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Eine tolle Sammlung

700 neue Exponate im Frauen-Archiv

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Auf den ersten Blick ist es ein großer Raum, das Licht grell, die Schränke verschlossen. Öffnet man aber nur einen von ihnen, kriegt man schnell eine Vorstellung davon, dass diese unscheinbar daherkommenden Räumlichkeiten eine echte Schatzkammer sind. Kisten, Kartons, Bildbände. Trikots, Bälle, Schuhe. Dazu Kuriositäten aus über 120 Jahren: Wäre es erlaubt, könnte man im Archiv des FC Bayern Museums, gewissermaßen dem historischen Gewissen unseres Klubs, nicht nur Stunden, sondern ganze Tage verbringen. Mehr als 5.000 Exponate von 300 Schenkern und Leihgebern werden in der Allianz Arena aufbewahrt, rund 500 von ihnen sind im FC Bayern Museum ausgestellt. So gut wie alle von ihnen drehen sich um die Fußballabteilung der Männer. Zumindest: bis jetzt.

50 Jahre alt ist die Frauensparte des FC Bayern im vergangenen Jahr geworden, das Jubiläum war in aller Munde. Längst denkt man anders über all das, was sich da vor einem halben Jahrhundert ereignet hat; über den Sexismus, der die Anfangsjahre prägte, über die eigenen Regeln – Jugendfußbälle, 60 Minuten Spieldauer, keine Stollenschuhe, viermonatige Winterpause –,  die die weiblichen Vertreter auferlegt bekamen. Und trotzdem gehört jedes Detail aus diesen 50 Jahren dazu, zur Geschichte der Abteilung, zur Historie unseres Klubs. Es war dem Team des FC Bayern Museums daher ein besonderes Anliegen, sich speziell in dieser Abteilung auf Exponatsuche zu begeben und ein umfassendes Frauen-Archiv aufzubauen.

Mehr als 700 Exponate kamen zusammen

Also: Zurückspulen – und nochmal bei nahezu null beginnen. Denn der Grundstock an Exponaten war bis zuletzt wirklich überschaubar. All das, was im Vorfeld der Eröffnung des Museums im Jahr 2012 bereits für die Männer-Abteilung passiert war, wurde deshalb in den vergangenen beiden Jahren wiederholt. Wertvolle Recherchearbeit hatte FC Bayern-Spielerin Simone Laudehr im Rahmen eines Nebenjobs für das Museum übernommen, der Aufruf an ehemalige Spielerinnen, TrainerInnen sowie alle anderen Mitglieder der Frauenabteilung war bestens vorbereitet – und von großem Erfolg gekrönt. Mehr als 700 Exponate kamen zusammen. Freilich gibt es noch Lücken, aber schon jetzt lohnt sich anhand der neuen Ausstellungsstücke ein Streifzug durch die Frauenfußball-Geschichte.

Spieltags-Broschüren, Wimpel, Trophäen, Mannschaftsbilder, Vereinsunterlagen: Das neue Archiv ist breit aufgestellt, besticht aber vor allem durch die Liebe zum Detail. Für akribische Buchführung stand vor allem in den Anfangsjahren Hans Preß. Dem ersten Abteilungsleiter – so zeigen es die in ledernen Umschlägen eingebundenen Spielstatistiken sowie abgehefteten Spielbericht-Heftchen – entging nichts; kein Tor, kein verschossener Elfmeter, keine Gelbe Karte. Säuberlich eingeklebte Zusammenfassungen und beschriftete Fotos verschaffen einen Überblick über die ganze erste Dekade der Frauenabteilung. Auf einer Titelseite ist das damalige Bayern-Wappen abgedruckt, unterschrieben mit den Worten „Start im Damen-Fußball. 7. Juni 1970: Bayern gründet als erster deutscher Bundesliga-Verein eine Frauen-Abteilung“. Gleich mehrere Seiten widmen sich der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1976, auf der letzten schließlich steht mit blauem Kugelschreiber geschrieben: „20. Juni 1976, Deutsche Meisterschaft, Tennis Borussia Berlin – FC Bayern 2:4 n.V.“ Die Verschriftlichung des ersten großen Triumphes.

