
Mehr Ausstellungsfläche, ein komplett neuer Aufbau mit klarerer Struktur sowie ein deutlich moderneres Besuchserlebnis machen die Geschichte unseres Vereins im FC Bayern Museum auf besondere Art und Weise erlebbar – ein „Quantensprung“ hin zu einer visuellen, digitalen und interaktiven Ausstellung. Unser Mitgliedermagazin 51 war vor Ort und hat sich ein Bild des Umbauprojektes gemacht. Aktuell ist das Museum noch geschlossen.
Man muss genau hinsehen, aber da hinten, in der dritten Koje, da steht schon was. Eine Abtrennung ist aufgebaut, weil das, was dahinter ist, eigentlich nicht gesehen werden soll. Wer trotzdem vorbeischaut, ist mitten auf der Baustelle. Eingerollte Tapete liegt am Boden, an der Wand sieht man die geschreinerte Aussparung für einen Flatscreen; es staubt in diesem verborgenen Bereich der Ausstellung, und ja: Ab und an wird es auch mal laut. Aber gestört fühlt sich niemand. Die Menschen, die an diesem Tag durchs FC Bayern Museum schlendern, genießen ihren Besuch. Und die wenigsten von ihnen bekommen überhaupt groß mit, wofür hier gearbeitet wird.

Eine Etage weiter oben in der Allianz Arena sieht es schon anders aus. Denn an einem großen Tisch im Bürobereich der Ebene vier haben acht Personen Platz genommen, die ganz genau wissen, wofür sie arbeiten. Thomas Glas sitzt hier; neben dem Direktor Marke unseres Vereins hat Petra Leufstedt, Leiterin FC Bayern Museums, gerade das Wort, das Team der Agentur Atelier Markgraph lauscht, notiert, hakt ein. Es ist der zweite Tag des sogenannten „Schulterblicks“, eines zweitägigen Workshops, der im Zuge des aktuellen Umbaus unseres Vereinsmuseums im regelmäßigen Abstand stattfindet. Zu besprechen gibt es genug, in diesem Meeting, aber darüber hinaus auch Tag für Tag via Telefon und Videoschalte. Denn wer es sich zur Aufgabe gemacht hat, 126 Jahre Geschichte neu zu beleuchten, hat sich Großes vorgenommen. Nicht umsonst spricht Petra Leufstedt von einem „Quantensprung“, wenn sie das aktuell laufende Projekt beschreibt.
„Wir müssen uns trauen, neue Wege zu gehen.“
Ein Geheimnis ist es schon nicht mehr, und endlich kann man es auch hochoffiziell sagen: Das im Jahr 2012 eröffnete FC Bayern Museum wird ab Herbst in neuem Glanz erstrahlen. Im laufenden Betrieb – und während einer längeren Schließphase vom 13. April bis Ende Mai – finden die Umbaumaßnahmen statt. Es geht dabei um deutlich mehr als kosmetische Änderungen. Als „strukturell notwendig“ und „immanent aus dem Verein hinaus“ beschreibt Petra Leufstedt das Makeover des größten Vereinsmuseums in Deutschland. Knapp 300 Quadratmeter Ausstellungsfläche mehr, ein neuer Aufbau, mehr Klarheit, andere Gewichtungen, dazu ein deutlich moderneres, interaktives Erlebnis: Aus den Machern sprudelt es regelrecht heraus, wenn sie von ihrer Aufgabe sprechen. Man hört eine Menge Herzblut, Ideen, Kreativität, aber auch Dringlichkeit. Thomas Glas sagt: „Geschichte bleibt nicht stehen. Wenn der FC Bayern sich weiterentwickelt, muss sich auch die Erzählung weiterentwickeln. Und wir müssen uns trauen, neue Wege zu gehen.“

