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'Der Größte aller Zeiten'

Gerd Müller wird 70

Der Strafraum war sein Reich. Wenn Gerd Müller in Tornähe an den Ball kam, dann hat es in der Regel Bumm gemacht. Kein deutscher Stürmer vor und nach ihm erreichte seine Klasse, keiner erzielte so viele Tore. Und Müller erledigte seinen Job in den Fußballstadien auf eine unnachahmliche Weise: Er traf blitzschnell aus der Drehung, im Fallen und im Sitzen, mit links, rechts oder mit dem Kopf. Er war der König im Sechzehnmeterraum, der am Dienstag seinen 70. Geburtstag feiert.

„Ohne seine Tore wären der FC Bayern und der deutsche Fußball nicht das, was sie heute sind“, erinnerte Karl-Heinz Rummenigge jüngst an die Verdienste des am 3. November 1945 in Nördlingen geborenen Bombers. „Gerd war und ist der Größte aller Zeiten, der Muhammad Ali der Strafräume.“ Franz Beckenbauer, ebenfalls ein langjähriger Weggefährte Müllers, weiß: „All unsere Erfolge wären ohne Gerd nicht möglich gewesen. Ihm haben wir alles zu verdanken“, betonte der Kaiser immer wieder (Exponate aus 70 Jahren Gerd Müller in der FC Bayern Erlebniswelt).

Im Sitzen, im Fallen, mit links, mit rechts

Tore waren Müllers Markenzeichen: 68 in 62 Länderspielen, 365 in 427 Bundesliga-Spielen, insgesamt 1.455 dokumentierte Treffer in 1.204 Pflicht- und Freundschaftsspielen. Ein Patentrezept für seine einmaligen Tor-Quoten konnte auch er selbst nie benennen: „Ich weiß es nicht. Das kannst du nicht lernen. Den Instinkt musst du haben. Schnell reagieren und beidfüßig schießen musst du können.“

Eine Rangliste seiner schönsten Tore hat er nie aufgestellt, aber keinen Zweifel lässt er am bedeutendsten Tor seiner Laufbahn: „Ich habe schönere Tore gemacht, aber das wichtigste war der Treffer zum 2:1 im WM-Finale 1974 gegen die Niederlande.“ Nach einer seiner unnachahmlichen Körperdrehungen müllerte es – und Deutschland wurde in München durch sein Tor zum zweiten Mal Weltmeister.

„Wenn ich als junger Kerl nicht gewusst habe, wohin mit dem Ball – dem Gerd hast du ihn hinhauen können, der hat schon irgendwas draus gemacht“, erinnerte sich Hoeneß einmal. „Gerd hat unheimlich viel zum Weltruf des FC Bayern beigetragen.“ Aber Allüren hatte Müller nie, weiß Hoeneß: „Bis heute ist er ein super netter Kerl geblieben, obwohl er ein Weltstar war.“ Rummenigge bestätigt: „Bei allen Erfolgen ist er stets bescheiden und zurückhaltend geblieben, was mich besonders beeindruckt hat.“

Bescheidener Weltstar

Als Müller 1964 als 18-Jähriger vom TSV Nördlingen nach München zum damaligen Zweitligisten FC Bayern kam, sprach noch wenig für eine an Erfolgen so reiche Karriere. Ein Grundgehalt von 160 Mark erhielt der gelernte Weber damals. Als „Gewichtheber“ bezeichnete ihn Tschik Cajkowski scherzhaft wegen seiner kräftigen Oberschenkel, der Trainer versah ihn auch mit dem später legendären Kosenamen kleines, dickes Müller. 15 Jahre später ging Müller zum Karriereausklang in die USA – als verdienter Spieler, der zuvor in München alles gewonnen hatte, was es zu gewinnen gab.

Mit der deutschen Nationalelf wurde der stets bescheiden gebliebene Müller erst Europa- (1972) und dann Weltmeister (1974); mit dem FC Bayern je viermal Meister und Pokalsieger, Weltpokalsieger 1976, dreimal Europapokalsieger der Landesmeister (1974-1976) und Europacupsieger der Pokalsieger (1967). 1970 wurde er zu Europas Fußballer des Jahres gekürt, Deutschlands Fußballer des Jahres war er 1967 und 1969. 1970 wurde Müller mit zehn Treffern WM-Torschützenkönig, gleich siebenmal war er Torschütze Nummer 1 in der Bundesliga.

Bis heute müssen sich Torjäger an seinen Traumquoten messen lassen, dabei sei das unmöglich, wie Thomas Müller anmerkte: „Er war und ist immer noch der mit Abstand beste deutsche Stürmer.“ Müllers 40 Treffer in der Bundesligasaison 1971/72 sind die magische Marke. „Mancher Rekord wird für immer bleiben“, ahnt der Jubilar. Seine 68 Länderspiel-Tore sind erst nach 40 Jahren vom früheren Münchner Stürmer Miroslav Klose übertroffen worden - allerdings benötigte dieser 137 Länderspiele. Müllers Quote von 1,1 Toren pro Länderspiel bleibt jedoch wohl einmalig.

Müllers Leben war nicht nur von schönen Stunden geprägt. Dem Ruhm folgten nach seiner Rückkehr aus Amerika Anfang der 90er Jahre Alkoholprobleme. „Ich habe gelitten, sehr gelitten.“ Es waren seine früheren Teamkameraden vom FC Bayern, allen voran Uli Hoeneß, die ihn zum Entzug drängten. Nach nur vier Wochen kam er aus der Kur zurück. „Es in so kurzer Zeit zu schaffen, war schon eine Leistung“, berichtete er vor Jahren stolz.

'Werden ihm helfen, wann immer es nötig ist'

Von 1992 an war Müller viele Jahre Jugend- und Amateurcoach beim FC Bayern. Er hat als Assistent von Hermann Gerland viele Talente heranwachsen sehen, unter anderem David Alaba, Holger Badstuber und Namensvetter Thomas Müller, dessen Entwicklung der Bomber maßgeblich begleitet hat. „Auch dafür sind wir ihm dankbar“, sagte Rummenigge. Müller indes freut sich besonders, dass es durch Thomas seit einiger Zeit wieder müllert beim FC Bayern. „Er ist meine Nummer 1.“

„Gerd ist ein großes Vorbild für mich“, sagte der aktuelle Bayern-Stürmer. „Als ich als junger Spieler zu den Amateuren gekommen bin, durfte ich ihn kennenlernen. Wir haben uns von Anfang an super verstanden“, erinnert sich Müller, dem die Alzheimer-Krankheit seines prominenten Namensvetters „natürlich an die Nieren“ geht. „Er wird seine Krankheit aber sicher so angehen, wie ich ihn kenne: Mit viel Lebensmut und einer positiven Grundeinstellung.“ Rummenigge verspricht: „Der FC Bayern wird Gerd Müller und seine Familie immer unterstützen und ihm helfen, wann immer es nötig ist.“

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