
Udo Luy ist Mythenprüfer aus Überzeugung: Anhand alter Zeitungen und seines umfangreichen Archivs hat er zahlreiche Vereinsgeschichten überprüft und korrigiert – auch die des FC Bayern. Früher sammelte Luy seltene Schmetterlinge, heute gilt er als einer der genauesten Historiker des Sports. Unser Mitgliedermagazin 51 zu Besuch bei einem Mann, der sich der Wahrheit verschrieben hat.
Man würde heute kaum glauben, dass sich dieses Leben einmal um etwas anderes als Fußball gedreht hat. Doch tatsächlich gab es lange Jahre, in denen das runde Leder im Hause Luy im beschaulichen Kleinrinderfeld südwestlich von Würzburg nur eine Nebenrolle spielte. Auf den knapp 20 Quadratmetern, auf denen heute mehr als 200 Ordner, Bücher und ein Computer mit über einem Terabyte Daten stehen, sah es bis ins Jahr 2000 völlig anders aus. Keine Spielergebnisse, keine Kreuztabellen, keine hundert Jahre alten Zeitungen und seltenen Fotos – sondern 200 Setzkästen voller Schmetterlinge. Udo Luy, in dessen Briefkopf heute „Fußball-Historiker“ steht, hat sie irgendwann alle an ein Museum in Florida abgegeben. Fast 70.000 Einzelstücke waren es. Aber Luy sagt ganz bescheiden: „Ich hatte nur Bläulinge.“
Es lohnt sich, tiefer in die Materie der Schmetterlinge einzutauchen, um zu verstehen, wie Udo Luy tickt, als Mensch und Sammler. Rund 180.000 Arten gibt es auf der Welt, aber weil nur 5.000 davon Bläulinge sind, war seine Arbeit eine Teilforschung. Der nächste Schritt – die Anschaffung eines speziellen Rastermikroskops – hätte einen hohen Kostenaufwand mit sich gebracht. Also ließ Luy es sein – und kam über Umwege dort an, wo er heute ein echtes Unikat ist: in der historischen Fußballforschung, die natürlich auch den FC Bayern betrifft. Und zwar Tag für Tag.
Dort, wo die Geschichte unseres Vereins beheimatet ist, kennt man Udo Luy nicht nur gut, es wird auch in höchsten Tönen von ihm geschwärmt. „Er ist einer der wenigen in der Branche, der denkt wie wir“, sagt Alexa Gattinger aus dem Team des FC Bayern Museums und bezeichnet den pensionierten Großhandelskaufmann als „totalen Forschergeist“. Sein Kerngebiet: die Anfänge des deutschen Fußballs, und „auf Mythen“, sagt Gattinger, gebe Luy „gar nichts“. Der Mann kriegt einen Auftrag, dann taucht er ab, bis er gefunden hat, was er sucht. Und auch wenn er am Ende nicht immer das liefert, was alle gern hören wollen: Luy lebt dafür, Rätsel der deutschen Fußballgeschichte zu lösen. So manche Vereinschronik musste wegen seiner detailversessenen, haargenauen Arbeit schon umformuliert werden.

Er selbst ist Fan des 1. FC Köln, aber in der Branche bekannt wie ein bunter Hund. Auch die Verbindung zum FC Bayern besteht schon seit knapp zehn Jahren. Als Exponatgeber für das Museum wurde er 2017 zum Spiel seiner Kölner in die Allianz Arena eingeladen. Weil er gerade sein Buch „Fußball in Süddeutschland bis 1907“ fertiggestellt hatte – eines von bislang 21 –, war er gut im Thema. Aber als er die Mitarbeiter auf einen Fehler in der Liste aller Spiele des FC Bayern aufmerksam machte, stieß er zunächst nicht wirklich auf Gehör. „Scherzhaft sagte damals jemand zu mir: ,Aber Herr Luy, wenn Ihnen noch mehr auffällt, müssen wir unsere gesamte Geschichte umschreiben.‘“ Ganz so ist es nicht gekommen. Trotzdem gibt es da ein paar Sachen aus den letzten 125 Jahren FC Bayern, die Luy neu herausfinden, aufdecken oder gar berichtigen konnte.
Acht Stunden Recherche pro Tag
Die Zusammenarbeit funktioniert – verglichen mit all den penibel geordneten Dokumenten in Luys Sportzeitungs-Archiv bis 1944 – formlos. Eine Anfrage per Mail – und Luy legt so schnell los, wie es seine To-do-Liste zulässt. Mails von ihm starten gern mit Sätzen wie: „Ich habe heute Morgen bereits vier Stunden Zeit damit verbracht, nahezu 200 Ausgaben der ‚Süddeutschen Sportzeitung‘ und von ,Fußball und olympischer Sport‘ zu durchforsten.“ Es ist für ihn beruhigend, sagt er, „in einer Zeitung von 1908 zu blättern“. Er lacht: „Da muss ich die von heute gar nicht aufschlagen.“
Ist er einmal dabei, vergisst er die Zeit, dabei klingen sechs bis sieben Stunden Arbeit pro Tag wie ein Vollzeitjob. Die Frage nach der Ehefrau muss kommen, na klar! Aber Luy kann beruhigen: „Wir verbringen schon viel Zeit miteinander. Gehen spazieren und fahren in den Urlaub.“ Auch am Tisch, sagt er, „geht es um etwas anderes als Fußball“. Muss es auch, denn keines seiner drei Kinder und keiner der fünf Enkel teilt seine Leidenschaft. Ein bisschen traurig sei es schon, dass sein „Fanatismus nicht zur Fußballbegeisterung im Haus beigetragen“ hat. „Aber alle sind stolz auf mich.“ Und das ist schon eine Menge wert.
Denn es gab durchaus Phasen im Leben der Familie Luy, da war der Papa nicht so viel zu Hause. Um sich das „einmalige Werk in Deutschland“ aufzubauen, reichte es freilich nicht, in seinem kleinen Zimmer zu hocken. Das Pressearchiv der Deutschen Sporthochschule Köln hat er so gut wie dupliziert. „Inzwischen muss ich nicht mehr in Bibliotheken“, sagt er. „Was ich nicht habe, gibt es auch nicht.“
Luy hat einen unverstellten Blick auf die Geschichte – und möchte denjenigen helfen, die ticken wie er selbst: „Der FC Bayern ist ein Verein, für den ich gern etwas tue, weil ich merke, die machen wirklich was.“ Historische Arbeit ist kleinteilig, auch in unserem Club. Und je tiefer man gräbt, desto mehr geht es um Details. Luy hat 21 Bücher über die sieben verschiedenen Fußballverbände des Deutschen Kaiserreichs geschrieben, mittels Zeitungsrecherche hat er jede Partie gelistet, kennt die Spielorte. Aber er liebt es, wenn er „richtig gefordert“ wird.

