
In einem kleinen, unbeugsamen Viertel im Herzen von Brüssel trotzt ein Traditionsclub seit Jahren den etablierten Vereinen: Royal Union Saint-Gilloise. USG ist im engen Kiez von Saint-Gilles zwischen Cafés und Kopfsteinpflaster verwurzelt, aber dennoch vernetzt mit der weiten Fußballwelt – und schrieb 2025 eine Heldensaga, die selbst Asterix gefallen hätte. Am 21. Januar spielen sie in der Allianz Arena vor.
128 Jahre sind mittlerweile seit der Gründung von Royale Union Saint-Gilloise im Jahr 1897 vergangen – die meiste Zeit davon dümpelte man jedoch zwischen der zweiten und vierten Liga in den Niederungen des belgischen Profifußballs. Umso größer war die Wucht, mit der die USG im Mai 2025 Geschichte schrieb: Der Club, der erst 2021 nach fast einem halben Jahrhundert wieder in die erste Liga aufgestiegen war, sich in kürzester Zeit zum Spitzenteam entwickelte und dann drei Spielzeiten in Folge jeweils kurz vor dem Ziel dramatisch eingebrochen war, erfüllte sich endlich den Traum vom Meistertitel. 90 Jahre lang hatte man in Saint-Gilles, einem Stadtviertel von Brüssel mit knapp 50.000 Einwohnern, nichts zu feiern gehabt. Die Rekordtorschützen und Clublegenden, wie etwa die Vanderstappen-Brüder Gustave und Charles, wurden nicht selten im 19. Jahrhundert geboren. Der Club stand mehrfach am Abgrund. Vor 20 Jahren entging er dem Abstieg in die vierte Liga nur dank der Insolvenz eines Rivalen. Entsprechend groß war die Euphorie in dem Viertel, das für den dörflichen Charme bekannt ist, den großen Südbahnhof mit Direktverbindung nach London und die Kirche Saint-Gilles, die Kiez und Club den Namen gibt.

Das 1919 erbaute Joseph-Marien-Stadion von USG fasst nur 9.400 Zuschauer. Eine Tribüne steht unter Denkmalschutz, ihre Sitzreihen verschmelzen mit dem angrenzenden Hügel – ein Bild aus einer anderen Zeit. „Das Stadion ist alt und dörflich“, sagt der belgische TV-Experte Alex Teklak, der viele USG-Spiele begleitet. „Die Fans sprechen von diesem Ort wie vom Paradies. Saint-Gilloise, das ist eine andere Welt.“ Im „Marien“ herrscht eine einzigartige familiäre Atmosphäre, die eher an ein Dorffest als an Hochglanz-Fußball erinnert. Bierkrüge, Rauchtöpfe, Pyrogeruch – jedoch ohne jede Feindseligkeit. Im Publikum sitzen viele Frauen, Kinder und ältere Menschen – alle befolgen den Ehrenkodex, der Pöbeleien, Aggression oder abfällige Gesten verbietet. So weit, so idyllisch. Aber USG ist noch aus anderen Gründen ein hochinteressanter Club.
Datenanalyse und Bauchgefühl
2014 kaufte der deutsche Unternehmer Jürgen Baatzsch den damals unterklassigen Verein für den symbolischen Preis von einem Euro. Das Stadion war heruntergekommen, die Strukturen brüchig. Baatzsch investierte zunächst in Basisarbeiten – und leitete damit die Renaissance von USG ein. Im Jahr 2018 verkaufte Baatzsch seine Anteile an Tony Bloom, einen britischen Unternehmer, der ein internationales Club-Netzwerk aufgebaut hat und Mehrheitsanteile bei Brighton & Hove Albion und Minderheitsbeteiligungen bei Heart of Midlothian (Schottland) und Melbourne Victory (Australien) hält. Um den UEFA-Regularien zu entsprechen, bleiben die Vereine formell unabhängig – doch seine Philosophie prägt sie alle: datenbasiert, strategisch, langfristig.

Bloom, der sein Vermögen unter anderem mit Poker und Sportwetten machte, betreibt mit seinem Unternehmen Starlizard eine der weltweit renommiertesten Sportdaten-Analyseplattformen. Daten sind sein Kapital – und bei USG wurden sie zum Wettbewerbsvorteil. Im Jahr 2020 entdeckten sie dank analytischer Algorithmen etwa Deniz Undav, damals Stürmer in der dritten Liga in Meppen. Undav erzielte in Belgien 17 Tore in 26 Spielen, führte die USG zurück in die erste Liga und wechselte später für sieben Millionen Euro zu Brighton – das Netzwerk wirkt.
Die Fans sprechen von ihrem Stadion wie vom Paradies. Saint-Gilloise, das ist eine andere Welt.
Alex Teklak, belgischer TV-Experte
Das Geld reinvestierte Union sofort – etwa in Victor Boniface, der für 6,1 Millionen Euro kam, sich in der Europa League empfahl und anschließend für 22,6 Millionen Euro zu Bayer 04 Leverkusen wechselte. Ein Transfermodell, das auf System basiert, nicht auf Zufall: Noah Sadiki kam 2023 für 900.000 Euro und wurde zwei Jahre später für 17 Millionen Euro nach Sunderland verkauft. Mohammed Amoura kam für 4 Millionen Euro und wechselte für den dreifachen Betrag zum VfL Wolfsburg, wo er aktuell in der Bundesliga stark aufspielt.
Zugleich blieb der sportliche Erfolg konstant: Aufsteiger, dann Vizemeister, dann Europa League, schließlich die erste Champions League-Teilnahme in der laufenden Saison. „Der Aufstieg des Vereins basiert auf einer ganz eigenen Philosophie“, fasst Teklak zusammen. „Anfangs fand ganz Belgien Union sympathisch, mittlerweile flößt der Club Respekt ein.“ Die Heimspiele in der Champions League werden im Stadion des RSC Anderlecht ausgetragen. Aber auch dort sind die Karten oft nach wenigen Stunden ausverkauft.

