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Auges Sammlung

Magische Trikot-Modenschau im Olympiastadion

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Die Party war schon im vollen Gange, nur Klaus Augenthaler war nicht dabei. Eine Stunde, zwei, drei vergingen, aber: Es lief einfach nichts. Dieser verflixte Becher, der nach dem WM-Sieg 1990 für die Dopingkontrolle benötigt wurde, wollte nicht voll werden. Bis Augenthaler – träumend von Champagner, Essen und Tanzfläche – in den Katakomben des Olympiastadions von Rom eine geniale Idee kam.

„Ich hatte wirklich alles gegeben, es fehlte nur noch so wenig bis zum entscheidenden Maß der Urinprobe“, sagt der 63-Jährige, „da habe ich einen der vier Kontrolleure fast flehend gefragt: Reicht das denn nicht?“ Der ältere Herr war streng, er schaute zu seinen Kollegen, wirkte unbeeindruckt, bis er schließlich erwiderte: „Okay, wenn ich Dein Shirt kriege.“ Das WM-Trikot als Tauschobjekt? Augenthaler lacht: „Eher als eine Art Bestechung.“ Sei’s drum. Mit vier Stunden Verspätung kam der Bayern-Kapitän auf der WM-Party an. Dass ein Trikot von diesem 8. Juli 1990 in seiner Sammlung fehlte? Geschenkt!

Im Hause Augenthaler ist seit 1992 wieder mehr Platz

Augenthaler erzählt diese Anekdote heute, also mehr als 30 Jahre später, mit einer gesunden Portion Humor. Er selbst hatte sie fast vergessen, muss erstmal überlegen, als er auf den Trikottausch nach seinem größten Erfolg mit der Nationalmannschaft angesprochen wird. Es geht ihm in diesem Moment so wie bei vielen Erinnerungen, die er an bestimmte Outfits knüpft. „Manchmal“, sagt er, „wird einem, wenn man ein Shirt von damals in die Hand nimmt, erst bewusst: Ah, da warst Du mal, und da, und da auch.“

Manchester Uniteds Jersey 1983–93: ein Klassiker in der Sammlung.

Im Hause Augenthaler fanden diese nostalgischen Erlebnisse in unregelmäßigen Abständen im Keller statt. Ab und an hat es den einstigen Abwehrspieler die Treppe nach unten gezogen, in den Raum, in dem seine imposante Sammlung aus eigenen wie getauschten Trikots gelagert war. Mehrere hundert Jerseys hingen da aufgereiht, „ein Selbstläufer“ sagt er, für einen Mann wie ihn, der 404-mal das rote Shirt des FC Bayern übergestreift hat. Zwischen 1976 und 1991 gab es nahezu jede Woche die Gelegenheit zum Trikottausch auf dem Feld, in Summe kommt da Einiges zusammen. „Und“, sagt Augenthaler, „Trikots mochte ich einfach schon immer gerne. So kam eins zum anderen.“

Zu seinem Abschiedsspiel im Jahr 1992 musste Augenthaler schwer schleppen. „Zwei riesige Adidas-Tüten hatte ich dabei“, sagt er, der Inhalt war wertvolle Fracht. Die meisten der zu aktiven Zeiten gesammelten Trikots stellte er an diesem Sommertag vor knapp 30 Jahren für einen guten Zweck zur Verfügung, nur ein paar ausgewählte Exemplare behielt er. Weil diese 27 Stück sich aber inzwischen im Bestand vom Archiv des FC Bayern Museums befinden, ist im Keller daheim wieder viel Platz. „Nur noch die Trikots, die ich für meine Arbeit beim FC Bayern brauche“, sind in den eigenen vier Wänden zu finden. In Erinnerungen schwelgt Augenthaler daher nicht mehr zuhause, sondern gerne als Museumsgast. Beliebter Halt: Die Trikotwand in der Dauerausstellung, wo auch zwei seiner Schätze hängen.

In den siebziger Jahren hieß es: Bloß keine Trikots tauschen!

Zahlreiche seiner roten Jerseys hängen da, „am liebsten“, sagt er, „mochte ich schon immer das kräftige, originale Bayern-Rot.“ Das war als Spieler so – und es ist auch heute als Legende nicht anders. Augenthaler war nie ein Freund großer Experimente, weder farb- noch materialtechnisch. +

Überhaupt lebten Spieler seiner Generation ja schon in einer ganz anderen (Trikot-)Welt. „In meiner Anfangszeit“, sagt er, „durften wir ja gar nicht tauschen, vor allem nicht, wen wir verloren hatten.“ Oft hieß es schon vor Anpfiff vom Zeugwart: „Kein Trikot herschenken, wir haben nicht mehr so viele.“ Erst Ende der achtziger Jahre hatte jeder Bayern-Profi je ein Shirt pro Halbzeit. Da konnte man sich vor dem Spiel dann schon überlegen, mit welchem Gegenspieler man sich später zum Tausch verabreden möchte.

