Zlatko "Tschik" Cajkovski ließ Gerd Müller lange schmoren, sehr lange. "Was soll ich mit einem Gewichtheber?" hatte der Trainer des im Jahr 1964 in der Regionalliga spielenden FC Bayern gesagt, als er Gerd Müller zum ersten Mal gesehen hatte. Er wollte diesen neuen jungen Spieler mit den voluminösen Oberschenkel doch eigentlich gar nicht haben. Also wartete er erst einmal ab, um genau zu sein: Cajkovski wartete zehn Spiele ab, ehe er Gerd Müller zum ersten Mal brachte. Und dann, am 18. Oktober 1964 traute er seinen Augen nicht mehr.
Bei seinem Debüt für die Bayern, das sich übrigens am Samstag zum 60. Mal jährt, erzielte Müller gleich zwei Treffer gegen den Freiburger FC, die Partie endete 11:2. Zum Ende der Saison 1964/65 sollte Müller in 26 Spielen 33 Tore erzielt haben Der Grundstein für eine der beeindruckendsten Karrieren im internationalen Fußball war gelegt. Auch Cajkovski lernte seinen Torjäger schätzen – und war am Ende doch froh, dass diese Geschichte, die sich vier Monate vor Müllers Debüt im Bayern-Trikot abgespielt hatte, gut ausgegangen war.
Man kam den Löwen eine Stunde zuvor
Es war der 10. Juli 1964, als sich Walter Fembeck früh auf den Weg machte. Die 141 Kilometer nach von der Säbener Straße ins schwäbische Nördlingen waren staufrei, bereits vor der Mittagszeit, um 11.30 Uhr war der damalige Geschäftsführer der Bayern angekommen bei den Müllers. Er wurde freundlich herein gebeten, redete mit Mama Müller – und überzeugte: Sohn Gerhard Müller, damals 18 Jahre alt, unterschrieb beim FC Bayern. 4.400 D-Mark erhielt der TSV 1861 Nördlingen, 5.000 D-Mark die Familie Müller. Das passt Gerds Mama ganz gut, denn sie war nicht gut bei Kasse. Die Quittung, die die Verpflichtung damals in trockene Tücher brachte, ist unser Exponat der Woche. Zu sehen ist sie natürlich in der FC Bayern Erlebniswelt.
Als es an der Tür der Müllers an jenem Freitag um 12.30 Uhr wieder klingelte, suchte Frembeck schnell das Weite. Er wusste ja, wer sich eigentlich für diesen Besuch angemeldet hatte. Ludwig Maierböck, seines Zeichens Geschäftsführer des TSV 1860 München, hatte die Reise nach Nördlingen auch auf sich genommen – allerdings eben genau eine Stunde später. Das bekannte Ende: 1860, damals Stadt-Primus, hatte keine Chance mehr, Müller zu verpflichten. Der Junge ging zu den Bayern – und wurde zum „Bomber der Nation“.
204 Tore binnen einer Saison
204 Tore binnen einer Jugend-Saison hatte Müller bereits in Nördlingen geschossen. Und die Oberschenkel, die Cajkovski verspottet hatte, sollten sich noch als Erfolgsgarantie für den gesamten Klub erweisen. Je viermal wurde der „Bomber der Nation“ mit dem FC Bayern Meister (1969, 1972-1974) und Pokalsieger (1966, 1967, 1969, 1971), dreimal gewann er den Europapokal der Landesmeister (1974-1976) sowie je einmal den Europapokal der Pokalsieger (1967) und den Weltpokal (1976). Aus dem „Amateurspieler Gerhard Müller“, wie auf der Quittung zum damaligen Kauf von Gerd Müller vermerkt ist, wurde der beste Stürmer seiner Zeit.
