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Kleider machen Leute - und Meister

Das "Wiener Modell", ein besonderes Trikot

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Der Katalog liegt gut in der Hand, weiches Papier, ein praktisch kleines Format. Und tatsächlich muss man auch ein wenig blättern, ehe man dort ankommt, wo man als Fußballer oder Fan am liebsten ist. Lederhosen und feine Mode, aber auch Küchenutensilien und aufblasbare Matratzen gibt es auf den Seiten zuvor im Angebot – ja, ja, der „Sport Münzinger“ hatte schon immer ein großes Sortiment. Dann aber, auf Seite 40, folgt die Überschrift „Bekleidung für Fußball, Faustball, Handball und Radsport“. Und da ist es, das Trikot.

Ab 1930, so ist es heute durch Mannschaftsfotos zu belegen, spielen wir im sogenannten „Wiener Modell“. In besagten Katalog „aus dem Olympiajahr 1936“ – so heißt es auf dem Titelblatt – unter der Nummer 303 geführt ist, wird dieses Trikot angeboten. Beschrieben ist es als „Wiener Modell“ mit „rundem Halsausschnitt und Stehbördchen, Halsborte und Ärmel andersfarbig wie Grundfarbe des Trikots und der Ärmelstulpe“. Gefettet steht dazu: „Doppelfädige Qualität.“ Der Preis variierte je nach Farbgebung zwischen 2,90 und 3,15 Reichsmark.

Verbindungen nach Wien gab es einige

Es war schon kurios, als sich das Team des FC Bayern Museums auf die Suche nach den Ursprüngen jenes Trikots begab. Diese Ausführung gilt als Vorbild für die Retro-Version, die im Jahr des 120. Geburtstages des FC Bayern wieder auf den Markt kam. Im Archiv des Museums sind zahlreiche Fotos von Spielern im „Wiener Modell“ zu finden, da es nicht – wie andere Trikots – nur ein paar Jahre, sondern gleich über mehrere Jahrzehnte getragen wurde. Zum ersten Mal ist das langärmlige Hemd mit weinroten Ärmeln und silbergrauen Fronten auf einem Mannschaftsfoto aus dem Jahre 1930 zu sehen, also damals, als der Wiener Richard Dombi als Trainer zum FC Bayern stieß. Ein weiterer Bezug zu Wien: Als Rapid Wien 1930 österreichischer Meister wurde, trug das Team das Modell in grün-weiß. Wann aber dieses Trikot designt und erstmals angeboten, respektive von einem Team getragen wurde, konnte bis heute nicht recherchiert werden.

Die wohl bekanntesten Motive mit dem Jersey, das vor allem wegen seinem Rundkragen markant war, wurden am 12. Juni 1932 in Nürnberg aufgenommen. Tausende Münchner waren damals Zeitzeugen, als die Bayern mit 2:0 gegen Eintracht Frankfurt gewannen und die erste Deutsche Meisterschaft feierten. Die Fans stürmten das Spielfeld und die Spieler wurden auf deren Schultern vom Platz getragen. Manche hatten ihren Kragen fest zugebunden, andere sehr locker geschnürt. An diesem Tag war das egal.

Das Foto der 1932er Meistermannschaft im Trikot „Wiener Modell“ hat sich bis heute bei vielen FC Bayern-Fans eingeprägt. Tatsächlich aber gibt es auch noch Aufnahmen von 1965, auf denen das Trikot zu sehen ist. Der junge Franz Beckenbauer hat es noch in jener Spielzeit übergestreift, an deren Ende die Bayern in die Bundesliga aufstiegen. Der Nachwuchs wurde gar noch bis in die siebziger Jahre in dem Trikot aufs Feld geschickt, das heute für den Anfang einer Erfolgsgeschichte steht.

"Sport Münzinger" als Ausrüster

Aber auch die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte, die Jahre zwischen 1933 und 1945, steht für dieses Trikot.  So existieren freilich auch Fotos, auf denen das Emblem des Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen, bestehend aus dem Reichsadler mit Hakenkreuz, ab 1938 auf dem „Wiener Modell“ getragen werden mussten. Das herkömmliche Spielerabzeichen des FC Bayern wurde übrigens erstmals in den Nachkriegsjahren an diesem Jersey angebracht.

Interessant ist übrigens auch die Verbindung von „Sport Münzinger“ zum FC Bayern. Hans Münzinger, der damalige Juniorchef des seit 1889 existierenden Traditionshauses, trat bereits 1908 als Jugendspieler dem FC Bayern bei. „Sport Münziger“ war über Jahrzehnte auch der Ausrüster des Vereins. Und dieses „Wiener Modell“ rückwirkend betrachtet auch irgendwann so etwas wie das offizielle Trikot unseres Clubs, das gleichzeitig von der Schüler-, Jugend- sowie der Ersten Mannschaft getragen wurde. Modell 303. 2,90 Reichsmark.

Fotos: ©Amelie Niederbuchner