



Interview vor Champions League-Halbfinale
So. | 26.04.26 | 10:59
Kingsley Coman vor PSG vs. FC Bayern: „Diese halbe Sekunde kann alles entscheiden“
Die Verbindung ist nicht abgerissen. Auch wenn Kingsley Coman inzwischen in Saudi-Arabien spielt und sein Alltag weit entfernt von der Säbener Straße stattfindet, klingt in seinen Worten schnell durch, wie viel der FC Bayern ihm noch bedeutet. Als ihn fcbayern.com in Riad erreicht, nimmt er sich Zeit, spricht ruhig, reflektiert – und mit großer Wertschätzung über die Jahre in München, die ihn geprägt haben.
Fast zehn Jahre trug Coman das Trikot des deutschen Rekordmeisters. Er kam als junger Spieler an die Isar und ging als einer, der alles gewonnen hatte, was es auf Clubebene zu gewinnen gibt. Er erlebte große Champions League-Nächte, Meisterschaften, Druck, Titelhunger – und diesen einen Moment, der für immer bleiben wird: sein Kopfball im Finale von Lissabon 2020 gegen Paris Saint-Germain. Ausgerechnet gegen PSG, seinen Jugendclub, entschied Coman das wichtigste Fußballspiel Europas.

Jetzt treffen Bayern und Paris erneut aufeinander. Für Coman ist es ein Halbfinale, das persönlicher kaum sein könnte. Der eine Club steht für seine Kindheit, seine fußballerischen Wurzeln, seine ersten Träume. Der andere für Erfolg, Reife und ein Stück Heimat. Im Interview spricht er über das stärkste PSG seiner Zeit, eine Schwäche, die ihn zur Bayern-Legende machte, die neue Stärke unter Vincent Kompany – und über sein frühes Gefühl, dass diese Mannschaft vor etwas Großem stehen könnte.
Kingsley Coman im Interview
Kingsley, es gibt nicht viele Spieler, die auf ein Halbfinale zwischen dem FC Bayern und Paris Saint-Germain so persönlich blicken können wie du. Wenn du heute aus Saudi-Arabien auf dieses Duell schaust: Was löst es bei dir aus?
Kingsley Coman: „Für mich persönlich bedeutet dieses Duell sehr viel. Es ist schwer, sich für eine Seite zu entscheiden. Ich bin in Paris aufgewachsen, PSG war mein Kindheitsverein. Das war immer die Mannschaft, die ich unterstützt habe, bis ich den Club als Teenager verlassen habe. Und dann kam Bayern. Ich war dort zehn Jahre, von 19 bis 29 – also eigentlich mein ganzes Erwachsenenleben. Bayern ist für mich zu einem Zuhause geworden. Deshalb fühlt es sich für mich ein bisschen so an wie das Kind in mir gegen den Erwachsenen in mir. Es sind zwei Clubs, die beide Teil von mir sind.“
Welche Teile deines Fußball-Ichs sind bis heute vom PSG geprägt – und welche ganz klar von Bayern?
„Die Basis, die man als junger Spieler legt – der Spielstil, die Vorstellung davon, welcher Spieler man einmal werden möchte –, all das habe ich aus Paris mitgenommen. Bei Bayern habe ich erfahren, was es bedeutet, in einer Mannschaft zu spielen, die gewinnen muss – und die gewinnen wird. Dort habe ich vor allem diese Mentalität auf dem Platz entwickelt, natürlich auch unter verschiedenen Trainern. In Paris ist mein Stil entstanden, bei Bayern kamen Effizienz, Arbeit und die Siegermentalität dazu. Wenn du jedes Jahr gewinnen willst, musst du jeden Tag arbeiten und darfst diese Mentalität nie loslassen. Das ist anstrengend, aber es lohnt sich, weil genau das am Ende den Unterschied macht.“

