

Am 27. März feiert Manuel Neuer seinen 40. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben wir mit dem einzigen Mann gesprochen, der wirklich versteht, was Manu „The Wall“ in seiner Weltkarriere erreicht hat und auch 2026 jeden Tag aufs Neue leistet: Gianluigi Buffon. Tanti auguri!
Das Interview mit Gianluigi Buffon
Es gibt berühmte Fußballer. Und es gibt Fußball-Ikonen, die eine Epoche geprägt und das Spiel selbst verändert haben. Gianluigi Buffon gehört klar in die zweite Kategorie. Als wir in der „51“-Redaktion darüber nachdachten, mit welchem Sportler wir über Manuel Neuers anstehenden Geburtstag reden sollten, war sofort klar: Es kann nur einen geben. Il Grande Gigi, heute 48, wurde wie Manu Weltmeister und fünfmal Welttorhüter, führte seinen Club und sein Land viele Jahre als Kapitän und brachte noch jenseits der 40 Jahre echte Top-Leistung. Als wir sein Team kontaktierten, kam sofort die Antwort: „Sì, certo.“ Für ein Gespräch über Manuel Neuer und die großen Duelle mit dem FC Bayern nimmt er sich gern Zeit. Buffon lädt das „51“-Team zur Audienz in seine Wohnung in Mailand ein – direkt im Stadtzentrum gelegen, mit Blick auf den Dom. Eine Stunde lang spricht der heutige Teammanager der Squadra Azzurra über seine Bewunderung für Manuel Neuer, das moderne Torwartspiel und den Kampf gegen die Zeit, der aussichtslos sein mag, aber nicht ohne Ehre.

Seine Einstellung gefiel mir, er hatte genau das richtige Auftreten: viel Energie und Selbstbewusstsein.Gianluigi Buffon über seine erste Begegnung mit Manuel Neuer 2011
Sie sind acht Jahre älter als Manuel Neuer. Wann haben
Sie zum ersten Mal von diesem jungen deutschen Torhüter gehört?
„Das war im Frühjahr 2011, als er mit Schalke im San Siro
gespielt hat. Er hatte einen tollen Körperbau, eine imposante Statur, und er wirkte sehr motiviert. Ein bisschen wie ich am Anfang meiner Karriere bei Parma gespielt habe. Ich lief damals immer mutig aus dem Tor, genauso wie Neuer gern
außerhalb des Strafraums spielte. Seine Einstellung gefiel mir, er hatte genau das richtige Auftreten: viel Energie und Selbstbewusstsein, manchmal an der Grenze zur Euphorie beim Rauslaufen – aber das gehört dazu, wenn man jung ist.“
Auf dem Feld begegneten Sie sich ebenfalls 2011 zum
ersten Mal, in einem Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Italien.
„Ich war sehr neugierig, ihn live zu erleben. Er hatte mir gefallen und großen Eindruck hinterlassen.“
Haben Sie Manuel Neuer die Weltkarriere, die er in den
15 Jahren seitdem hingelegt hat, schon damals zugetraut?
„Ich bin überzeugt, dass man sich nur selbst ausmalen kann, was passieren wird. Ich habe das genauso erlebt: Als junger Torhüter erwarten alle viel, und irgendwann glaubt man selbst daran, die Welt erobern zu können. Man braucht diese
Gewissheit, diese Vorstellung von sich selbst in der Zukunft. Aber die Wahrheit ist: Mit der Erfahrung merkt man, dass es immer härter wird, auf diesem Niveau zu bleiben. Mit 30 oder 31 Jahren kommen die ersten Verletzungen, vielleicht ertönt auch leise Kritik.“

