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Meisterheld im Interview

Andersson: 'Gladbach gegen Bayern immer wie ein Finale'

Wenn sich jemand mit Borussia Mönchengladbach und dem FC Bayern gleichermaßen auskennt, dann ist es Patrik Andersson. Der Schwede lief einst für beide Klubs auf und weiß, was den deutschen Rekordmeister Samstag (ab 15:30 Uhr im Liveticker und im Webradio bei FCB.tv) am Niederrhein erwartet. Wir sprachen mit Andersson über das Topspiel,  schauten aber - natürlich - auch auf die wohl dramatischste Entscheidung der Bundesliga-Geschichte zurück, an der Andersson maßgeblich beteiligt war.

Das Interview mit Patrik Andersson

fcbayern.de: Hallo, Herr Andersson! Wir dürfen gratulieren: Sie sind am Donnerstag in die schwedische Hall of Fame des Fußballs aufgenommen worden. Eine große Ehre?
Andersson: „Auf jeden Fall, besonders, wenn man sich anschaut, welche großen Spieler auf dieser Liste noch fehlen! Von unserer 1994er-Elf sind nur vier Spieler dabei, obwohl wir bei der WM in den USA Dritter geworden sind. Dementsprechend ist diese Auszeichnung etwas Besonderes.“

fcbayern.de: Im Rahmen dieser Ehrung wurde auch Ihr Meister-Tor am 19. Mai 2001 in Hamburg herausgehoben. Es war der vielleicht verrückteste Tag der Bundesliga-Geschichte…
Andersson: „Die Wochen vor Hamburg waren ja schon verrückt. Wenn ich nur an unser Spiel gegen Kaiserslautern am 33. Spieltag denke, als Alex Zickler kurz vor Schluss das 2:1 machte und zeitgleich Stuttgart gegen unseren Konkurrenten Schalke 1:0 in Führung ging. Plötzlich waren wir Tabellenführer! Und dann sind wir nach Hamburg gefahren…“

fcbayern.de: Dort lief zunächst auch alles nach Plan…
Andersson: „Wir haben das Spiel total kontrolliert, Carsten Jancker hat aus meiner Sicht ein reguläres Tor gemacht, das nicht gegeben wurde. Vielleicht haben wir dann zu sehr auf 0:0 gespielt, das uns zum Titel gereicht hätte. Aber dann kam kurz vor Schluss Hamburgs Sergej Barbarez mit dem 0:1.“

fcbayern.de: Und dann?
Andersson: „Was anschließend passiert ist, zeigt den Charakter von Bayern München. Wir haben immer noch an den Titel geglaubt! In der Nachspielzeit pfiff der Schiedsrichter einen Rückpass ab, den Hamburgs Torwart Mathias Schober mit den Händen aufgenommen hatte. Es gab Freistoß im HSV-Strafraum...“

fcbayern.de: ... den Sie schießen sollten. Wie kam es dazu?
Andersson: „Bei Bayern war ich nicht erster Freistoßschütze, obwohl ich in Schweden und bei Borussia Mönchengladbach oft getroffen habe. Wir hatten in München eben viele Freistoß-Spezialisten. Aber Stefan Effenberg hatte es im Spiel schon erfolglos probiert, Mehmet Scholl und Michael Tarnat saßen draußen. Also kam Effe zu mir und hat gesagt: ‚Du schießt!’“

fcbayern.de: Was haben Sie beim Anlauf gedacht?
Andersson: „Ich hatte viele Gedanken. Dann habe ich die ganzen Spieler gesehen, die vor dem Tor standen. Dann wusste ich: Ich muss den Ball flach aufs Tor bringen. Natürlich war auch Glück dabei. Andreas Fischer, der beim HSV gerade erst ins Spiel kam, hat sich bei meinem Schuss leicht nach innen gedreht - und dann hat der Ball halt genau reingepasst. Oft entscheiden solche kleinen Details. 

fcbayern.de: Wie hat es sich angefühlt, als der Ball reinging?
Andersson: „Diese Gefühle kannst du nicht erklären. Du kannst es nur genießen! So ist der Fußball eben - ein Spiel mit vielen Gefühlen. Du siehst die Fans, die Spieler, die Offiziellen, siehst, wie sie sich freuen - etwas Verrückteres habe ich in meiner Karriere nicht erlebt.“

fcbayern.de: Allein beim Gedanken an jenes Tor bekommt jeder Bayern-Fan noch heute eine Gänsehaut. Sie vielleicht auch?
Andersson: „Auf jeden Fall! Ich war auf Einladung des Vereins beim Spiel gegen Hertha BSC vor einer Woche, konnte mir das ganze Stadion anschauen und habe auch Karl-Heinz Rummenigge getroffen. Zum Schluss waren wir in der Erlebniswelt, wo die Szenen von 2001 über die Bildschirme liefen. Da hatte ich sofort wieder eine Gänsehaut.“

fcbayern.de: Wenige Tage nach Hamburg stand schon das Champions-League-Finale in Mailand an. Richtig feiern durften Sie also nicht…
Andersson: „Alle waren sofort konzentriert auf den nächsten Mittwoch. Wir haben uns kurz am Seehaus getroffen, eine kleine Lokalität, wo wir in aller Ruhe den Moment genossen haben. Wir hatten aber nur noch Mailand im Sinn.“