Anfragen aus München sind nicht immer leicht für ihn, denn bis 1903 gab es in Süddeutschland keine Sportzeitung. Aber es gab Berliner Zeitungen, „die viel über die Bayern berichtet haben“. Ein Mannschaftsbild im Gründungstrikot, das im Archiv auf 1903 datiert war, konnte er beispielsweise schon 1900 in der Zeitschrift „Sport im Bild“ finden. Die Liste der Vorstandschaft bis 1914 ist jetzt „zu 90 Prozent“ vollständig. Und auch die Frage, ab wann auf dem Sportplatz an der Clemensstraße gespielt wurde, ist dank ihm geklärt. Man würde sich nie trauen, die Frage zu stellen, ob ein Jahr hin oder her denn so entscheidend sei. Es war 1901. Punkt.
Archivlücken und Folgefehler
Ein besonders großes Thema ist die Festschrift zum 25-jährigen Jubiläum – da allerdings geht es dem FC Bayern wie diversen anderen Vereinen. Auch in den Vorworten von Luys Büchern ist zu lesen, was er den großen Vereinen predigt: „Dass man die Archivführung einst nicht so genau genommen hat.“ Wenn es eine Buchführung gab, war sie lückenhaft. Standen runde Jubiläen an, wurde aus Erinnerungen berichtet, die keinen Anspruch auf Exaktheit hatten. Und dann passierte halt, was Luy fast körperlichen Schmerz bereitet: „Was zu Papier gebracht wurde, ob richtig oder falsch, schrieb künftig der eine vom anderen ab.“
In der Schule würde man sagen: klassischer Folgefehler. Um diese nach und nach aufzudecken, ist Luy da. Tatsächlich aber gibt es auch Fälle, in denen akribisch arbeitende Historiker „genauso auf die Nase fallen“ wie die Autoren damaliger Festschriften. Sind Fotos schon in Zeitungen falsch datiert, kommt auch Luy an seine Grenzen. Ob er dann lacht oder weint? „Zumindest zufrieden bin ich nicht.“

Apropos Zufriedenheit: Was er nicht klären kann, wurmt ihn. Und der Fall, den er als Beispiel nennt, charakterisiert Luy bestens. Er stammt aus dem olympischen Fußballturnier 1912 in Stockholm, in dem ein gewisser Gottfried Fuchs im Spiel gegen Russland zehn Tore zum Endstand von 16:0 für Deutschland erzielte. Luy hat Zeitung um Zeitung gewälzt, nicht umsonst nennt er sich „Papier-Liebhaber“, aber was er auch tut: Er kommt nur auf neun Tore des Karlsruhers und sagt: „Ich kann es nicht klären. Das ist unbefriedigend.“
Selbiges gilt übrigens für das gesamte Internet. Luy sagt zwar offen: „Bei Wikipedia sträuben sich meine Haare.“ Aber die vielen Fehler kann er nicht beheben, denn so viel Zeit hat er „nun wirklich nicht“. Lieber weist er Vereine auf Lücken oder Fehler hin. Wer ihm etwas gibt, bekommt auch etwas zurück. Vielmehr ärgert es ihn jedoch, wenn Vereine oder Verbände seine Recherchen nicht ernst nehmen. Nach dem Motto: Nein, danke, unsere Geschichte steht schon.
Die Bayern sind anders; offener, kritikfähiger. Und so erlebte auch Luy in München einst einen kleinen persönlichen Ritterschlag. Ein paar Jahre nach seinem ersten Vorstoß beim Besuch 2017 nahmen die Vereinshistoriker seine Änderungen in der Spielliste der ersten Jahre unseres Vereins nämlich doch dankend an. Er grinst: „Es gab einige Dreher. Und es ist schon schön, wenn man hinterher bestätigt wird.“
Hört man ihn da so sprechen, kann man sich kaum vorstellen, dass dieser Mann mal irgendetwas anderes gemacht hat. Schmetterlinge sind zwar auch schön, Bläulinge besonders – aber dieses Herz schlägt zweifellos für den Fußball. Auch wenn Luy natürlich bescheiden sagt: „Es ist nur ein Hobby.“