So ein Halbfinale lebt auch von seiner Atmosphäre. Was ist für dich der größte Unterschied zwischen einem Champions League-Abend in Parc des Princes und einem in der Allianz Arena?
„Ich finde, der Unterschied ist gar nicht so groß. Vielleicht ist es in München ein bisschen lauter, weil mehr Menschen im Stadion sind. Aber ich habe nie ein Halbfinale im Pariser Stadion gespielt – und ich weiß, dass es dort auch extrem laut werden kann. Als Spieler hörst du nicht jede einzelne Stimme, meistens nur eine große, gemeinsame. Während des Spiels denkst du durch deinen Fokus nicht ständig darüber nach. Aber in bestimmten Momenten – wenn du presst, wenn du müde bist, wenn du ein Tor erzwingen willst – kann dir diese Energie von außen wirklich noch einmal einen zusätzlichen Schub geben.“
PSG war lange das Symbol für Superstars. Heute kommt der Club als Titelverteidiger und als viel kollektivere Mannschaft zurück. Woran merkst du als ehemaliger Spieler, dass dieses Paris unter Luis Enrique anders und vielleicht sogar gefährlicher ist als frühere Versionen?
„Für mich ist es das beste Paris aller Zeiten. Man hat gespürt, dass diese Mannschaft das Potenzial hat, die Champions League zu gewinnen – aber irgendetwas hat gefehlt. PSG war in den vergangenen Jahren oft ganz nah dran. Jetzt, nachdem sie es geschafft haben, ist diese Barriere weg. Dieselben Spieler gehen jetzt noch selbstbewusster in die Schlüsselmomente. Und genau das macht sie noch gefährlicher. Man sieht das Selbstvertrauen, man sieht, wie sehr sie als Team gewachsen sind. Sie sind jetzt dort angekommen, wo sie immer hinwollten.“
Wenn zwei Topteams aufeinandertreffen, die beide mutig, aktiv und dominant spielen wollen: Was wird in diesem Duell am Ende den Ausschlag geben?
„Die Effizienz. Auf höchstem Niveau ist es meistens genau das. Beide Teams haben Spieler mit enormer Qualität, beide laufen viel, beide können unter Druck spielen und selbst Druck erzeugen. Es treffen die beiden Mannschaften aufeinander, die in dieser Saison den intensivsten und attraktivsten Fußball spielen. Ich glaube nicht, dass ein Team gar keine Möglichkeiten bekommen wird. Man braucht auch ein bisschen Glück. Aber die Mannschaft, die in den entscheidenden Momenten am entschlossensten ist und aus wenigen Chancen Tore macht, wird wahrscheinlich weiterkommen.“

Als ich für meinen Abschied noch einmal da war und mit der Mannschaft essen war, habe ich gespürt, dass diese Gruppe an sich glaubt. Die Atmosphäre war immer großartig, aber wenn du gewinnst und merkst, dass du weit kommen kannst, wird die Verbindung noch stärker.Kingsley Coman
Du hast in deinem Abschiedsinterview gesagt, das zweite Jahr unter Vincent Kompany könnte ‚Wahnsinn‘ werden. Wenn du die Mannschaft heute von außen beobachtest: Inwiefern fühlst du dich darin bestätigt?
„Man hat schon in der vergangenen Saison gespürt, dass etwas entsteht. Es hat direkt geklickt. Aber wenn ein neuer Trainer kommt, brauchst du trotzdem Zeit, um seine Ideen wirklich zu verinnerlichen. Am Anfang denkst du über Abläufe nach: Was muss ich machen? Wo muss ich hin? Irgendwann passiert es automatisch und wird Teil deines Spiels. Genau das sieht man jetzt. Jeder kennt seine Rolle. Und wenn du auf höchstem Niveau nicht mehr nachdenken musst, gewinnst du Zeit. Diese halbe Sekunde kann alles entscheiden. Deshalb hatte ich das Gefühl, dass mit dieser Gruppe etwas Besonderes möglich ist. Es ist schon jetzt eine gute, vielleicht sehr gute Saison. Aber damit sie wirklich außergewöhnlich wird, müssen sie diesen letzten Schritt gehen.“
Woran sieht man diesen Entwicklungsschritt am deutlichsten?
„Man sieht es im Pressing, in den Rotationen, in den vielen Bewegungen der Spieler. Und man sieht es in der defensiven Mentalität – nicht nur bei den Verteidigern, sondern in der gesamten Mannschaft. Als ich für meinen Abschied noch einmal da war und mit der Mannschaft essen war, habe ich gespürt, dass diese Gruppe an sich glaubt. Die Atmosphäre war immer großartig, aber wenn du gewinnst und merkst, dass du weit kommen kannst, wird die Verbindung noch stärker. Das hat man schon bei der Klub-WM gesehen. Wenn dann auch die Leistung passt, kann daraus ein außergewöhnliches Jahr werden. Am Ende wird die Geschichte trotzdem auf dem Platz geschrieben. Aber ich weiß, dass Bayern mental und körperlich in einer sehr guten Verfassung ist.“
Gibt es Spieler beim FC Bayern, mit denen du auch jetzt noch regelmäßig schreibst oder telefonierst?
„Ich bin noch mit den meisten Spielern in Kontakt. Vor allem mit Jo (Kimmich, d.Red.), Serge (Gnabry) und den Franzosen – Upamecano und Olise – spreche ich am häufigsten, aber auch mit vielen anderen aus der Mannschaft. Da sind schon echte Freundschaften entstanden, denen ich jetzt natürlich besonders die Daumen drücke.“

