

Manchmal klingt Fußball einfacher, als er ist. Ismael Saibari steht nach dem WM-Gruppenspiel gegen Brasilien vor dem Mikrofon und erklärt sein Tor, als hätte er gerade einen Pass über fünf Meter gespielt: Ball erobert, losgelaufen, Raum erkannt, abgeschlossen. Dazwischen lagen nur ein kurzer Augenblick und kein Raum für Fehler.
Die 21. Minute läuft, Marokko hat viel verteidigt, viele Wege geschlossen, lange auf diesen einen Umschaltmoment gewartet. Dann ist er da. Saibari löst sich zwischen Marquinhos und Gabriel, zwei Innenverteidigern aus dem obersten europäischen Regal, genau in die Schnittstelle. Kein Sprint ins Ungefähre, kein Lauf auf Verdacht. Eine halbe Sekunde früher, und er steht im Abseits. Eine halbe Sekunde später, und einer der beiden Verteidiger hat wieder Zugriff.

Tor der Extraklasse gegen Brasilien
Tor der Extraklasse gegen Brasilien

Das Zuspiel erreicht ihn genau in jenem kurzen Fenster, das er selbst aufgerissen hat. Alisson hat sein Tor verlassen, der Winkel wird enger. Saibari beschreibt diesen Moment später mit einer Nüchternheit, die ihn fast kleiner macht: „Dann muss man nur noch abschließen.“ Nur noch.
Er nimmt den Ball gar nicht richtig mit, sondern macht aus dem ersten Kontakt den Abschluss. Viel anderes blieb ihm gar nicht übrig, sagte Saibari. Ein Chip, sauber dosiert, über den herausstürzenden Torwart hinweg. Kein Wuchten, kein Zögern, kein zweiter Gedanke. Der Ball steigt, fällt und landet im Tor.
Der Abschluss ist kein Geistesblitz mehr, eher der letzte Schritt einer Bewegung, die sich vorher schon abgezeichnet hat. Vielleicht erzählt Saibari sie deshalb so nüchtern: weil sie für ihn in diesem Moment einfach war. „Als der Ball meinen Fuß verließ, wusste ich sofort, dass er reingehen würde.“

Bei der PSV zum Leistungsträger gereift
Bei der PSV zum Leistungsträger gereift

Für den 25-jährigen Marokkaner war es das erste Tor im ersten Einsatz bei einer Weltmeisterschaft. Wenig später hat er in vier Spielen drei Treffer gesammelt, auch gegen die Niederlande im Sechzehntelfinale trifft er – und verwandelt den entscheidenden Elfmeter im Elfmeterschießen. Die WM als Sinnbild einer Entwicklung, die in Eindhoven längst Fahrt aufgenommen hatte. Bei der PSV war Saibari zuletzt aus der Rolle des vielversprechenden Talents herausgewachsen. Er wurde zum Spieler der Saison in der Eredivisie gewählt, erzielte in 27 Ligaspielen 15 Tore und bereitete acht weitere vor. Es sind Zahlen eines Spielers, der im letzten Drittel Jahr für Jahr mehr Wirkung entfaltet: 23/24 sammelte er neun Scorer in 19 Einsätzen, 24/25 waren es schon 22 direkte Torbeteiligungen in 29 Partien. In der abgelaufenen Spielzeit brauchte er im Schnitt gerade einmal 157 Minuten für ein Tor.
Saibaris Stärken: variabel und zielstrebig
Saibari selbst führt diesen Sprung auf einen Punkt zurück: Ruhe. Früher, sagte er einmal, habe er ähnliche Chancen gehabt, sei in den entscheidenden Momenten aber zu nervös gewesen. Heute wirkt vieles gelassener, auch dank der täglichen Arbeit im Training. Das Tor gegen Brasilien zeigt genau diese neue Reife. Es lebt von Explosivität, Tempo und Tiefe, aber auch von einer Entscheidungsfindung, für die andere Spieler zwei Kontakte brauchen. Saibari braucht einen.

Diese Direktheit ist einer der Gründe, warum sein Profil zum FC Bayern passt. Seine Vielseitigkeit ein anderer. Saibari lässt sich schwer in eine einzige Position pressen. In Eindhoven spielte er als Achter, als Zehner, im Halbraum, über den Flügel, phasenweise auch ganz vorne. Er selbst sieht sich am liebsten in Zonen nahe am Strafraum. Dort, wo ein Laufweg eine Abwehr aufreißt, ein erster Kontakt ein Spiel verändert, ein Abschluss ein Stadion kippen lässt.
Traumtor im Champions League-Duell
So wie an jenem Mittwochabend im Januar, als die PSV Eindhoven dem FC Bayern am letzten Spieltag der Champions League-Ligaphase knapp mit 1:2 unterlag. In der 78. Minute kombinierte sich Saibari vor dem Strafraum per Doppelpass frei, nahm den Ball noch einmal mit und jagte ihn zum zwischenzeitlichen Ausgleich in den Winkel. Selbst Jonas Urbig, bis dahin mehrfach stark zur Stelle, blieb ohne Chance. Für einen Moment bekam die Begegnung eine andere Richtung.
Dass Saibari den Abschluss nicht scheut, spiegelt sich in den Zahlen wider. In der zurückliegenden Saison hat er die zweitmeisten Schüsse aller Profis der Eredivisie abgegeben (76), davon gingen insgesamt 37 aufs Tor. „Ich denke, mein Spielstil passt am besten dazu, im Strafraum zu sein. Tore erzielen und Vorlagen geben“, sagte der Offensivallrounder einmal. Seine Vielseitigkeit ist keine bloße Positionsfrage, sie hat mit seinem Gesamtpaket zu tun. Saibari taucht zwischen den Linien auf, macht den Ball fest, dreht nach vorne auf, startet in die Tiefe, besetzt den Rückraum. Er ist groß genug, um Körperkontakt anzunehmen, beweglich genug, um sich daraus zu lösen, technisch stark genug, um unter Druck keinen Notausgang zu suchen.

