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Nachwuchs-Interview Teil 2

„Wir suchen die Nadel im Heuhaufen“

Im Büro von Heiko Vogel, Peter Wenninger und Timon Pauls herrscht hektische Betriebsamkeit. Das Trio ist verantwortlich für die sportlichen Geschicke im junior team. Vogel ist Trainer der Amateure und zugleich Sportlicher Leiter der U23-U16, Wenninger coacht die U15 und ist zudem Sportlicher Leiter bis runter zur U9 und Pauls ist der Jugend-Chefscout des deutschen Rekordmeisters. Seit Jahresbeginn arbeiten sie in dieser Konstellation zusammen, und das Hand in Hand. Wenn es also um die Zukunft des Nachwuchs beim FC Bayern geht, ist man in ihrem Büro genau an der richtigen Stelle.

Alle drei arbeiten gemeinsam mit den Trainern unter Hochdruck daran, wieder Talente für die eigene Profi-Mannschaft auszubilden. Im zweiten Teil des großen Interviews sprechen Vogel und Co. über das Zeitmanagement eines Nachwuchskickers, den Erfolgsweg der Talentsichtung  und wagen gemeinsam einen Blick in die Zukunft mit dem neuen Nachwuchsleistungszentrum an der Ingolstädter Straße. Hier geht's zum ersten Teil des großen Interviews.

Der zweite Teil des großen Interviews

fcbayern.com: Wie wichtig ist es, dass Jugendspieler nicht alles auf die Karte Fußball setzen, sondern auch eine schulische Ausbildung abschließen?
Pauls: „Uns ist wichtig, dass die Jungs auch die maximale schulische Ausbildung bekommen. Das versuchen wir wirklich bei jedem Einzelnen umzusetzen. Denn wer weiß, ob es am Ende wirklich mit der Profikarriere klappt – Stichwort Verletzung.“
Wenninger: „Es gibt ein Leben nach dem Fußball. Und nicht alle, die Profi werden, haben für den Rest des Lebens ausgesorgt. Deswegen sehen wir es als unsere Pflicht an, dass der schulische Aspekt nicht vernachlässigt wird. Außerdem: Die Beine können nur funktionieren, wenn der Geist funktioniert.“
Vogel: „Ein gesunder Geist kann die Karriere im Fußball positiv beeinflussen. Wenn man zu früh nur noch Fußball im Kopf hat, dann besteht die Gefahr, abzustumpfen. Man ist noch kein Profi, auch wenn man mit 16 oder 17 nur noch Fußball macht. Deswegen sagen wir beim FC Bayern, wir wollen bei jedem Talent die Schulausbildung optimal gestalten.“

fcbayern.com: Für die Kids ist das natürlich ein ziemlich großer Rucksack, den sie mit sich rumschleppen müssen…
Vogel: „Definitiv! Deswegen habe ich vor den Jungs auch einen großes Respekt. Es geht ja auch nicht nur um das Zeitmanagement Fußball und Schule, sondern auch Familie und Freunde sollen nicht zu kurz kommen. Das Pensum, das die Jungs abliefern müssen, ist schon immens.“

fcbayern.com: Man sagt, wenn man als Spieler ein Angebot des FC Bayern bekommt, schlägt man es nicht aus. Gilt das im Jugendbereich auch?
Vogel: „Wir haben nach wie vor auch im Jugendbereich eine große Strahlkraft, aber wir haben sicherlich eine größere Konkurrenz in Deutschland als unsere erste Mannschaft. Wenn wir Talente ansprechen, geht es natürlich auch um die Durchlässigkeit nach oben. Da wird von den Spielern, den Eltern und den Beratern abgewogen, ob man hier den Sprung zur ersten Mannschaft schaffen kann. Und das ist in den meisten anderen Vereinen schon leichter als bei uns, wo ja eigentlich Weltklasse benötigt wird. Deswegen entscheiden sich einige Spieler am Ende dann auch für einen anderen Klub.“
Wenninger: „Im unteren Jugendbereich haben wir es da sicherlich einfacher. Wir haben in den letzten Monaten ja auch intern einiges verändert und ich merke, dass die jungen Spieler jetzt wieder lieber zu uns kommen, gerade aus dem Münchner Raum.“
Pauls: „Die Leute registrieren einfach, dass wir ein sehr gutes Trainerteam zusammengestellt haben.“

fcbayern.com: Seht Ihr für die Zukunft Talente, die einen ähnlichen Weg machen werden wie Müller, Lahm und Schweinsteiger?
Vogel: „Wir können da sicherlich keine Jahreszahl nennen, wann einer in diese großen Fußstapfen treten könnte. Es ist unser großes Bestreben und unser Ziel, wieder Spieler nach oben zu bringen, aber wir brauchen noch etwas Geduld. Da spreche ich auch aus meiner Erfahrung als Trainer der Amateure. Bis wir von unserer jetzigen Arbeit profitieren werden, da vergeht noch etwas Zeit, denn wie Timon schon sagte: Wir hatten Nachholbedarf.“
Wenninger: „Wir brauchen erst wieder ein breites Fundament in den unteren U-Teams, auf das wir in der Zukunft aufbauen können. Wir haben im vergangenen Sommer rund 40 neue Spieler dazu geholt, die gleiche Anzahl in etwa hat uns verlassen. Das entspricht circa einem Viertel aller unserer Spieler im junior team.“
Vogel: „Man sieht aber an den Ergebnissen der jüngeren Teams, dass wir da auf einem richtig guten Weg sind. Meiner Meinung nach bringt es auch nichts, mit extrem viel Geld Spieler für die U17 oder U19 zu holen, die vielleicht mittelfristig Erfolg bescheren, aber keine Perspektive nach oben haben. Wenn wir in dem Alter für einen Spieler eine größere Summe ausgeben, dann wollen wir uns auch sicher sein, dass er einer für unsere Profis werden kann.“