Du hast einmal gesagt, beim FC Bayern könne man eigentlich erst genießen, wenn am Saisonende Titel da sind. Ist genau dieser ständige Anspruch vor einem Halbfinale am Ende sogar ein Vorteil, weil er den Fokus noch einmal schärft?
„Bei Bayern ist Gewinnen fast selbstverständlich. Die Liga zu gewinnen, weit zu kommen: Das wird erwartet. Dieser Anspruch schärft den Kopf. Du lässt dich nicht gehen und bist mental oft schon bereit, wenn solche Spiele kommen. Weil du hast nie wirklich abgeschaltet. Auf Dauer ist das anstrengend. Nach einem Sieg denkst du direkt an das nächste Spiel. Aber genau diese Mentalität ist ein Grund, warum Bayern seit so vielen Jahren ein so großer Club ist. Das ist Teil der DNA des Vereins. Gegen Paris sehe ich darin aber keine großen Vorteil, weil sie in einer ähnlichen Situation sind. Im Halbfinale der Champions League ist das meistens so: Du spielst gegen Mannschaften, die genauso gut, genauso fokussiert und genauso seriös sind wie du.“
Du bist selbst Flügelspieler und weißt, dass solche Abende auf den Außenbahnen entschieden werden können. Braucht man in einem Halbfinale mehr Mut für das Eins-gegen-eins – oder eher die Geduld, auf den einen entscheidenden Moment zu warten?
„Man braucht beides: Mut und Ruhe. In so einer Nacht musst du die beste Version deiner selbst sein. Gleichzeitig darfst du das Spiel nicht anders behandeln als ein normales. Du kannst nicht plötzlich viel mehr machen. Wenn du normalerweise elf Kilometer läufst, läufst du im Halbfinale nicht einfach 14. Sonst bist du nach 40 Minuten kaputt und deine Leistung wird sogar schlechter. Deshalb ist Geduld so wichtig: Du musst nicht alles verändern, sondern genau das tun, was dich bis hierher gebracht hat – nur auf höchstem Niveau. Das kommt normalerweise mit der Erfahrung.“
Jeder kennt das Bild von deinem Kopfball im Champions League-Finale 2020 gegen PSG. Wenn du an die Sekunden vor dem Tor zurückdenkst: Welche kleine Szene – ein Laufweg, ein Blick, ein Gedanke, ein Zuruf – ist dir bis heute besonders im Kopf geblieben?
„Vielleicht der Schrei von Thomas nach dem Tor. Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich ihn gehört habe. Ich erinnere mich eher an den Moment, an dem ich die Augen geöffnet und gesehen habe, dass der Ball drin ist. Es war Corona, also waren keine Fans im Stadion. Aber selbst wenn Geräusche da sind: In so einem Moment nimmst du sie kaum wahr. Du konzentrierst dich nur auf den Ball, auf den Spieler, der flankt, auf deinen Gegenspieler und deine Mitspieler. Ich wollte in jeder Situation so fokussiert wie möglich sein.“
Wusstest du, als der Ball kam, dass das der Moment sein könnte?
„Nein, das geht viel zu schnell. Es ist nicht wie im Film, wo die Zeit stehen bleibt und du denkst: Jetzt ist mein Moment. Du hast keine Zeit zu überlegen, du läufst einfach dorthin, wo du glaubst, dass der Ball hinkommen könnte – und plötzlich ist er da. Kopfbälle waren nie meine größte Stärke. Also wollte ich ihn einfach so sauber wie möglich treffen. Die Ausführung war vielleicht nicht nach Lehrbuch, aber der Ball ging genau dorthin, wo er hinmusste, mit der Wucht, die es brauchte. Am Ende ist nur das wichtig.“

Du sagst, Kopfbälle waren nie deine größte Stärke. Ausgerechnet so ein Moment hat dich dann in die Geschichtsbücher des FC Bayern gebracht. Was sagt dir das heute über große Spiele?
„Es ist fast eine komische Situation. Genau diese Schwäche hat mir geholfen, meinen größten Traum zu erfüllen. Das ist ein schöner Gegensatz. Für mich zeigt das: Mit Fokus, Mut und dem Glauben an dich selbst kannst du auf der größten Bühne Dinge schaffen, selbst wenn sie nicht zu deinen größten Stärken gehören. Das wird mich immer zum Lächeln bringen.“
Erstmals seit 2020 hat der FC Bayern zu diesem Zeitpunkt der Saison wieder die Chance auf das Triple. Was traust du der Mannschaft im Endspurt zu?
„Ich glaube, die Mannschaft hat wirklich das Gefühl: Das kann unser Jahr sein. Bayern ist noch in allen Wettbewerben dabei, der Traum lebt. Seit 2020 waren sie in einer Saison mit Triple-Chance nicht mehr so nah dran. Natürlich wird es nicht leicht. Wenn es eine Mannschaft gibt, die für mich in diesem Jahr absolut auf Augenhöhe mit Bayern ist, dann ist es Paris Saint-Germain. Ich kann nicht sagen, dass die eine Mannschaft klar besser ist als die andere. Für Fußballliebhaber wird es ein wunderschönes Spiel: zwei der besten Teams, die attraktiven Fußball spielen, mit großer Intensität. Das ist der Moment, in dem Legenden entstehen.“
Wenn du dich entscheiden müsstest: Wer zieht ins Finale ein?
„Ich trage beide Vereine in meinem Herzen, aber Bayern ist das jüngere Kapitel. Ich bin erst vor ein paar Monaten gegangen, viele meiner Freunde sind noch dort, ich kenne die Menschen im Club sehr gut. Deshalb ist klar, dass ich dieses Mal Bayern die Daumen drücke. Ich würde sie deshalb nicht unbedingt als Favoriten bezeichnen. Es geht eher um meine persönliche Verbindung. Und die ist im Moment zu Bayern einfach noch sehr stark.“
Die Faktenlage zum Hinspiel bei Paris Saint-Germain:

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