Trotz professioneller Strukturen und klarer wirtschaftlicher Ziele hat der Verein seine Bodenständigkeit nicht verloren. „Die Fans sind ruhig und friedlich, sie machen nie Ärger“, sagt Alex Teklak. „Es gibt eine Mischung aus alten Fans und einer neuen Generation, die hier etwas finden, was es anderswo nicht mehr gibt: Lebensfreude. Es gibt weder Hooligans noch Ultras. Kein Druck von außen, keiner von innen – der Verein kann völlig souverän arbeiten.“
Nachhaltigkeit als Identität
Zur Eigenart des Clubs gehört eine klare Haltung. Die USG beschäftigt eine Beauftragte für nachhaltige Entwicklung in Vollzeit, denkt über ein ökologisch gestaltetes neues Stadion nach und versucht, unnötigen Abfall und Ressourcenverschwendung zu vermeiden. „Die Union spielt Jahr für Jahr im selben Trikotdesign“, sagt Ex-Profi Nicolas Rajsel, der den Verein aus der zweiten und dritten Liga kennt. Das geplante Stadion soll eine modulare Tribüne erhalten, damit es europäischen Normen entspricht, ohne den Charakter des Vereins zu verlieren.

Damit diese Philosophie im Alltag verankert bleibt, setzt der Club auf Gemeinschaft: Zur Saisonvorbereitung reiste das gesamte Team – inklusive aller 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – ins Trainingslager nach Spanien. Ein seltenes Beispiel von Zusammenhalt, der über die erste Mannschaft weit hinausgeht. Parallel investierte die USG in Infrastruktur: ein modernes Trainingszentrum, eine Rasenheizung, gezielte Verstärkungen für den Kader. Es überzeugt die Fans, dass die britischen Investoren nicht auf schnellen Profit, sondern auf nachhaltigen Fortschritt setzen.
Globale Vision, lokales Know-how
Einer der Vordenker hinter ihrem Erfolg ist Sportdirektor Chris O’Loughlin. Der 47-jährige Ire hatte als Spieler nur wenig Erfolg, arbeitete dann als Trainer in Südafrika, im Kongo und in Australien, bevor er in Belgien sein Fußballglück fand. Dank seines globalen Lebenslaufes hat O’Loughlin ein hervorragendes Netzwerk. Während USG zunächst vor allem in Skandinavien und in Deutschland scoutete, ist man längst auf der ganzen Welt aktiv. In der Innenverteidigung spielt zum Beispiel Kevin Mac Allister, der Bruder des argentinischen Weltmeisters Alexis Mac Allister, der seinen Marktwert in zwei Jahren fast verdoppelt hat. Alexis spielte vor dem Wechsel zu Liverpool auch für den Bloom-Club Brighton – das Netzwerk wirkt.
Wir suchen die richtige Persönlichkeitsmischung für unsere Mannschaft.
Alex Muzio, Präsident Royale Union Saint-Gilloise
Die große Kunst von USG ist, dass sie jeden Transfersommer junge Stars an größere Clubs verkaufen – ohne dass größere Lücken entstehen. „Wir verpflichten nicht einfach eine Menge junger Spieler aus aller Welt, die alle verschiedene Sprachen sprechen, werfen sie dann zusammen und hoffen, dass es schon irgendwie klappt“, sagt Club-Präsident Alex Muzio der „New York Times“. „Wir suchen die richtige Persönlichkeitsmischung für unsere Mannschaft.“ Der Club hat ein klares Betriebssystem – und auch talentierte Trainer: In den vergangenen vier Jahren saßen vier verschiedene Coaches auf der USG-Bank, Karel Geraerts wechselte zu Schalke 04, Alexander Blessin zum FC St. Pauli, wo er Fabian Hürzeler ersetzte, der zu Brighton wechselte – das Netzwerk wirkt.

Die modernen Strukturen, das geniale Scouting und ein klares Spielsystem verhindern, dass der Club bei den vielen Wechseln die Orientierung verliert – auch wenn sie im Herbst 2024 mal nur einen Sieg aus neun Spielen holten und sich plötzlich im Mittelfeld der Tabelle wiederfanden. Im Frühjahr 2025 starteten sie eine unwiderstehliche Siegesserie. Am Ende stand die Jahrhundertmeisterschaft.
So bildet die Geschichte des Vereins heute ein seltenes Spannungsfeld: ein Kiezclub, der tief in Saint-Gilles verwurzelt ist – und zugleich ein Beispiel für moderne, datengetriebene Clubführung im europäischen Fußball. Ein Verein, der mit begrenzten Mitteln, klarer Strategie und gemeinschaftlicher Kultur Schritt für Schritt weiter wächst. „Nun wartet am 21. Januar in der Allianz Arena auf die USG das größte Spiel der Vereinsgeschichte“, sagt TV-Experte Teklak. Die Reise nach München ist nicht nur ein sportliches Highlight, sondern auch eine Art Belohnung für diesen besonderen Club, der aus seiner Vergangenheit Kraft und aus seiner Zukunft Ideen schöpft.
Der Text erschien in der Januar-Ausgabe des FC Bayern-Mitgliedermagazins „51“ – hier in einer gekürzten Fassung:



