

Unser kolumbianischer Außenstürmer Luis Díaz war ein Schlüsselspieler für den Double-Gewinn. Auch bei der WM will er glänzen. Wo begann sein Weg an die Weltspitze?
In der tropischen Steppe im Nordosten Kolumbiens liegt mitten im Brachland ein grün strahlender, perfekter Kunstrasenplatz. Gerade trainieren 50 Jungen und Mädchen, alle tragen gute Fußballschuhe, es gibt genügend Bälle und Plastikhütchen. Willkommen in der Fußballschule der Fundación Luis Díaz, einer Stiftung, die unser Außenstürmer in seiner Heimat gegründet hat. In seinem Heimatort Barrancas hat Luis Díaz einen grünen Teppich ausgerollt.
„Auf blanker Erde zu spielen, ist nicht dasselbe wie auf einem Kunstrasenplatz mit FIFA-Standards“, sagt der 31-jährige Josher Brito Díaz und denkt vielleicht auch an jene Zeit zurück, als er mit seinem berühmten Cousin Luis Fernando über die Bolzplätze von Barrancas dribbelte. Josher leitet heute die Stiftung, in der neben Fußballtrainern auch eine Sozialarbeiterin angestellt ist. „Unsere Kinder lernen hier alle auch, was man zur Gemeinschaft beitragen kann. Über den Fußball können wir das Zusammenleben verbessern“, sagt Josher.

Täglich trainieren 150 Kinder in sechs Altersklassen auf dem neuen Gelände – in Zukunft soll bald auch ein Kabinentrakt mit Duschen entstehen. Ein paar Fußballmütter sitzen auf Plastikstühlen unter einem der wenigen Bäume. An diesem Tag liegen schwere graue Wolken über der blassen Landschaft und sorgen für erfrischenden Wind in der sonst drückenden Hitze. Ob es regnen wird? „Hier regnet es nie“, sagt der 17-jährige Daul. Er ist vom ersten Tag an in der Stiftung, war dabei, als sie auf dem ersten Bolzplatz mit bloßen Händen störende Steine vom Feld gesammelt haben. An Luis Díaz mag er seine Haltung, sein Positionsspiel, „eigentlich alles“, sagt Daul mit strahlenden Augen. „Lucho hat einen eigenen Spielstil entwickelt, an dem wir uns alle orientieren: die Haken im Eins-gegen-Eins, die Schnelligkeit und die Geduld.“
Daul hofft, von hier aus noch den Sprung in den Profifußball zu schaffen. Schließlich komme ab und zu Luchos Vater Luis Manuel vorbei und scoute Talente, so der Jugendspieler.
Mit Papa zur Schule und zum Fußball
Papa Luis Manuel Díaz ist Trainer und ein angesehener Fußballfachmann in Kolumbien. „Seit 26 Jahren betreibe ich eine Fußballschule, aus der auch Luis hervorgegangen ist“, sagt Mane, wie ihn jeder nennt. „In Luchos Jahrgang gab es einige gute Spieler. Aber keiner von den anderen hat es in den Profifußball geschafft.“ Mane Díaz erzählt mit väterlichem Stolz nicht nur von Tricks und Finten, die er seinem Sohn beigebracht hat, sondern auch von den Probetrainings bei Top-Teams mit ihren kostspieligen Anreisen. Es geht um Zeit, Hingabe und Liebe. Für eine große Karriere braucht es neben Talent eben auch eine starke Familie.