Dass man dazu bereit ist, ist schon seit ein paar Jahren klar. In der Museumsbranche denkt man in Dekaden, und so gibt es auch seit 2020 Pläne für eine Neugestaltung. Die Corona-Pandemie hat sie zurück in die Schubladen wandern lassen, rückblickend betrachtet sogar mehr Segen als Fluch. Die Themen Frauenfußball und Basketball, Nachhaltigkeit und Diversität, die Erinnerungsarbeit, das gesellschaftliche Engagement, vor allem im Projekt „Rot gegen Rassismus“ – all das hat in den vergangenen sechs Jahren enorme Dynamiken entwickelt.
Auch in die Optik wäre vor sechs Jahren deutlich weniger eingegriffen worden als heute. Als „visuell, digital, interaktiv“ beschreibt Thomas Glas das FC Bayern Museum der Zukunft. Was nicht bedeutet, dass die Besucher aus aller Welt – im vergangenen Jahr waren es mehr als 520.000 – mit Medieninhalten überladen werden. Im Gegenteil. Das Analoge ist mindestens genauso wichtig, nur neu gedacht. Petra Leufstedt gibt zu: „Das ist nicht ganz einfach. Die Kunst ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das müssen wir als Museumsmacher und FC Bayern-Insider schaffen.“ In der Kürze liegt die Würze. Dazu eine große Portion Authentizität und Nahbarkeit – und man nähert sich dem Ziel, das Thomas Glas formuliert: „Unser Museum soll das Selbstverständnis des FC Bayern München zeigen.“

Ein Museum für alle
Auf dem großen Tisch werden inzwischen Stoffe ausgebreitet. Auch eine Farbpalette liegt da, die Nuancen zwischen den einzelnen Seiten sind marginal. Es wird diskutiert, auch mal hitzig, aber genau so kommt man ja weiter. Die Frankfurter Agentur mit dem Expertenblick von außen, unsere Mitarbeiter aus dem Museumsteam mit der FC-Bayern-Brille. Soll also jeder, der durch das Museum gegangen ist, am Ende ein Fan sein? Thomas Glas lacht und sagt: „Nein. Aber der eingefleischte Fan aus Oberhaching soll sich genauso wohlfühlen wie der 15-Jährige, der seine drei Selfies machen will, und der Tourist aus China, der nach dem Besuch bei uns stolz ,Mia san mia‘ sagt.“
Da wären wir also beim entscheidenden Schlagwort, und Thomas Glas ist genau der richtige Ansprechpartner. Federführend hat er vor zwei Jahren eine Markenstrategie schreiben und das ‚Mia san mia‘ beleuchten lassen. Das Ergebnis: „‚Mia san mia‘ ist nie Stillstand. Unser Anspruch war und ist, immer vorwegzugehen.“ Genau das soll auch das Museum transportieren, „an egal wen da draußen“. Petra Leufstedt versteht die gesamte Ausstellung als „gefühltes ‚Mia san mia‘. Die Geschichte des Vereins wird respektvoll erzählt.“ Aber eben auf eine Art und Weise, die zeitgemäß ist. „Wachstum bedeutet nicht nur mehr Quadratmeter, sondern mehr Perspektiven“, sagt Leufstedt.

Also doch mal einen Blick hineinwagen, denn ein wenig des neuen Anstrichs kann man ja jetzt schon sehen. Das Foyer ist bereits frisch gestaltet, im Zentrum der große Tresen, der die Gäste aus aller Welt empfängt. Weil die Garderoben verkleinert wurden und der Zeittunnel in die Ausstellung gewichen ist, steht man schneller mittendrin. Eine neue Nische beleuchtet die Vorläufer des Fußballs – ab dem Jahr 1900 dreht sich alles um den FC Bayern. Wieder in Zeitkojen, an der chronologischen Darstellung ändert sich nichts. Aber die vor 15 Jahren entstandene visuelle Wiedererkennung ist gewichen.
Allee der Triumphe
Wer in einem bestimmten Zeitraum steht, bekommt alles serviert, was den FC Bayern damals geprägt hat, aber auch die zeithistorische Einordnung – und zwar für alle Sinne. Die Anfangsjahre unseres Vereins werden in einem holzvertäfelten Raum präsentiert, die ersten Erfolgsjahre haben analog den „Rothosen“ einen rot-weißen Anstrich. So wird es weitergehen bis in die jüngsten Erfolgsjahre. Petra Leufstedt sagt: „Jeder wird sehen, dass es ein neuer Look ist. Das Beste aus dem alten Museum aber haben wir mit in die Neuzeit genommen.“
So auch die „Hall of Fame“, die weiterhin das Zentrum des Museums bleiben wird. Allerdings soll sie emotionalisiert, vergrößert, in eine neue Dimension gehoben werden. Thomas Glas verrät sogar: „Es kann gut sein, dass der eine oder andere dazukommt.“ Namen werden freilich nicht genannt, aber dass eine berühmt-berüchtigte Flügelzange die bisher 18 Spieler zählende Ruhmes-halle passend erweitern würde, ist jedem bewusst. Sie würde sich auch gut nahe der Präsentation aller Champions League-Pokale machen, die geplant ist. Sechs Henkelpötte auf einmal – imposant!