Auch deshalb kommt er so oft ins Eins-gegen-eins. Mit 48 erfolgreichen Dribblings gehört Saibari zu den besten acht Spielern der Eredivisie. Zudem bringt er das Tempo mit, um solche Aktionen nicht nur auf seiner Lieblingsposition im Zentrum, sondern auch auf dem Flügel auszuspielen. In der vergangenen Champions-League-Saison wurde er mit 32,9 Stundenkilometern gemessen. Damit lag er auf einem Niveau mit Alphonso Davies und Luis Díaz.
Und dann ist da noch sein linker Fuß. Als Kind trainierte Saibari regelmäßig mit seinem Vater. Jeden Nachmittag im Park, fünfzig oder sechzig Abschlüsse nur mit links. Anfangs habe er das gehasst, erzählte Saibari lachend. „Am Ende hat es sich ausgezahlt.“ Heute muss er den Ball in vielen Situationen kaum noch sortieren. Er kann aus unterschiedlichen Winkeln abschließen, mit rechts wie mit links.
Welche Möglichkeiten ihm das eröffnet, zeigte sich im zweiten Gruppenspiel gegen Schottland: Gerade einmal 71 Sekunden waren gespielt, als sich der Angreifer auf der rechten Seite freilief und aus schwieriger Position abzog. Viel Zeit zur Vorbereitung blieb ihm nicht – trotzdem schlug sein satter Schuss humorlos oben im Eck ein. Dank seines Treffers gewann Marokko 1:0 und zog ins Sechzehntelfinale ein.

Saibaris Stärken in der Rückwärtsbewegung
Dynamik, Technik, Wucht, Strafraumgefühl: Saibari hat am Ball viele Lösungen – und fast immer eine Richtung. Zum Tor. Diese Beschreibung greift aber zu kurz. Vielleicht beginnt der spannendere Teil seines Profils sogar dort, wo ein Angriff verloren scheint: in den Sekunden danach, wenn der Gegner umschalten will.
Dann bleibt Saibari in der Szene. Er setzt nach, schiebt seinen Körper in den nächsten Zweikampf, macht Passwege eng, bevor sie sauber bespielt werden können. Mit seiner Reichweite kommt er an Bälle, die für andere schon weg wären, mit seiner Physis zwingt er Gegner zu Kontakten, die sie vermeiden wollen. Gerade in den Halbräumen hat das Wert. Dort entscheidet oft der erste Schritt nach dem Ballverlust: Kommt der Gegner ins Laufen oder unterbindet man den Konter? Deshalb passt unser Neuzugang so gut zur Idee von Vincent Kompany.
In seiner Spielweise spiegelt sich sein Weg
Ismael Saibari wurde 2001 in Terrassa bei Barcelona geboren. Seine Eltern hatten dort viele Jahre gelebt, seine marokkanischen Wurzeln blieben Teil seiner Identität. Als er sechs Jahre alt war, zog die Familie wegen der Wirtschaftskrise nach Belgien. Dort wuchs Saibari auf, dort begann seine fußballerische Ausbildung. Anderlecht, Mechelen, Genk – mehrere Stationen, mehrere Umfelder, viele Anpassungen. Mit 19 wechselte er zur PSV.
Er kennt den Weg über Geduld. Über Jugendplätze, zweite Mannschaften, kurze Einsätze, neue Rollen. Er kennt auch den familiären Aufwand dahinter. Nach seinem PSV-Debüt sprach er über seine Eltern und sagte: „Sie fahren mich seit meinem vierten Lebensjahr überallhin, wohin ich zum Fußballspielen muss. Jetzt hat sich das ausgezahlt.“
Autofahrten und Trainingseinheiten, die unzähligen Stunden im Park, die nächste Jugendstation, der nächste Versuch, sich durchzusetzen: All das hat Saibari mitgenommen. Von Terrassa nach Belgien, von Genk nach Eindhoven, von der PSV auf die WM-Bühne – und nun zum FC Bayern. Er kommt als Offensivkraft mit Zug zum Tor, Präsenz in den Zweikämpfen und Pressinginstinkt. Als Spieler, der im letzten Drittel Lösungen findet und nach Ballverlust sofort wieder Anschluss sucht.
Am Ende führt vieles zurück zu dieser Szene gegen Brasilien: der freie Raum, der erste Schritt, der Chip über Alisson. In wenigen Sekunden liegt dort ziemlich viel von dem, was Saibari ausmacht. Er erkennt den Moment, geht den Weg, trifft die Entscheidung. Und erklärt den Ablauf später, als wäre alles einer inneren Logik gefolgt.
Ball erobert, losgelaufen, Raum erkannt, abgeschlossen.
Ganz einfach also. Zumindest, wenn Ismael Saibari es macht.
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📑 Alle Informationen zur Verpflichtung von Ismael Saibari:
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