fcbayern.com: Der Erfolgsweg ist also, wieder die besten Talente aus der Region für den FC Bayern zu gewinnen, dann aus ganz Deutschland und im nächsten Schritt vielleicht auch aus Europa?
Vogel: „Definitiv. Wir suchen quasi immer die Nadel im Heuhaufen, sprich das Talent, das etwas ganz Besonderes mitbringt, um für den FC Bayern spielen zu können.“
Pauls: „Und dabei spielt der regionale Gedanke natürlich eine große Rolle. Karl-Heinz Rummenigge hat es ja gesagt: Lieber Rosenheim statt Rio.“

fcbayern.com: Wie wichtig wäre dann für die Entwicklung der Talente die Rückkehr der Amateure in die 3. Liga?
Vogel: „Wir müssen beim FC Bayern die Qualität anstreben, damit unsere zweite Mannschaft drittklassig spielt. Sicherlich brauchen die absoluten Top-Talente nicht den Weg über die Amateure zu den Profis, aber grundsätzlich ist es wichtig für uns, wieder aufzusteigen. In der 3. Liga werden die Jungs physisch und auch mental ganz anders gefordert, das ganze Umfeld ist anders, angefangen von den Stadien, in denen man spielt.“
Wenninger: „Ich glaube, Heiko, die beiden Spitzenspiele gegen Unterhaching unterstreicht diese Aussage. Da hat deine Mannschaft die besten Saisonleistungen gezeigt, weil es eben gegen einen spielstarken Gegner ging. Solche Spiele brauchen wir für die zweite Mannschaft nicht nur als Highlight, sondern Woche für Woche.“
Vogel: „Es ist auch etwas anderes, vor mehr als 10.000 Zuschauern in einem Hexenkessel wie früher in Offenbach oder in Dresden und heute in Osnabrück oder Duisburg aufzulaufen, als vor vielleicht einmal 1.500 oder 2.000 Zuschauern.“

fcbayern.com: Wie sehr orientiert sich die fußballerische Ausrichtung der U-Teams an den Profis?
Wenninger: „Grundsätzlich orientieren wir uns schon an der Spielweise der Profis, in dem Fall Ballbesitzfußball.“
Vogel: „Und der geht eigentlich auf Louis van Gaal zurück. Ab dem Zeitpunkt seiner Trainertätigkeit hier sind die Ballbesitzzeiten unserer Profis deutlich messbar nach oben gegangen. Der FC Bayern steht heute für diese Spielweise, deswegen werden wir natürlich in den Jugendteams nicht anders spielen.“
Pauls: „Und deswegen scouten wir auch überwiegend Spielertypen, die diese Spielweise spielen können, also technisch sehr versierte Akteure.“
Vogel: „Andere Vereine suchen dann vielleicht eher Talente, die für Gegenpressing und Konterfußball prädestiniert sind. Von daher orientiert man sich in der Jugend eigentlich immer an dem Stil, den auch die Profis spielen. Denn für die will man ja Spieler ausbilden.“

fcbayern.com: Im kommenden Sommer zieht das junior team um. Was erwartet Ihr vom neuen NLZ?
Vogel: „Ich erwarte mir durch den Umzug einen gehörigen Schub für unsere Arbeit. Der Neubau lässt uns in eine ganz andere Dimension vorstoßen, speziell in Sachen Infrastruktur. Wir haben dort viel mehr Platz und Plätze als hier an der Säbener Straße, alles wird dort auf dem neusten Stand sein. Es könnte für die Nachwuchsarbeit des FC Bayern ein Meilenstein werden, aber natürlich nur dann, wenn wir dort auch weiterhin gute Arbeit leisten und uns nicht auf den tollen Verhältnissen dort ausruhen.“
Wenninger: „Das neue NLZ ist die Hardware, aber die funktioniert auch nur richtig gut mit der entsprechenden Software. Bei der haben wir schon einiges bewegt, aber da müssen wir jetzt am Ball bleiben und konsequent weitermachen.“

fcbayern.com: Jeder in der Fußballwellt kennt „La Masia“, die Nachwuchsschmiede des FC Barcelona. Kann das neue NLZ auch diesen Ruhm erreichen?
Vogel: „Das ist möglich, aber auch von sehr vielen Faktoren abhängig. Wenn wir an der Ingolstädter Straße erfolgreich arbeiten, werden wir auch zu einer eigenen Marke.“

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