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Exponat der Woche

Die Quittung, die Gold wert war

In einer Stunde kann viel passieren, egal ob auf dem Fußballplatz oder im alltäglichen Leben. Dass diese eine Stunde am 10. Juli 1964 aber so entscheidend für die Geschichte des FC Bayern München sein würde, konnte wirklich niemand ahnen.

Walter Fembeck machte sich früh auf den Weg an diesem Sommertag, es sollte ja ein großer Tag werden. Die 141 Kilometer von der Säbener Straße ins schwäbische Nördlingen waren staufrei, bereits vor der Mittagszeit, um 11.30 Uhr war der damalige Geschäftsführer angekommen bei den Müllers. Er wurde freundlich herein gebeten, redete mit Mama Müller  – und überzeugte: Sohn Gerhard Müller, damals 18 Jahre alt, durfte zum FC Bayern. 4.400 D-Mark erhielt der TSV 1861 Nördlingen, 5.000 D-Mark die Familie Müller. Das passt Gerds Mama ganz gut, denn sie konnte es damals gut gebrauchen.

Als es an der Tür der Müllers an jenem Freitag um 12.30 Uhr wieder klingelte, suchte Fembeck schnell das Weite. Er wusste ja, wer sich eigentlich für diesen Besuch angemeldet hatte. Ludwig Maierböck, seines Zeichens Geschäftsführer des TSV 1860 München, hatte die Reise nach Nördlingen auch auf sich genommen – allerdings genau eine Stunde später. Oder besser gesagt: Eine Stunde zu spät. Das bekannte Ende: 1860, damals Stadt-Primus, hatte keine Chance mehr, Müller zu verpflichten. Der Junge ging zu den Bayern – und wurde zum „Bomber der Nation“.

204 Tore in der Jugend - bei Bayern ging es genauso weiter

Durch seine 204 Tore binnen einer Jugend-Saison in Nördlingen hatte Müller die großen Münchner Vereine auf sich aufmerksam gemacht. Als er bei den Bayern nach anfänglichen Schwierigkeiten seine Chance in der ersten Mannschaft bekam, machte er genau dort weiter, wo er in Nördlingen aufgehört hatte. Am Freitag, den 18. Oktober, jährt sich das Vertragsspieler-Debüt von Gerd Müller zum 49. Mal. Das Exponat der Woche ist daher jene Quittung, die die Verpflichtung damals, am 10. Juli 1964, irgendwann zwischen 11.30 und 12.30 Uhr in trockene Tücher brachte. Zu sehen ist sie natürlich in der FC Bayern Erlebniswelt.

„Was willst Du mit diesem Gewichtheber? Hat Oberschenkel wie ein Ochse“, sagte Trainer Tschik Cajkovski zum Fembeck, als er Müller zum ersten Mal sah. Nun ja… diese Oberschenkel sollten sich noch als Erfolgsgarantie für den gesamten Klub erweisen. Je viermal wurde der „Bomber der Nation“ mit dem FC Bayern Meister (1969, 1972-1974) und Pokalsieger (1966, 1967, 1969, 1971), dreimal gewann er den Europapokal der Landesmeister (1974-1976) sowie je einmal den Europapokal der Pokalsieger (1967) und den Weltpokal (1976). „Ohne ihn wären wir vielleicht heute noch in dem alten Holzhäusl“, urteilte Franz Beckenbauer über seinen alten Mitspieler, der immer bescheiden und ehrlich geblieben ist.

Sieben Mal der beste Torjäger

Insgesamt gewann er sage und schreibe sieben Mal die Torjägerkrone: 1967, 1969, 1970, 1972, 1973, 1974 und 1978. Zweimal war er Europas bester Torjäger (1970, 1972), zweimal deutscher Fußballer des Jahres (1967, 1969) und einmal sogar Europas Fußballer des Jahres (1970). Sein erstes Tor für die Bayern schoss er natürlich auch gleich in seinem ersten Ligaspiel: Am 18. Oktober 1964, beim 11:2 gegen den Freiburger FC, steuerte Müller einen Treffer bei. Am Ende seiner Premierensaison 1964/65 sollten es in 26 Spielen 33 Tore sein.

Aus dem „Amateurspieler Gerhard Müller“, wie auf besagter Quittung vermerkt, wurde der beste Stürmer seiner Zeit. Bis heute sind 40 Tore in einer Saison in Deutschland unerreicht. Und wer hat den Rekord aufgestellt? Richtig. „Kleines, dickes Müller“, wie Trainer Cajkovski seinen Erfolgsgaranten liebevoll nannte. Auch er war am Ende froh, dass Fembeck diese eine Stunde früher dran war...

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