Davon haben Sie und Neuer sich allerdings nie aufhalten lassen.
„Als Torhüter musst du ein sehr besonderer Mensch sein, sonst schaffst du das nicht. Einerseits, was die Technik und das Handwerk angeht, andererseits die mentale Herausforderung. Das ist der Unterschied zwischen denjenigen, die 20 oder 25 Jahre lang eine Karriere erleben oder eben nur zehn Jahre. Im Alter ist es, als würde man ein Rennen gegen die Jungen laufen – und man kann es nur hinauszögern, nie gewinnen.“
Wie findet man die Freude daran, immer weiterzumachen?
„Für mich gab es immer zwei Gründe. Zum einen: meine Mannschaftskollegen. Ich war 30 Jahre lang in Umkleidekabinen und auf Spielfeldern, und ich habe immer gemerkt, dass meine Kollegen Vertrauen in mich hatten. Solange sie gesagt haben: „Gigi ist da, er wird uns retten“, konnte ich weitermachen.“
Zweitens?
„Die Idee, mich immer weiter verbessern zu können, war entscheidend. Ich bin überzeugt davon, dass ich in vielerlei Hinsicht zwischen 38 und 45 ein besserer Torhüter war als zuvor. Ich habe viele Dinge richtig gemacht in dieser Zeit und immer etwas Neues gelernt. Und ich habe den Wettbewerb geliebt, die schwierigen Herausforderungen.“

Genau wie Sie hat Manuel Neuer in seiner Karriere nur für sehr wenige Vereine gespielt. Wie herausfordernd ist es, immer beim selben Verein zu bleiben?
„Es gibt zwei Denkweisen im Fußball. Die eine besagt, immer am selben Ort zu bleiben, sei komfortabel. Man könnte fragen: Gigi, wolltest du dich nie woanders beweisen? Nein? Es war bequem, oder? Aber 20 Jahre in einem Top-Club zu bleiben, immer wieder zu zeigen, dass man der
Beste ist, ist unheimlich schwer. Wenn man alle drei Jahre wechselt, hat man automatisch eine neue Motivation.“
In Italien gibt es viele große Club-Karrieren: Paolo Maldini war fast 25 Jahre bei Milan, Sie knapp 20 Jahre in Turin, Francesco Totti 24 Jahre bei der Roma. Was zeichnet
solche treuen Spieler aus?
„Es geht auch um Werte und Identität. Ich bin mit Juventus sogar in die zweite Liga gegangen und habe drei bis vier der besten Jahre meiner Karriere verloren. Aber es war mir wichtig, dem Verein und den Fans ein Zeichen zu geben. Und
keine Abkürzungen zu nehmen.“
Ein Vorteil ist, dass man in 10, 20 Jahren ganz unterschiedliche Phasen eines Clubs erlebt: Neuer etwa hat gleich mehrere Generationswechsel miterlebt, von Robben, Ribéry und Müller zu Kimmich und jetzt Spielern wie Musiala und Olise.
„Auch wenn ich nie beim FC Bayern gespielt habe, glaube ich, dass ich den Club doch gut verstehe, weil man ihn mit Juventus Turin vergleichen kann. Es wird einem dort nichts geschenkt, du kannst dort nur so lange bleiben, wie sie in dir einen echten,
seriösen Profi sehen. Wenn du garantierst, dass du Leistung bringst und dich richtig verhältst.“

Ist das einer der Gründe für den großen Erfolg dieser großen Vereine?
„Bayern war aus meiner Sicht immer schon deshalb stark, weil das durchschnittliche Niveau so hoch war. Es lief mal besser und mal schlechter, aber egal ob ich mich an das Olympiastadion erinnere, wo ich noch gespielt habe, oder an das Champions League-Achtelfinale 2016 in der Allianz Arena: Es war immer unglaublich anstrengend, Bayern zu schlagen. Du wusstest nicht immer mit Sicherheit, ob sie die Champions League gewinnen würden. Aber du wusstest immer: Sie warten im Viertelfinale auf dich. Zu dieser Leistung kann man dem Club nur gratulieren.“
Kommen wir zurück auf das Dasein der Torhüter: Sie sagten mal, dass Torhüter masochistisch und narzisstisch veranlagt sein müssen. Warum?
„Masochismus deshalb, weil wir uns in der Dimension eines Athleten bewegen, der sehr viel leiden können muss. Man weiß immer, wie viel man erdulden muss, um Erfolg haben zu können – und macht es trotzdem. Narzisstisch sind wir deshalb, weil wir uns sagen: Solche Dinge können nur wir tun.“
Man sieht sich als Einzelkämpfer?
„Es geht darum, diese besondere Einzelrolle zu übernehmen, unter der man leiden kann. Es gibt zehn Spieler, aber nur einen Torhüter, man muss daher den Stolz empfinden und die Gewissheit zu sagen: Ich kann diese Verantwortung übernehmen und die anderen nicht. Als Torhüter ist man allein, es gibt Momente, in denen uns niemand helfen kann. Wobei sich etwas verändert hat.“