fcbayern.de: Für Genuss blieb demnach nur wenig Zeit.
Andersson: „Im Fußball geht es sehr schnell. Am Tag nach unserer Party auf dem Marienplatz musste ich zur Nationalmannschaft. Erst nach der Karriere konnte ich mich in aller Ruhe zurücklehnen und die Erfolge genießen.“

fcbayern.de: Sie waren sechs Jahre in Gladbach aktiv, zwei in München. Hand aufs Herz: Wem drücken Sie im direkten Duell am Samstag mehr die Daumen?
Andersson (lacht): „Beide haben verschiedene Ziele. Bayern hat schon jetzt einen überragenden Vorsprung, die Borussia hat nach ihrem Fehlstart die Kurve bekommen. Wem ich die Daumen drücke? Ich möchte mich gar nicht festlegen. Das Schöne ist: Ich kann mich zurücklehnen und das Spiel genießen. Der Bessere soll gewinnen.“

fcbayern.de: Gladbach hatte nach fünf Spieltagen als Tabellenletzter noch keinen einzigen Punkt, nach dem Trainerwechsel sind sie ungeschlagen in die Spitzengruppe gestürmt. Wie ist das möglich?
Andersson (überlegt): „Es war nicht so einfach für Gladbach. Mit Max Kruse und Christoph Kramer mussten sie zwei wichtige Spieler ersetzen, die Mannschaft musste sich erst mal finden. Auch die Belastung ist nicht zu unterschätzen, für drei Wettbewerbe brauchst du einen guten Kader, um zum richtigen Zeitpunkt rotieren zu können. Doch die ökonomischen Möglichkeiten sind begrenzt.“

fcbayern.de: Robert Lewandowski glaubt, dass in Gladbach das schwierigste Auswärtsspiel der Saison auf die Bayern wartet. Hat er Recht?
Andersson: „Ich war vor ein paar Jahren im Stadion, als die Bayern 1:3 in Gladbach verloren haben. Auch zu meiner Gladbacher Zeit haben wir gegen den FCB oft gut ausgesehen, es ist immer wie ein kleines Finale. Zusammen mit dem Spiel in Dortmund ist es sicher das schwierigste Auswärtsspiel. Hinzu kommt, dass bei den Bayern derzeit wichtige Spieler fehlen.“

fcbayern.de: Der FC Bayern könnte der erste Klub der Liga-Geschichte werden, der zum vierten Mal in Folge den Meistertitel holt. Was macht den FCB so erfolgreich?
Andersson: „Es ist sehr wichtig, im Management die Ruhe zu bewahren, sie haben einen sehr guten Mix. Die Bayern haben clevere Transfers gemacht und einen super Trainer, der sich und die Mannschaft immer weiterentwickeln möchte. Er hat kein Problem, neue Dinge auszuprobieren. Wenn du eine Gewinnermentalität hast wie die Bayern und auch deine Nationalspieler mit ihren Ländern erfolgreich sind, kommen viele positive Aspekte zusammen.“

fcbayern.de: Wie wird der FC Bayern in Schweden wahrgenommen?
Andersson: „Bayern wird immer hoch bewertet und zählt auch hier zu den besten Mannschaften in der Welt. Trotzdem ist es in Schweden nicht einfach für die Bundesliga, denn sie konkurriert im Kampf um die Aufmerksamkeit vor allem mit der englischen Premier League, die am Spieltag von morgens bis abends im Fernsehen läuft.“

fcbayern.de: Beschäftigen Sie sich noch intensiv mit der Bundesliga?
Andersson: „Ich bin lese regelmäßig deutsche Zeitungen, um vor allem meine früheren Mannschaften zu verfolgen. Auch die Internetseiten schaue ich mir regelmäßig an. Das ist wichtig für mich. Am Wochenende komme ich selten dazu, aber unter der Woche in der Champions League schaue ich mir immer Bayern an.“ 

fcbayern.de: Auch viele Ihrer ehemaligen Kollegen sind nach wie vor im Fußball aktiv. Zuletzt hat Stefan Effenberg beim SC Paderborn seine Trainerkarriere begonnen. Verfolgen Sie den Werdegang der alten Kollegen?
Andersson: „Na, klar. Wir haben nicht viel Kontakt, aber ich schaue immer, was sie gerade machen. Kürzlich habe ich Brazzo getroffen, den habe lange nicht gesehen. Bei der WM im letzten Jahr habe ich mich mit Oliver Kahn und Mehmet Scholl unterhalten, auch mit Bixente Lizarazu und Lothar Matthäus. Wenn wir uns sehen, sprechen wir natürlich über die alten Zeiten. Dann fühlt es sich kurz an, als wäre die Zeit stehengeblieben.“

fcbayern.de: Und wo sind Sie derzeit unterwegs?
Andersson: „Ich wohne seit einem halben Jahr in Stockholm und bin für verschiedene Unternehmen tätig, zum Beispiel aus der Kapitalbranche. Aber ich arbeite auch für den FC Barcelona, für den ich Sportcamps organisiere - hier in Schweden, aber auch in Katalonien. Kürzlich waren wir mit 24 Jugendlichen dort. Nächsten Sommer machen wir ein Camp mit 600 Spielern. Ich bin dem Fußball also nach wie vor verbunden.“

Das Interview führte: Marco Donato

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