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Entstehungsgeschichte

Von der Idee zum Kurt-Landauer-Denkmal

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Als er schließlich auf seiner Betonbank fest verankert war, streichelten sie ihm nochmal liebevoll über den Kopf. Künstler Karel Fron ebenso wie die beiden Kunstgießer. Wochen- und monatelang hatten sie ihn in ihren Händen gehabt, hatten an und mit ihm gearbeitet. Mitte Mai montierten sie den bronzenen Kurt Landauer auf dem Trainingsgelände des FC Bayern. Fast 100 Kilogramm schwer sitzt er nun an der Säbener Straße. Dort also, wo der Ehrenpräsident dem FC Bayern 1949 ein Zuhause gegeben hat und wo auch er jetzt zuhause ist.

Vor fast zwei Jahren, im Sommer 2017, entstand bei Bayern-Fans die Idee, Kurt Landauer ein Denkmal zu setzen. Es sollte so ähnlich sein wie das für Monaco Franze, der an der Münchner Freiheit an einem Caféhaus-Tisch sitzt. Auch Landauer sollte dazu einladen, sich neben ihn zu setzen und mit ihm gemeinsam zufrieden auf sein Lebenswerk, die Säbener Straße, zu blicken. „Wir sind das Ganze natürlich total naiv angegangen“, erinnert sich Simon Müller von der Kurt Landauer Stiftung, „am Anfang dachten wir, in drei Monaten haben wir das.“ Es hat dann doch ein bisschen länger gedauert.

Die eigentliche Arbeit begann im Oktober 2017, als sich die Bayern-Fans mit ihrer Vorstellung an den renommierten Münchner Künstler Karel Fron wandten. Er hat danach alles über Landauer gelesen, was er in die Hände bekam. Auch den Spielfilm über den langjährigen FCB-Präsidenten (1913-14, 1919-21, 1922-33, 1947-51) hat er sich angesehen. „Kurt Landauer war ein unglaublich mutiger Mensch“, findet er. Die Nationalsozialisten haben ihm alles genommen: Vermögen, Beruf, Familie – vier seiner Geschwister wurden umgebracht. „Was hat er denn noch gehabt nach dem Krieg?“ Trotzdem kehrte Landauer 1947 in seine Heimat nach München zurück und wurde noch einmal FCB-Präsident. Diesen Mut im Denkmal sichtbar zu machen, dazu Landauers Stärke, seinen Stolz, seine Leidenschaft – das war Fron wichtig. „Am Ende muss das Denkmal so komplex wie eine Symphonie sein. Ein Monument für einen Wahnsinnsmenschen.“

Für einen Künstler wie Fron war die Idee der Fans nur die Grundmelodie, die er zu einer Komposition ausbaute. Wie gibt man der Figur Charakter? Und welchen? Wie soll Landauer überhaupt aussehen? Nur acht Fotos vom ehemaligen Bayern-Präsidenten konnten aufgetrieben werden, die sich für die Arbeit am Denkmal eignen. Alle zeigen nur den Kopf, höchstens noch die Brust Landauers. Mal ist er jünger, mal älter, mal beleibter, mal schlanker, mal trägt er Hut, mal nicht. „Anfangs war alles unklar“, erzählt Fron, der aber von der Aufgabe fasziniert war. „Was mir unheimlich gefallen hat: Es ist kein Denkmal aus Schuld, sondern aus Bewunderung!“

Also machte er sich an die Arbeit, fertigte unzählige Skizzen an, baute kleine Modelle aus Holz, Pappe und Alufolie, war im ständigen Austausch mit der Kurt Landauer Stiftung, die wiederum mit dem FC Bayern in Verbindung stand. Ideen wurden geboren und wieder verworfen. Es war ein ständiger Prozess. Auch als Fron über ein Jahr später, Anfang Dezember 2018, den ersten Ton verarbeitete, ihn an ein Metallskelett anbrachte, mit seinen Händen modellierte, stand die Endform noch nicht fest. Wie hält Landauer die linke Hand? Welche Kleidung trägt er? Wie ist sein Gesichtsausdruck? „Manchmal setze ich mich vor ihn, schaue ihn an und warte, dass er zu mir spricht“, so Fron.

Die Haltung der linken Hand hat er nun der Hand von Michelangelos berühmter David-Statue nachempfunden, als Sieges-Symbol und Verweis auf Landauers jüdische Herkunft. Mit der rechten Hand stützt Landauer sich auf die Bank, sie liegt über einem Spalt, der für die NS-Zeit steht. Eine Zeit, über die Landauer eine Brücke schlägt, mit der er durch seine Person versöhnt. „Mit all dieser Symbolik hat Karel das Denkmal unheimlich aufgewertet“, sagt Simon Müller.

Anfang April dieses Jahres zog das fertige Tonmodell, das als Vorlage für den Bronzeguss dient, um vom Atelier des Künstlers im Herzen Münchens ein paar Straßen weiter in die Kunstgießerei. Dort wurden zunächst verschiedene Formen aus Silikon und Wachs angefertigt, ehe das Denkmal im Wachsausschmelzverfahren mit 1.250 Grad heißer flüssiger Bronze gegossen wurde. Zehn Tage lang kühlte es ab und härtete es aus. Anschließend wurde es ziseliert, poliert und mit einer klassisch braunen Patina versehen, die in den kommenden Monaten und Jahren noch dunkler werden wird.

Jetzt sitzt Kurt Landauer also an seinem Platz. Fast 100.000 Euro hat er gekostet, komplett finanziert durch die Fans des FC Bayern, als Geschenk an den Verein. Idee, Gestaltung, Guss – alle Schritte auf dem Weg zum Denkmal fanden in München statt. Der bronzene Kurt ist ein echtes Münchner Kindl.

 

Das Kurt-Landauer-Denkmal, Wiederentdeckung des ersten FCB-Fußballplatzes, Grabpflege bei Landauer, Maria Meissner und einiges mehr – die Kurt Landauer Stiftung ist seit ihrer Gründung 2017 in zahlreichen Projekten aktiv. Weiter Informationen gibt es auf ihrer Homepage und Facebook-Seite.

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