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Michael Rechner beim Schuss während einer Trainingseinheit des FC Bayern
© FC Bayern

Michael Rechner im Interview: So trainiert der FC Bayern seine Torhüter

Keine Position auf dem Spielfeld hat sich in den vergangenen 20 Jahren so stark verändert wie die des Torwarts. Im FC Bayern-Mitgliedermagazin „51“ spricht Torwarttrainer Michael Rechner über modernes Goalkeeping und seine tägliche Arbeit mit Manuel Neuer, Jonas Urbig und Sven Ulreich.

Das Interview mit Michael Rechner

Michael, du arbeitest mit Manuel Neuer – dem Torhüter, der das moderne Spiel geprägt hat wie kein anderer. Wie macht man ihn noch besser?
Michael Rechner: „Mit Manu ist die Zusammenarbeit sehr einfach. Er ist extrem offen, fleißig und will trotz seiner 39 Jahre jeden Tag besser werden. Er möchte immer gewinnen, egal ob beim Trainingsspiel, Fußballtennis oder Tischtennis. Man spürt ständig seine positive Besessenheit. Es ist faszinierend, ihn täglich zu erleben. Er hat einen sehr sachlichen Torwartstil, komplizierte Dinge sehen bei ihm einfach aus. Da kommt ein Schuss, und er drückt sich da nicht spektakulär ab, sondern fährt einfach seine Pranke aus, um den Ball im Stand über die Latte zu lenken. Und dann kommen Bälle, bei denen man denkt: schwer zu halten – er pariert sie trotzdem. Manu ist einfach der beste Torwart der Welt.“

Der FC Bayern hatte immer große Torhüter: Sepp Maier, Jean-Marie Pfaff, Oliver Kahn, heute Manuel Neuer. Siehst du einen roten Faden?
„Ja: Persönlichkeit. Es sind unterschiedliche Charaktere und Generationen, aber alle haben eine besondere Ausstrahlung. Das spürt man bei Manuel Neuer genauso wie bei Sepp Maier, den ich hier schon ein paarmal getroffen habe. Natürlich hat sich das Torwartspiel verändert. Mit der Rückpassregel Anfang der 90er wurde der mitspielende Torwart wichtiger. Sepp Maier durfte Rückpässe ja noch mit der Hand aufnehmen. Aber in alten Aufnahmen von ihm sieht man: Er hat damals schon gut mitgespielt, ist Bälle hinter der Kette abgelaufen, hat Flanken weit vor dem Tor abgefangen. Er war seiner Zeit voraus.“

Jonas Urbig hält einen Ball im Training des FC Bayern.
„Allein die tägliche Zusammenarbeit mit Manu macht Jonas besser“, sagt Torwarttrainer Michael Rechner. | © FC Bayern

Wie definierst du modernes Torwartspiel?
„Oft wird modernes Torwartspiel aufs Mitspielen reduziert. Aber ein Torwart muss heute komplett sein: Torverteidigung, Raumverteidigung, Spieleröffnung. Dazu Athletik – Sprungkraft, Beweglichkeit, Explosivität – und mentale Stärke. Es gehört alles zusammen: Technik, Taktik, Körper und Psyche.“

Was erwartet Vincent Kompany von seinen Torhütern?
„Bei eigenem Ballbesitz hat der Torwart bei uns eine zentrale Rolle: Er ist immer der Überzahlspieler. Der Torwart hilft, in Ballbesitz zu bleiben und das Spiel schnell nach vorne zu bringen. Dazu kommt: Wir spielen mit einer sehr hohen Abwehrkette, dadurch entsteht ein großer Raum zwischen Kette und Tor – und den muss der Torwart verteidigen. Mit hohem Stellungsspiel, Mut und gutem Lesen des Spiels. Die wichtigsten Erwartungen an den Torhüter sind also sehr gute fußballerischen Fähigkeiten, Spielintelligenz und starkes Raumverteidigen.“

Gegen Stuttgart hat Jonas Urbig mit einem langen Ball sogar ein Tor eingeleitet.
„Seit Vincent Kompany da ist, haben Manu und Jonas schon viele Torchancen auf diese Weise ermöglicht. Aber ein gezielter langer Ball hinter die Pressingkette des Gegners ist nur eine Variante. Wir wollen variabel sein und den Ball auch flach zur Sechs ins Zentrum spielen. Dafür braucht es in Drucksituationen auch Mut. Solche Prinzipien trainieren wir – und es ist schön, wenn es dann wie gegen Stuttgart funktioniert.“

Michael Rechner während einer Trainingseinheit des FC Bayern
© FC Bayern
Generell macht die Spieleröffnung heutzutage rund 75 Prozent des Torwartspiels aus, beim FC Bayern sind es sogar rund 85 Prozent. Ein extremer Wert.

Michael Rechner

Du arbeitest gern datenbasiert. Wie drückt sich das Mitspielen des Torwarts in Daten aus?
„Generell macht die Spieleröffnung heutzutage rund 75 Prozent des Torwartspiels aus, beim FC Bayern sind es sogar rund 85 Prozent. Ein extremer Wert. Auch die Laufleistung ist gestiegen: Unser Torhüter läuft im Spiel über sechs Kilometer, häufig in hoher Geschwindigkeit, weil er ja ein sehr hohes Stellungsspiel hat, immer wieder weit aus seinem Tor herauskommt und dann wieder zurücklaufen muss.“