Luis war ein Engel. Man musste nur vier Augen auf ihn haben, damit er nicht während des Unterrichts mit einem Ball rausgerannt ist.Ana Beatriz Solano, Grundschullehrerin
Und das bestätigt jeder, der die Familie Díaz in Luis‘ Kindheit und Jugend kennengelernt hat. Da ist zum Beispiel Ana Beatriz Solano, die in ihren 50 Jahren als Grundschullehrerin in Barrancas alle vier Kinder von Mane und Cilenis unterrichtete. „Luis Fer war ein Engel!“, schwärmt die 74-Jährige an ihrer alten Wirkungsstätte, in der heute in jedem Klassenzimmer fünf Ventilatoren hängen. „Man musste nur vier Augen auf ihn haben, damit er nicht während des Unterrichts mit einem Ball rausgerannt ist.“
Gegenüber von dem Bolzplatz, auf dem einst Lucho unter Papas Aufsicht trainierte, steht eine Luis-Díaz-Pappfigur vor einem Haus. Sie signalisiert: Matchday! An diesem Tag findet das Rückspiel von Bayern gegen Real Madrid in der Champions League statt, und natürlich schaut auch sein Großvater Luis – seit jeher „Luicho“ genannt – das Spiel seines Enkels, der in diesem Haus aufgewachsen ist. Das Wohnzimmer ist einfach eingerichtet, eine nackte Glühbirne hängt in den Raum. Ein Ventilator dreht seine Runden. Im Regal stehen Pokale von regionalen Fußballturnieren. Errungenschaften von Lucho und anderen fußballverrückten Familienmitgliedern. Luicho hat sein ganzes Leben in der Landwirtschaft gearbeitet, ist außerdem ein stadtbekannter Heiler, der Schlangen- oder Spinnenbisse behandelt. Gemeinsam mit drei seiner acht Kinder und ein paar Enkeln sitzt er nun im Garten unter einer breiten Baumkrone, ihre Blicke gebannt auf einen Fernseher: Der FC Bayern liegt schon nach einer Minute 0:1 zurück.

Aber Hobby Nummer eins war immer der Fußball. In der Umgebung wusste man früh von diesem Ausnahmetalent in der Fußballschule von Mane Díaz. Luis spielte auch für eine Auswahl der nahe liegenden Kohlemine Cerrejón. Nach einem Turnier 2009 im großen Metropolitano-Stadion in Barranquilla berichtete selbst die überregionale Zeitung „El Heraldo“ auf einer halben Seite über den „schmalen, schnellen und technisch versierten“ Luis, damals zwölf Jahre alt. Aber Talentspäher und Nachwuchsleistungszentren waren in Barrancas damals sehr weit weg – geografisch und finanziell. Es war die emsige Arbeit von Papa Mane, die es Luis immer wieder ermöglichte, sein fußballerisches Können zu zeigen. Als Trainer der Provinzauswahl von La Guajira nahm er ihn mit auf ein Turnier in die kolumbianische Hauptstadt Bogotá, wo man den zweiten Platz erreichte. Später las er auf der Homepage des Profiteams Junior de Barranquilla von einem offenen Auswahltraining. Er erzählt: „Da mussten wir unbedingt hin.“
Auf in die Millionenstadt
Barranquilla ist die viertgrößte Stadt Kolumbiens und liegt sechs Autostunden entfernt vom Wohnort der Familie Díaz. In der Hafenstadt an der Mündung des längsten Flusses des Landes gibt es einige moderne und viele vernachlässigte und arme Viertel. Die Ungleichheit sticht ins Auge. Neben dem Karneval – einem der größten der Welt – eint die Stadt der Fußballverein Junior, Spitzname „der Haifisch“.

Der Nachwuchs-Campus des Clubs, genannt „Bomboná“, liegt weit draußen in einer kargen Vorstadt. Im Jahr 2015 spielte der mittlerweile 18-jährige Luis aus Barrancas vor. Er begeisterte sofort, aber er erschien relativ dünn und schmächtig. „Talente wie Luis ernähren sich nicht so, wie angehende Fußballprofis sich ernähren sollten“, sagt Garcés. „Auch das bringen wir den Jugendlichen hier bei.“ Nachdem Luis bei Junior de Barranquilla aufgenommen wurde, bekam er einen Ernährungs- und Trainingsplan, um seinen Muskelaufbau zu fördern.
Auf dem Campus trainieren nicht nur die Jugendmannschaften von Junior, sondern auch von dessen Partnerverein Barranquilla FC. Und dort setzte der Trainer Melquisedec Navarro Luis Díaz dann erstmals in der U20 ein. Lucho hatte bis dato immer als Zehner oder hängende Spitze gespielt. Dann hatte Navarro einen Geistesblitz: „Ich dachte: Lass uns ihn auf der Außenbahn einsetzen, damit er von dort nach innen ziehen kann.“
Es war ein wichtiger Moment in der Ausbildung von Díaz, den beide Jugendtrainer als bodenständigen, natürlichen Typen beschreiben, dem es aber trotzdem nicht an Selbstbewusstsein und Charakterstärke gemangelt habe. So erinnert sich Navarro an ein Jugendfinale in seiner ersten Saison, als „der Neue“ zunächst auf der Bank saß. Nach dem 0:1-Rückstand sei er selbst auf den Trainer zugegangen, um ihm zu sagen: „Profe“, wie hier alle Fußballlehrer herzlich angesprochen werden, „bringen Sie mich, ich klär das.“ Und Lucho drehte das Spiel in der Endphase – genau wie 2026 vor Hunderten Millionen Zuschauern gegen Real Madrid.

