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Zum Geburtstag von „unserem neuen Boß, dem Herrn Schwamm“

Vom Gemüsehändler zum Fußball Manager

Eigentlich hatte ihn Präsident Neudecker um Verschwiegenheit gebeten. Aber dem südländisch extrovertierten Charakter Tschik Cajkowski schien dies wohl ein Ding der Unmöglichkeit. Bevor der Präsident Ende 1964 persönlich den neuen Spielausschuß-Vorsitzenden der Mannschaft präsentieren konnte, platzte es vor allen Spielern aus dem Trainer heraus: „Ich habe schon mit ihm gesprochen, gutte Mann, wie Tschik, heißt Schwamm!“

Schwamm? Noch nie hatten die FC-Bayern-Spieler von einem Herrn namens Schwamm gehört. Aber auch wenn der gute Tschik bei seiner vorangegangenen Unterredung mit Neudecker besser hingehört, und sie den tatsächlichen Namen des Neuen hätte wissen lassen, wäre der Name Schwan für sie ebenso nichtssagend gewesen. Warum? Im Gegensatz zu seinen Vorgängern auf dem Posten im Spielausschuß, die auf ein erfülltes Vorleben als Nationalspieler, verdiente Bayern-Funktionäre oder zumindest ehemalige Ligaspieler zurückblicken konnten, war Herr Schwan bisher Gemüsehändler am Viktualienmarkt und zuletzt als Versicherungsdirektor tätig. Ohne irgendwelche Berührungspunkte zum Fußballgeschehen. Nach eigenem Bekunden gab er sogar zu, weder Experte noch Fan des Fußballs zu sein.

Vom Gemüsehändler zum Fußball Manager

Wie aber kam es 1964 dann dazu, dass ein ´fußballahnungsloser´ Gemüsehändler, diese bis dahin äußerst wichtige Position des Spielausschuß-Vorsitzenden einnahm? Damals war der Spielausschuß mit dem Trainer zusammen für die Zusammensetzung des Spielerkaders und auch für die Aufstellung verantwortlich. Nicht selten hatte der Spielausschuß-Vorsitzende in Aufstellungsfragen gar das letzte Wort. Die Wertigkeit dieser Position wurde seinerzeit auch dadurch verdeutlicht, dass er gleichzeitig den Posten des 3. Vereinsvorsitzenden einnahm. Die Antwort: Präsident Neudecker, allerdings führte damals mit Robert Schwan wohl bereits anderes im Schilde. Auch wenn er ihn zunächst davon in Unkenntnis ließ. In seinen Aufzeichnungen hielt er Jahrzehnte später fest: „Als mich Schwan im Salvator-Keller fragte, was er denn zu tun hätte, […]habe ich ihm nur gesagt, daß er das Training zu überwachen habe, aber nicht jeden Tag. Und daß er die Mannschaft zu den Spielen begleiten solle. Schwan war bereit, den Posten ehrenamtlich zu übernehmen. Ein Jahr später sollte er der erste hauptamtliche ´technische Direktor´ der Bundesliga werden – der erste Manager.“ Ebenso ließ er die Mitglieder des Vereines von der Verpflichtung eines Managers im Unklaren. Schließlich gab es diese ´Stelle´ in einem Fußballverein in Deutschland bis dahin ja noch gar nicht und war damit auch schwer den Mitgliedern zu ´verkaufen´. Bei Schwan vertraute er auf dessen Ehrgeiz und überragende Geschäftstüchtigkeit, was ihm von einem vertrauten Präsidiumsmitglied glaubhaft versichert worden war.