Wenn die Spieleröffnung 85 Prozent des Torwartspiels ausmacht, wie viel Raum nimmt dieser Bereich im Training ein?
„Nicht so viel, wie man vermuten könnte. Für den Spielausgang haben nämlich Tor- und Raumverteidigung einen höheren Stellenwert als die Spieleröffnung. Beim 2:1 gegen Paris hat Manu zum Beispiel zwei, drei Bälle herausragend pariert – das sind spielentscheidende Aktionen. Deswegen müssen Tor- und Raumverteidigung im Training zeitlich einen höheren Anteil haben als die Spieleröffnung. Trotzdem integrieren wir die Torhüter so oft wie möglich in spezifische taktische Übungen mit der Mannschaft, in denen es um Eröffnung und Positionsspiel geht.“

Sven Ulreich pariert einen Ball in einer Trainingseinheit des FC Bayern.
Abschlüsse aus wenigen Metern sind ein elementarer Teil im Torwarttraining des FC Bayern. | © FC Bayern

Man sieht Manuel Neuer häufig weit vor seinem eigenen Strafraum. Wie hoch darf der Torwart stehen?
„Das ist von der Situation abhängig. Wir wollen ein mutiges Stellungsspiel, um den Raum zwischen Mittellinie und eigenem Tor gut zu verteidigen – aber die Balance muss stimmen, um die Gefahr zu minimieren, bei Ballverlust überspielt zu werden oder einen zu langen Weg zurück zu haben.“

Manuel Neuer ist diese Balance in Fleisch und Blut übergegangen. Jonas Urbig dagegen ist noch ein junger Torwart. Wie lernt er, wo er stehen muss?
„Wir haben Jonas lange beobachtet und gesehen, dass er die Qualität hat, eine ähnliche Spielweise wie Manu umzusetzen. Zu Beginn haben wir viele Video-Analysen mit ihm gemacht, Szenen von Manu genauso wie von ihm. Im Training geht es dann darum, die taktische Arbeit zu vertiefen. Allein die tägliche Zusammenarbeit mit Manu macht Jonas besser. Das habe ich schon während meiner Zeit in Hoffenheim erlebt, wo Gregor Kobel aus der Jugend kam und sehr viel von Oliver Baumann gelernt hat. Und dazu kommt: Auch Jonas hat diesen eigenen Antrieb, sich ständig verbessern zu wollen. Das ist ein entscheidender Schlüssel.“

Die Torverteidigung ist das klassische Torwartspiel schlechthin. Trainiert man das noch genauso wie vor 20 Jahren?
„Eine gute Fangtechnik, ein sauberer Abdruck, das Verhalten in Eins-gegen-eins-Situationen – das ist heute noch genauso wichtig wie früher. Wir arbeiten viel mit Abschlüssen aus drei, vier, fünf Metern, denn da braucht man verschiedene Techniken: Reaktion mit Fuß oder Hand, schnelles Abtauchen. Diese Abläufe trainieren wir ständig, damit sie automatisiert ablaufen. Ich binde ins Techniktraining außerdem gern kognitive Aufgaben ein. Denn der Kopf spielt eine große Rolle: wahrnehmen, verarbeiten, entscheiden.“

Manuel Neuer dribbelt mit dem Ball in einer Trainingseinheit des FC Bayern.
© FC Bayern
Manu bleibt auch deshalb Weltklasse, weil Jonas und Ulle ihn jeden Tag fordern. Sie legen die Latte sehr hoch.

Michael Rechner

Kommt hier die berühmte Brille ins Spiel, die deine Torhüter im Training manchmal tragen?
„Ganz genau. Die Brille schränkt das Sichtfeld ein. Studien zeigen: Ist die Wahrnehmung eingeschränkt, werden im Gehirn zusätzliche Areale aktiviert. Trainiert man das regelmäßig, verbessert sich die Wahrnehmung. Bei einem Rückpass zum Beispiel muss der Torwart erfassen, ob das Fenster zwischen den Gegenspielern groß genug ist für den flachen Ball auf die Sechs. Bei Schüssen aus der Nahdistanz muss er erkennen: Kommt der Ball körpernah oder weiter außen? Reagiere ich mit der Hand oder dem Fuß? Muss ich abtauchen? Distanz, Winkel, Schussgeschwindigkeit, Ballhöhe – all das nimmt der Torwart wahr, muss es verarbeiten und die richtige Technik auswählen. In Millisekunden. Ständige Wiederholungen plus kognitives Training machen einen Torwart wirklich besser.“

Wenn du über deine Torhüter sprichst, bezeichnest du euch gern als Team. Warum ist dir das wichtig?
„Ich bin seit 19 Jahren Torwarttrainer und habe die Erfahrungen gemacht: Durch eine positive Atmosphäre entsteht viel Energie. Man pusht sich gegenseitig, alle profitieren davon. Ich bin auch ein großer Freund klar definierter Rollen. Manu ist die Nummer 1, Jonas die Nummer 2 und Sven Ulreich die Nummer 3. Das heißt aber nicht, dass es keine Konkurrenz gibt. Manu bleibt auch deshalb Weltklasse, weil Jonas und Ulle ihn jeden Tag fordern. Sie legen die Latte sehr hoch.“

Blicken wir noch kurz in die Zukunft: Wie wird das Torwartspiel in 10, 15 Jahren aussehen?
„Ich glaube, das Spiel wird noch schneller werden. Es wird noch mehr darauf ankommen, im Kopf ebenfalls schneller zu sein. Durchaus möglich, dass sich auch die eine oder andere Regel ändert, wie zuletzt die Abstoßregel. Heute kann ein Innenverteidiger den Torwart im Strafraum anspielen. Das führt zu neuen Situationen und Lösungen. Es bleibt spannend.“

Das komplette Interview gibt es in der Januar-Ausgabe des FC Bayern-Mitgliedermagazins „51“.

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