Ich dachte: Lass uns ihn auf der Außenbahn einsetzen, damit er von dort nach innen ziehen kann.Melquisedec Navarro, Jugendtrainer
Bodenständig und gleichzeitig maximal ambitioniert zu sein, ist ein Spagat, den es im Profifußball zu bewältigen gilt. „Er ist von Natur aus ein starker Individualspieler. Aber hier haben wir ihm beibringen können, bei der Entscheidungsfindung im Mannschaftsspiel besser zu werden“, sagt Navarro. Mit Erfolg. Diese „brutale Entscheidungsfindung“ lobte zuletzt auch Joshua Kimmich.
Fußball bis tief in die Nacht
In den ersten Jahren in der Millionenmetropole lebte Lucho bei seinem Onkel Wilson im Stadtviertel Las Nieves. Ein „ziemlich heißes Viertel“, sagte Luis im Interview mit „51“ nach seiner Ankunft in München. „Alle paar Tage wurde jemand überfallen, es gab Diebstähle, auch Morde.“

Luis vermisste seine große Familie, das Kleinstadtleben in Barrancas, wo jeder jeden kennt. Aber auch hier half ihm die Familie. Bis heute wohnt seine damalige Gastmutter Soiden im selben Haus in der „Straße 17 B“, wo die Patchwork-Familie zu fünft lebte. Die Wände sind unverputzt, unter dem Blechdach ist es brütend heiß. Die Zimmer haben keine Türen, nur Vorhänge. Feuchtigkeit zieht die Wände hoch. Viele der Bodenfliesen sind zerbrochen. „Das Geld hat vorne und hinten nicht gereicht. Der Weg zum Training war total weit, und ich hatte nur ein paar Tausend Pesos pro Tag, also vielleicht ein bis zwei Euro“, erinnert sich Lucho. Papa Mane versuchte, Geld aus Barrancas zu schicken, Onkel Wilson fuhr ihn jeden Morgen mit dem Motorrad zum Training. Lucho ging abends zur Schule und kickte danach noch bis in die Nacht mit seinem fünf Jahre jüngeren Gastbruder David auf dem zwei Straßen entfernten Hauptplatz von Las Nieves.
Nur ein Jahr nachdem Lucho sich gegen Hunderte andere Spieler im Probetraining durchgesetzt hatte, gab er sein Profidebüt für Barranquilla FC. Ein paar Wochen später erzielte er sein erstes Tor, wenige Monate danach wurde er erstmals in die Jugendnationalmannschaft berufen und konnte endlich in eine eigene Wohnung umziehen. Er hatte seinen Platz auf dem Feld und im Fußball gefunden und beschleunigte seine Karriere: Heute trifft er für den FC Bayern gegen Real Madrid und PSG, für die kolumbianische Nationalmannschaft gegen Brasilien und Argentinien. Überall in Barranquilla wird über ihn gesprochen, sein Gesicht ist auf den Titelseiten der Tageszeitung und lacht von übergroßen Plakatwänden. Sein Weg war steinig von dem Städtchen Barrancas im Fußballniemandsland bis an die Säbener Straße. Aber Lucho, der Kämpfer, hat ihn bewältigt. Und er ist noch lange nicht am Ziel.
Der Text erschien in der Sommerausgabe des FC Bayern-Mitgliedermagazins „51“ – hier in einer gekürzten Fassung:

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