Robert Schwan redete bei seiner Vorstellung vor der Manschaft bereits unumwunden Tacheles. „Ich will nicht viele Worte machen, Fußball spielen kann ich nicht, aber dafür seid ihr ja da. Ich werde darauf achten, dass die Kasse stimmt, auch eure. Man hat mir gesagt, daß ihr nach einem Sieg immer nur eine schöne Rede gehört habt. Ich rede nicht gern. Aber ich schlage was anderes vor. Wenn ihr gewinnt, gibt es 100 Mark für jeden, bei Unentschieden 50 Mark.“ Im Anschluss daran dankte Trainer Tschik im Namen der Mannschaft dem Präsidenten „und vor allem unserem neuen Boß, dem Herrn Schwamm.“ So zumindest schilderte Franz Beckenbauer diese Begebenheit Jahre später in seinem Buch ´Einer wie ich´. Die Siegprämien beim FC Bayern waren somit erfunden und auch das Trainingslager wurde zu dieser Zeit eingeführt.
Der renommierte Sport-Feuilletonist Hans Blickensdörfer beschrieb das, was nun kam wie folgt: „Aber es begann etwas Eigenartiges, das man geldmeisterlich nennen könnte. In München hatte Robert Schwan, der sich vornehmlich mit Versicherungsgeschäften befaßt hatte […] die wohl feinfühligste Antenne für die geschäftliche Seite dieser so unerhört populären Sache ausgefahren. Das Geheimnis eines Doppelpasses im Spiel interessierte ihn wenig, aber mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit erfaßte er Doppelpässe, die außerhalb zu spielen waren. […] Weit war er seiner Zeit, was Vermarktung angeht, voraus, und natürlich löffelte er überall mit, nicht nur, wenn der Franz fröhlich am Bildschirm in Suppen löffelte.“

Vom Giesinger Fußballer zum Weltstar

Neben seiner Aufgabe als Technischer Direktor beim FC Bayern, managte Schwan nach der WM 1966 dann auch Franz Beckenbauer, wurde dessen vertrauter Berater und Freund. Neben den lukrativen Freundschaftsspielen, die er für den FC Bayern aushandelte, gehörte es nun auch zu seinen Tätigkeiten, Verhandlungen in Sachen Schallplatten- und Werbeverträge für den jungen Nationalspieler zu führen. Auch für diese Zusammenarbeit fand Blickensdörfer, im Hinblick auf Schwans Verdienste, Jahre später in seinem Buch ´Der Kaiser´ treffende Worte: „Und Ruhm wäre für ihn [Beckenbauer] eine total abstrakte Größe geblieben, wenn er nicht seine Triebfeder für die Möglichkeiten der Vermarktung entdeckt hätte. Das Glück, das sich wie ein roter Faden durch Franz Beckenbauers Karriere und Karrieren zieht, ist durch Robert Schwan zu einem warmen Regen mit goldenen Tropfen geworden.“

In einer Zeit, lange vor den Millionen-Einnahmen im großen Olympiastadion oder vor den Fernsehgeldern heutiger Dimensionen, stellte Robert Schwan die Weichen auf dem Weg des FC Bayern in die heutige Zeit. Laut ´Spiegel hat er „die Entwicklung des deutschen Profigeschäfts beeinflusst, wie kaum jemand sonst […] formte den FC Bayern München zu einem internationalen Unternehmen und Franz Beckenbauer zu einem Weltstar. Robert Schwan konnte charmant sein und schneidend, ungeduldig und unbequem, vor allem aber war er innovativ.“
Nachdem Franz Beckenbauer 1977 den FC Bayern als Spieler verließ, trennten sich auch die Wege von Schwan und dem FC Bayern.
Wenn wir uns allerdings heute, gute 37 Jahre nach diesem Abschied, durch die FC Bayern Erlebniswelt bewegen, wird uns neben den Namen der damaligen Spieler um Maier, Ohlhauser, Brenninger, Kunstwadl oder Beckenbauer auch der Name Schwan das eine oder andere Male begegnen. Sei es, wenn Franz Beckenbauer seine Suppe löffelt, in der Hörbar seine ´Guten Freunde´ zum Besten gibt oder wenn der junge Katsche Schwarzenbeck über den Sinn eines Trainingslagers philosophiert. Denn führen wir uns die Ereignisse seiner Schaffensphase von 1964 bis 1977 genauer vor Augen, so erkennen wir ganz deutlich seine prägende Handschrift auf das Geschehen beim FC Bayern.

Robert Schwan verstarb am 13. Juli 2002 und wäre am 20. November 91 Jahre alt geworden.

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