Mit 40 bin ich gerade erst zu Paris Saint-Germain gewechselt! Ich dachte damals, dort gewinne ich noch einmal den Goldenen Handschuh als bester Torhüter.Gianluigi Buffon
Inwiefern?
„Weil moderne Torhüter ihre Rolle anders interpretiert haben, fühlten wir uns weniger allein. So wie Manuel und
ich mit der Mannschaft interagiert haben, mit unseren Verteidigern. Wir haben ihnen vermittelt, dass sie sich auf uns verlassen können – aber wir konnten uns auch auf sie verlassen.“
Manuel Neuer ist berühmt für seine Ballfertigkeit und die Rolle des „Sweeper Keeper“. Wie wichtig war er für die Veränderung der Rolle des Torhüters im Fußball?
„Ich bin in den 1990er Jahren aufgewachsen, auch da gab es schon Torhüter, die außerhalb des Strafraums gespielt haben, wie René Higuita. Ich habe als junger Spieler in Parma auch sehr unkonventionell gespielt. Nur hat der Fußballbetrieb das damals noch missverstanden.“
Bitte erklären Sie.
„Ich wurde damals als Verrückter abgestempelt. Torhüter hatten sich nicht außerhalb des Strafraums aufzuhalten. Und selbst die großen Mannschaften wollten einfach einen Keeper, der Bälle hält – mit den Händen! Aber manche Torhüter haben gespürt, dass sich etwas verändern wird, und wollten mehr am Spiel teilnehmen. Als ich jedoch zu Juventus kam, sagten sie: Gigi, wir wissen, du bist ein super Fußballer, aber zeig einfach deine Paraden. Also habe ich mich daran angepasst.“
Dann kam Manuel Neuer und bewies das Gegenteil?
„Zuerst kam Pep Guardiola. Er hat 2008 beim FC Barcelona begonnen, Víctor Valdés als Spieler mit dem Ball am Fuß zu nutzen. Und ja, dann kam Manuel, erst bei der Weltmeisterschaft 2010 und dann vor allem 2014, in diesem Spiel gegen Algerien.“

Im WM-Achtelfinale, als er mehrfach mutig aus dem Tor stürmte und mitverteidigte.
„Er hat damals den Eindruck vermittelt, ein Torwart zu sein, der das Spiel versteht. Er wusste, was passieren würde, er hat mit der Mannschaft interagiert. Mit seinem Timing, mit seiner Kraft, mit einer wundervollen Persönlichkeit hat er bewiesen, dass dies die Zukunft ist.“
Die Anforderungen an junge Torhüter sind auch wegen Vorbildern wie Ihnen und Neuer heute sehr hoch. Zu hoch vielleicht?
„Torhüter müssen heute mit den Füßen präzise spielen und trotzdem 70 bis 80 Meter weit perfekt werfen können. Aber am Ende hat sich die Basis nicht verändert: Wer hat denn in den vergangenen Jahren die Champions League gewonnen? Immer Mannschaften mit Torhütern, die außergewöhnlich gut pariert haben. Auch Neuers beste Eigenschaft ist immer noch, Paraden zu zeigen und Bälle zu halten.“
Manuel Neuer wird jetzt 40 Jahre alt …
„… da bin ich gerade erst zu Paris Saint-Germain gewechselt! Er kann also noch fünf Jahre lang weitermachen. (lacht) Nein, bitte nicht, er soll aufhören, wenn er es für richtig hält. Ich war doch ein Verrückter, ich dachte damals, wenn ich nach Paris gehe, gewinne ich noch einmal den Goldenen Handschuh als bester Torhüter.“
Wir werden Sie nicht um einen Ratschlag bitten, aber anders formuliert: Was wünschen Sie Manuel Neuer?
„Ich wünsche ihm von Herzen alles Gute und gratuliere ihm zu seiner Karriere auf allerhöchstem Niveau. Und ich möchte ihm sagen, dass er sich mit der
Entscheidung nicht beeilen, sondern in Ruhe in sich hineinhören soll. Er muss nicht, wie wir Torhüter sonst, in Sekundenbruchteilen eine Entscheidung treffen, sondern die richtige.“
Das Interview erschien in der März-Ausgabe des FC Bayern-Magazin „51“ – hier in einer gekürzten Fassung:

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