Karin Danner als wertvolle Lieferantin

Karin Danner kam erst ein Jahr später zum FC Bayern, aber die langjährige Spielerin und heutige Managerin kennt sich in der Geschichte der Abteilung aus wie keine zweite. Allein rund 600 Exponate hat die gebürtige Münchnerin zur Verfügung gestellt, unter den zahlreichen Spielerinnen-Pässen ist auch ihr eigener zu finden. Rund 400 Frauen, die ein Punktspiel für den FC Bayern bestritten, konnten in mühevoller Kleinstarbeit bereits benannt werden. Die Recherche dauert an.

Neben Danner haben bisher vor allem die heutigen Mitarbeiterinnen Claudia Herzog und Katharina Teßmann dabei geholfen, die Sammlung breit aufzustellen. Aber auch Aufstiegstrainer Peter König sowie unter anderem die ehemaligen Spielerinnen Anja Knaub, Monika Schmidt, Lydia Köhl, Conny Doll, Dagmar Uebelhör (verh. Schliwa), Roswitha Bindl (verh. Bindl-Schnapp) und Inka Reinecke waren maßgeblich beteiligt. Wie viel die Frauen schon erlebt haben, zeigt allein ein Blick auf die Wimpel, die nun gebündelt im Archiv erfasst sind. Die unglaubliche Serie von 19 Bayerischen Meistertiteln hintereinander (1972-1990) ist nahezu lückenlos dokumentiert, der Wimpel der ersten von bisher drei Deutschen Meisterschaften ist ebenso Teil der Sammlung. Damit er wieder in altem Glanz erstrahlt, wurde er sogar aufwändig restauriert.

Drachenflieger, Herrenschuhe: Es gibt auch Kuriositäten

Am auffälligsten kommen die großen Trophäen daher, also: der DFB-Pokal von 2012 sowie jene für die Meisterschaften 1976, 2015 und 2016. Replikate von den beiden jüngsten Erfolgen waren in der kleinen bisher bestehenden „Frauen-Vitrine“ im Vereinsmuseum sowieso vorhanden, jenes von der Meisterschaft 1976 wird vom DFB-Museum ausgeliehen, bis ein eigenes Replikat angefertigt wird. Die museale Zusammenarbeit zahlt sich an dieser Stelle aus.

Echte Schätze, fast Raritäten wurden natürlich auch entdeckt. Vor allem ein Blick auf frühere Spieltagsplakate lohnt sich. Sie sehen unscheinbar aus, sind simpel gestaltet, haben aber teils kuriose Inhalte. In den siebziger Jahren etwa gab es vor Anpfiff mal eine besondere Aktion. Sie wurde angekündigt mit den Worten: „Drachenflieger landen mit dem Spielball im Stadion.“ Show-Inszenierung war schon damals gefragt.

Auch drei Paar Schuhe sind im neuen Archiv erfasst, ein Detail aus der kleinen Sammlung: Melanie Behringer spielte am besten in einem Herrenschuh-Modell. Dass das gut funktionierte, zeigt die unglaubliche Titelsammlung der langjährigen Leistungsträgerin. Medaillen und Urkunden von großen Triumphen des Vereins und der deutschen Nationalmannschaft befinden sich nun im Fundus.

Ein Archiv kann nie groß genug sein: Wer kann helfen?

Rund zehn Ausstellungsstücke waren bisher in der der Frauenabteilung gewidmeten Vitrine im FC Bayern Museum zu sehen. Ziel ist es, den Bereich schon in Kürze deutlich zu vergrößern und die wichtigsten 100 Exponate allen Besuchern zugänglich zu machen. Es steckt so viel in dieser Abteilung, das hat nicht zuletzt die intensive Archivarbeit der vergangenen zwei Jahre gezeigt. Weil eine Sammlung aber nie groß genug sein kann, gilt: Wer immer wertvolle Tipps oder Exponate hat – gerne an das FC Bayern Museum wenden!

Ein paar Schränke sind noch frei in den gut behüteten Räumlichkeiten des Archivs. Unscheinbar, nüchtern gestaltet – aber gefüllt mit so viel Geschichte. Geschrieben von Männern wie Frauen.

Fotos: Felix Brandl; Styling: Judith Pretsch