Augenthalers Trikots waren sehr begehrt. Er sagt lachend: „Die 5 war halt eine schöne Nummer.“ Freilich aber lag es auch an der sportlichen Leistung sowie der Aura des Spielführers, dass er sich vor Anfragen oft nicht retten konnte. Allerdings bekam auch er nicht alles, was er gerne gehabt hätte. Was bei HSV-Stürmer Kevin Keegan klappte („hatte ich mir in den Kopf gesetzt“), misslang einst bei bei Pelé: „Das Trikot wollte jeder haben – und ich habe es als Jungspund halt nicht bekommen.“

Mit Peter Withe kam es sogar zum Trikot-Rücktausch

Ein paar Lücken gab es also auch in dieser imposanten Sammlung, an Anekdoten ist sie dennoch reich wie kaum eine zweite. Das merkt man, wenn Augenthaler Jerseys von damals in die Hand nimmt, ganz vorsichtig, wenn man ihm zuhört, ihn beobachtet. Und man hat es auch gesehen, als es vor einigen Jahren im FC Bayern Museum zu einem Trikottausch der besonderen Art kam.

Noch jetzt spricht Augenthaler vom „wohl besten Spiel meiner Karriere“, wenn er auf die Niederlage im Finale des Europapokals der Landesmeister 1982 gegen Aston Villa angesprochen wird. „90 Minuten marschiert“ sei er, am Ende aber jubelten nicht die Bayern, sondern die Engländer und Siegtorschütze Peter Withe. Der Trikottausch der beiden Gegenspieler fand damals schnell am Rande statt – der Trikot-Rücktausch 34 Jahre später hingegen mit ausgiebig Zeit für Gespräche und Fotos. Die Wiedersehensfreude war groß, genau wie die Freude, das eigene Trikot von damals wieder in der Hand zu haben.

Gewaschen oder nicht? Auch das ist so eine entscheidende Frage. Augenthaler zögert keine Sekunde und sagt: „Normalerweise nein!“ Nur wenn es gar nicht anders ging, wenn – wie er sagt – „die Düfte nicht auszuhalten waren“, hat er ein Jersey in die Maschine gesteckt. Grasflecken waren dann verblasst, Schlamm nicht mehr zu sehen, auch das schöne Rot litt ab und an. Daher die goldene Regel: Nur im äußersten Notfall!

Ein Trikottausch der anderen Art: Klaus Augenthaler und Peter Withe wechselten im Endspiel des Europapokals der Landesmeister zwischen dem FC Bayern und Aston Villa 1982 den Dress. 2016 kam es zur Rücktausch-Aktion.

Bei Trikots gehört auch Aberglaube dazu

Der Experte hat es stets so gehalten, dabei hatte er es ja wirklich mit Trikots in jeglicher Form zu tun. Besonders gerne gespielt hat Augenthaler sogar im weißen Auswärtsdress, „da fühlte man sich ein bisschen königlich, wie Real Madrid“, sagt er lachend. Gar nicht gerne hingegen trug er ausgefallene Modelle wie einst das brasilianisch angehauchte Trikot in grün und weiß. „Einfach nicht gepasst“ habe das, bei Fußballern gehört da auch ein bisschen Aberglaube dazu.

Augenthaler, sieben Mal Deutscher Meister, hat sich sogar später, als genug Trikotsätze pro Spieler zur Verfügung standen, nach einer guten ersten Halbzeit oft nicht umgezogen. „Auch bei minus zwei Grad“, sagt er, „auch wenn es klatschnass vom Regen war.“ Was 45 Minuten lang gut funktioniert hatte, wollte er nicht verändern. Und an Funktionalität – Unterziehshirts, Kompressions-Wäsche – war damals sowieso noch nicht zu denken.

Überhaupt muss Augenthaler schmunzeln, wenn er auf die Entwicklung des Materials angesprochen wird. „Fester Baumwoll-Stoff“ war ihm am angenehmsten, mit den Trikots von heute hat das nichts mehr zu tun. Auch die Zeit des Polyesters war nicht unbedingt seine. Vor allem die Engländer spielten oft in Kleidung, „die einfach nicht nass wurde“, sagt er: „Der Schweiß lief dann am Körper runter. Richtig unangenehm!“

Weitere Trikot-G‘schichten: Von denkwürdigen Spielen – etwa dem Halbfinal-Rückspiel 1987 gegen Real, in dem Augenthaler vom Platz gestellt wird – hat Augenthaler keine Trikots gesammelt. „Da war ich stur, eitel, stolz“, sagt er. Und ein schwarz-gelbes Shirt von Borussia Dortmund suchte man in der legendären Sammlung auch vergeblich („dabei war ich als Jugendspieler BVB-Fan“). Man könnte ewig zuhören – und man glaubt ihm auch seinen Abschluss-Satz aufs Wort: „Ich habe daheim noch einen anderen Schrank mit Andenken wie Wimpeln und Zinntassen gehabt. Der allerdings ist verstaubt.“

Wann immer er im Kopf noch mal zurück auf den Platz wollte, ging die Tür zu den Trikots auf.

Getauschtes Real-Trikot von 1985. Neben dem Bayern-Rot tendiert unser Ex-Kapitän modisch zu königlichem Weiß

Der Fotograf: Constantin Mirbach
Set-Styling: Karolin Helou
Foto-Assistentin: Liska Henglein