stürmer der Liga-Geschichte werden! Irgendwann habe ich dann Giovane Elber überholt, der bis dahin den Rekord hatte. Er hat sich sogar für mich gefreut.“ (grinst)

fcbayern.de: Als du 1999 nach Deutschland zu Werder Bremen kamst, warst du gerade einmal 20 Jahre jung. Wie schwierig waren die ersten Monate hier?
Pizarro: „Am Anfang habe ich mich nicht so sehr auf die Kultur und die Sprache konzentriert. Für mich war erst mal der Fußball das Wichtigste. Deswegen bin ich ja hergekommen! Aber nach vier Monaten habe ich intensiver angefangen, die Sprache und die Kultur kennenzulernen. Das war sehr wichtig.“

fcbayern.de: Hattest du oft Heimweh?
Pizarro: „Ab und zu. Es war keine einfache Zeit. Ich hatte bis dahin noch nie Schnee gesehen. Auf einmal musste ich bei Schnee Fußball spielen! Sehr geholfen hat mir Ailton, mit dem ich damals in Bremen zusammengespielt habe. Er spricht sehr gut spanisch. Wir stehen heute noch in Kontakt.“

fcbayern.de: Wie haben dich die Jahre in Deutschland verändert?
Pizarro: „Ich spreche vor allem besser Deutsch (lacht). Und ich habe viele Erfahrungen gesammelt. Du lernst im Fußball viele Dinge. Auch durch die andere Kultur, die hier herrscht. Ich habe viel gelernt von den Deutschen und dem Fußball.“

fcbayern.de: Mittlerweile bist du „Deutscher als die Deutschen“, wie deine Frau Karla mal gesagt hat. Woran macht sie das fest?
Pizarro: „Mir sind mittlerweile Dinge wichtig, auf die ich am Anfang nicht so sehr geachtet habe: Pünktlichkeit und Ordnung zum Beispiel. Ich war ein Schlawiner, wie Uli Hoeneß immer gesagt hat. Das bin ich auch immer noch. Aber mit mehr Erfahrung.“ (lächelt)

fcbayern.de: Felix Magath hat voller Wertschätzung über dich gesagt: „Claudio könnte absolute Weltklasse sein, wenn er den unbedingten Wunsch hätte, es zu werden.“ Gibt es Dinge in deiner Karriere, die du bereust?
Pizarro: „Natürlich habe ich viele Fehler gemacht. Aber ich bereue nichts, denn sonst hätte ich viele Dinge nicht gelernt. Ich habe immer versucht, so gut wie möglich zu sein. Mit Felix Magath kam ich übrigens sehr gut zurecht. Er hat mich immer in eine gute Verfassung gebracht, bei ihm war ich immer fit. Das war für mich sehr wichtig.“

fcbayern.de: Du warst bester Torschütze im DFB-Pokal und in der Europa League, hast zudem viermal das Tor des Monats geschossen. Nur mit der Torjägerkanone hat es nie geklappt. Ärgert dich das?
Pizarro: „Nein, wirklich nicht. Das hat mich nie interessiert. Für mich waren die Titel mit der Mannschaft am wichtigsten.“

fcbayern.de: Die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft mit Peru blieb dir bisher leider verwehrt.
Pizarro: „Die WM habe ich noch immer im Kopf. Natürlich wird es für mich nicht einfach, mir diesen Traum zu erfüllen. Aber der Trainer hat mir nach der Copa América gesagt, dass er mich noch braucht. Ob es für eine WM noch reichen würde, kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich muss in kurzen Abschnitten denken und will erst mal einen Verein finden. Dann sehen wir weiter.“

fcbayern.de: Du hast häufiger gesagt, dass du nach der Karriere mit der Familie in München bleiben willst. Was magst du besonders an der Stadt?
Pizarro: „Alles! Wir fühlen uns sehr wohl, kennen viele Leute hier. Das gilt auch für meine drei Kinder, und das ist mir besonders wichtig. Sie sind in Deutschland geboren, kennen die Kultur und haben ihre Freunde hier. Das ist einer der entscheidenden Punkte. Trotzdem sollen sie die spanische Sprache nicht vergessen. Deswegen sprechen wir zu Hause nur Spanisch.“

fcbayern.de: Hast du schon berufliche Pläne für die Zeit nach deiner Karriere?
Pizarro: „Vielleicht kann ich was beim FC Bayern machen, wir werden sehen. Erst mal will ich noch ein bisschen weiterspielen. Danach werden der Verein und ich vielleicht darüber sprechen.“

fcbayern.de: Du bist wie Thomas Müller ein Pferdenarr. Eines deiner Tiere hieß „Oktoberfest“...
Pizarro: „Die meisten meiner Pferde in Peru habe ich nach bekannten Menschen oder Dingen benannt. Auch in Deutschland habe ich ein paar Pferde, zusammen mit Thomas und Tim Borowski. Eines davon heißt „El Tren“ („Der Zug“, Spitzname vom früheren Bayern-Stürmer Adolfo Valencia). (lacht)

fcbayern.de: Über den Schlawiner hatten wir schon gesprochen. Ist Claudio Pizarro im Laufe der Jahre erwachsen geworden?
Pizarro: „Ja, natürlich! Aber ich glaube, ein Teil von mir wird immer Kind bleiben. Das hält mich jung.“ (lacht)

Das Interview führte: Marco Donato

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