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Bavaria aus Austria

Carina Wenninger über Heimat, Zukunft & 13 Jahre beim FCB

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Nur Thomas Müller trägt länger das FCB-Trikot als Carina Wenninger. Seit 13 Jahren spielt die Österreicherin für den FC Bayern. Und das hat Folgen. Ein Treffen mit einer Frau, die ihren Traum lebt - exklusiv aus der aktuellen Ausgabe von Säbener 51. (Bilder: Fritz Beck)

„Und? Wie lang‘ bist du schon bei Bayern?“ Carina Wenninger stellt die Frage genau unter der Bavaria. Die bronzene Dame lauscht dem Gespräch – und denkt sich wahrscheinlich ihren Teil. Antworten kann sie ja nicht. Seit 1850 thront sie mit ihren 18 Metern Größe über der Theresienwiese, würdevoll, aber halt auch stumm. Sie trägt ein Bärenfell, zu ihren Füßen sitzt ein Löwe, in der Rechten hält sie ein Schwert, mit der Linken einen Siegerkranz. Die Bavaria, eines der Wahrzeichen Münchens, steht für den Freistaat. Wehrhaft, stark, beständig. „Typisch bayerisch“, meint Wenninger, die der Patronin Bayerns vor dem Fotoshooting mit „51“ noch nie so nah gekommen war. „Man sieht sie immer, wenn man auf der Wiesn ist. Abends ist sie sehr schön beleuchtet. Wenn man jetzt so direkt unter ihr steht, wirkt sie sogar noch mächtiger. Es ist ein cooles Platzerl.“

Gesicht des Frauenfußballs

Ganz so lange wie die Bavaria gehört Carina Wenninger, 29, noch nicht zu Bayern. Aber 13 Jahre sind es dann doch. Länger hat keine andere Spielerin das FCB-Trikot getragen. 251 Mal (15 Tore) stand sie für den Rekordmeister auf dem Platz, häufiger als Jens Jeremies (248), nächste Saison kann sie Klublegenden wie Giovane Elber (266) oder Bixente Lizarazu (273) überholen. Wenninger ist längst ein Gesicht des Frauenfußballs beim FC Bayern. Sie ist eine Konstante und – als großgewachsene Innenverteidigerin – wenn nötig auch der Turm in der Schlacht. Als Patronin der Abteilung fühle sie sich jedoch nicht. „Aber natürlich hat man als Co-Kapitänin Verantwortung, und ich bin jemand, der diese Rolle gern ausfüllt. Ich bin gern unter Leuten, bin kommunikativ, mag es, in einem Team zu arbeiten. Und mit der bayerischen Mentalität komm‘ ich sowieso gut klar. Bayern und Österreich sind sich ja sehr ähnlich.“

Bekannt wie Schwarzenegger

Wenn Carina Wenninger spricht, hört man, dass sie aus der Steiermark kommt. Richtig prägnant ist ihr Dialekt aber nicht. Ganz anders als bei Arnold Schwarzenegger. Die „Steirische Eiche“, wie der Terminator in seiner Heimat genannt wird, wuchs in Thal, einem Dorf ganz in der Nähe von Graz auf. Genau wie Wenninger. Beide besuchten die gleiche Volksschule. „Meine Eltern, Oma, Opa, die kennen ihn alle noch von früher. Ich bin ihm aber nie begegnet.“ Bei Wikipedia sind als „Söhne und Töchter der Gemeinde“ genau zwei Personen aufgeführt: Schwarzenegger und Wenninger.

„Das wollte ich auch schaffen“

„Wenn ich nach Thal komm‘, merk‘ ich schon, dass alle sehr stolz sind, dass ich als kleines Mädel dort Fußball gespielt hab. Ich selbst fühle mich aber gar nicht so besonders. Natürlich bin ich stolz, dass ich das so gschafft hab‘, dass ich mich in München etablieren und mein Hobby zum Beruf machen konnte.“ Schwarzenegger erzählt gern von den großen Träumen, die er als Kind im kleinen Thal hatte und dann später woanders in die Tat umgesetzt hat. Bei Wenninger war es genauso. „Ich hab‘ schon relativ früh die deutsche Frauen-Bundesliga verfolgt. Damals haben zwei Österreicherinnen bei Bayern gspielt: Nina Aigner und Sonja Spieler. Das wollte ich auch schaffen. Das war immer mein Riesentraum.“

Dank Sichtungstraining zu Bayern

An dieser Stelle ist es höchste Zeit, mit einem Missverständnis aufzuräumen: Wenninger kommt gar nicht aus Thal, zumindest nicht nur aus Thal. Sie ist zwar dort zur Schule gegangen, war oft bei ihren Großeltern und hat beim SV Thal mit dem Fußballspielen angefangen – gewohnt hat sie aber immer in Graz. Bis sie mit 16 Jahren nach München kam. Über die FCB-Webseite hatte sie sich für ein Sichtungstraining beworben und eines Tages saß sie mit ihren Eltern im Auto. „Ich kann mich noch ziemlich gut erinnern, wie wir nach München reingfahr‘n sind. Ich hab‘ mehr Großstadtcharakter erwartet, das eine oder andere Hochhaus – und plötzlich waren wir schon an der Säbener Straße.“