Der Rest der Pokale soll auf der sogenannten „Via Triumphalis“ bleiben. Allerdings wird diese zur Allee. Nicht mehr in einer, sondern dann in zwei Reihen werden jede gewonnene Meisterschale und jeder DFB-Pokal abgebildet – obwohl der FC Bayern mehr hat als alle anderen. „Man kann es sich leisten, man will es sich leisten, denn die Trophäen sind das Sinnbild unseres Strebens“, sagt Petra Leufstedt. Es geht nicht darum zu klotzen, sondern das Erreichte zu würdigen. Jeder Titel hat und hatte etwas für sich.
Spiel mit offenem Visier
Die neue Struktur lässt sich auf den Plänen von Atelier Markgraph gut erkennen. Die Zeitkojen laufen unter den Schlagworten „lernen und erleben“, auf der gegenüberliegenden Seite der Ausstellung werden die Besucher „verstehen und begreifen“. Ein Beispiel für die ergänzenden Inhalte ist die Erinnerungsarbeit, die innerhalb des Vereins im vergangenen Jahrzehnt einen immer höheren Stellenwert eingenommen hat. Man spielt „mit offenem Visier“, sagt Petra Leufstedt. „Eine würdige und ehrliche Aufarbeitung“ der NS-Zeit ist essenziell.
Das Feedback übrigens gab es aus allen Zielgruppen, die in den vergangenen Jahren befragt wurden. Über 60 Prozent der Besucher sind international, es kommen Jung und Alt, Fan und (noch) Nicht-Fan. Neben Besucherumfragen hat vor allem ein Workshop mit zwölf Mitgliedern des FC Bayern TEENS CLUB viel Output geliefert. Ein „Meet & Greet“ mit Spielern stünde natürlich über allem, meinen die Teens, aber Thomas Glas sagt: „Sie wollen auch das Historische sehen. Ein gutes Beispiel: Wie sahen die Trikots früher aus?“ Antworten gibt es an der Trikotwand. Der Tag war wichtig für das ganze Team, die Erkenntnisse fließen seitdem mit ein. Denn die Zielgruppe der Zukunft hat großes Gewicht.

Man sieht sie auch an diesem Tag im Museum. Viele junge Menschen schlendern vorbei, sie sind interessiert, wissbegierig, und Thomas Glas hat mit seinem Museumsteam ein klares Ziel: „Ich möchte, dass jedes Kind, das in München und im Speckgürtel zur Schule geht, einmal bei uns war. Da geht es nicht darum, dass er danach alle Erfolge vorbeten kann, sondern die Werte mitnimmt.“
Sie sind im Fußball gewachsen, wirken aber weit in die Gesellschaft hinein. Adressaten also kann es nicht genug geben. Vielleicht werden es nicht alle Besucher in Worte fassen können. Aber wenn „jedem, der bei uns war, am Ende warm ums Herz ist, haben wir alles richtig gemacht“, sagt Thomas Glas. Hinter den Trennwänden – aber vor allem am großen Tisch, an dem das FC Bayern Museum der Zukunft entstanden ist.