WG mit Viki Schnaderbeck

Im Sommer 2007 zog sie um, wohnte mit ihrer Freundin Viktoria Schnaderbeck, die ebenfalls vom LUV Graz nach München wechselte, in einer WG am Wettersteinplatz – und mit ihrem Vater, der die beiden 16-jährigen Mädels zwei Jahre begleitete. „Das war eine spannende Zeit. Wir waren noch sehr jung, kannten die Stadt nicht, alles war irgendwie ein Highlight“, denkt sie gern an ihre ersten Schritte als Münchnerin zurück. „Damals war ned sicher, ob ich es schaffen werde. Ich war nie das Riesentalent.“ Aber sie wusste: „Wenn‘s nicht klappen sollte, kann ich heimkommen und alles wird gut sein. Meine Eltern standen immer voll hinter mir. Sie haben sehr viel hintenangestellt, um mir das zu ermöglichen. Das wird mir heute immer mehr bewusst.“

München als Heimat

Ihre Mutter kam in den ersten Jahren spätestens jedes zweite Wochenende zu Besuch, das Familienleben verlagerte sich nach München. „Deswegen hab‘ ich mich hier von Anfang an zuhause gefühlt. Heute ist es so, dass sich München mehr als Heimat anfühlt als Graz.“ Kein Wunder. In München hat die Steirerin Abitur gemacht, dann eine Ausbildung zur Automobil-Kauffrau und später den Bachelor im Fitness- und Healthmanagement abgeschlossen, inzwischen büffelt sie für den Master.

„Wir müssen diesen Weg weitergehen“

Auch mit dem FC Bayern hat sie einen langen Weg zurückgelegt: vom Mittelmaß der Frauen-Bundesliga über den Gewinn des DFB-Pokals und zweier Deutscher Meisterschaften bis ins Champions League-Halbfinale. „Früher war es ganz normal für uns Spielerinnen, eine Ausbildung zu machen oder einem Beruf nachzugehen. Heute sind wir alle Profis.“ Die ganze Entwicklung findet sie „beeindruckend“. Doch es gehe noch mehr. „Der FC Bayern ist ein Verein, der meiner Meinung nach auch im Frauenfußball den Anspruch haben muss, in der europäischen Spitze zu sein. Vor 13 Jahren war das nicht wirklich vorstellbar, aber heute sollte es normal sein. Wir müssen diesen Weg weitergehen.“

Stillstand ist ein Graus

Stillstand, sagt Wenninger, sei ihr ein Graus. Warum ist sie dann so lange bei einem Klub geblieben? „Hm…“ Sie überlegt. „Weil ich immer das Gefühl hatte, mich bei Bayern weiterentwickeln zu können – obwohl ich immer am gleichen Ort geblieben bin.“ Es hätte schon Gelegenheiten gegeben zu wechseln. „Aber ich bin niemand, der unüberlegt schnelle Entscheidungen trifft. Ich versuch‘ immer abzuwägen, was ich hab‘ – und da hat das Gesamtpaket immer für München gesprochen: der Verein, die Stadt, die Nähe zu Österreich, die tollen Leute hier.“ Sie fügt noch hinzu: „Ich bin sehr unternehmenslustig, da tut mir eine gewisse Stabilität schon auch gut.“ Die böten ihr München, ihre Familie, ihr Freundeskreis. „Das sind fixe Anker in meinem Leben.“

'Live your Dreams'

Und der FC Bayern. Ein Jahr läuft ihr Vertrag noch. Wie es dann weitergeht, das will sie sich genau überlegen. Fußballspielen mache ihr „nach wie vor sehr, sehr viel Spaß“. Gleichzeitig will sie aber auch Fühler ausstrecken, um die Karriere nach der Karriere vorzubereiten. Scouting, Spielanalyse, Marketing sind Bereiche, die sie interessieren. „Vielleicht besteht ja die Möglichkeit, in die eine oder andere Abteilung bei Bayern reinzuschnuppern.“ Sie hebt den linken Arm, fast wie die Bavaria, um sich durchs Haar zu streichen. Auf der Innenseite ihres Bizeps ist ein Tattoo zu sehen. In geschwungenen Buchstaben steht da: Live your Dreams. Es wirkt so, als habe Carina Wenninger ihren Münchner Traum noch lange nicht ausgeträumt.

Carinas langjährige Weggefährtin und enge Freundin Viktoria Schnaderbeck spielt mittlerweile bei Arsenal London. Ein Besuch bei ehemaligen Bayern-Spielerinnen auf der Insel und ein Blick über den Tellerrand! 👇

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