

Am Dienstag spielt der FC Bayern zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert wieder in Norwegen – das einen Fußballboom erlebt. Was macht Meister Viking Stavanger so stark? Eine Spurensuche hoch im Norden.
Wenn man mit Norwegern darüber redet, warum der norwegische Fußball derzeit so erfolgreich ist, dann kommen sie irgendwann auf die Sache mit dem Sand zu sprechen. Die Sandplätze, sagt zum Beispiel Erik Nevland, das sei schon „ziemlich hart“ gewesen, damals, als er noch jünger war. Er meint das durchaus wörtlich. Wenn die Plätze froren, was in einem skandinavischen Land wie Norwegen ja doch hier und da vorkommt, dann sei das mehr ein Staksen auf Körnereis gewesen. Grätschen? Erik Nevland war zum Glück ja Stürmer, sein Job war das Toreschießen.

Seit fünf Jahren ist Erik Nevland, inzwischen 48, der Sportdirektor von Viking, die vergangenes Jahr Meister wurden. Und also ein guter Ansprechpartner, wenn man Antworten sucht auf die Frage, die spätestens seit der WM die halbe Fußballwelt beschäftigt: Was ist bloß los mit den Norwegern?
Im WM-Achtelfinale hatten sie gegen Brasilien 2:1 gewonnen. Im Viertelfinale schieden sie gegen England aus, äußerst knapp, 1:2 nach Verlängerung. Dazu ist Norwegen mit Viking Stavanger und FK Bodø/Glimt erstmals seit 27 Jahren mit zwei Clubs in der Champions League vertreten. Norwegen hat 5,6 Millionen Einwohner und ungefähr 370.000 aktive Fußballer – darunter Erling Haaland, einer der derzeit besten Stürmer der Welt, und Martin Ødegaard, der Kapitän des englischen Meisters FC Arsenal. Die Norweger waren noch nie so gut wie heute.

Die Grundlage des Spiels
Die Grundlage des Spiels

Die Sandplätze also: Nevland sagt, das sei einer der wichtigsten Gründe für die Transformation des norwegischen Fußballs. Sie haben vor ungefähr 25 Jahren angefangen, überall im Land Kunstrasenplätze zu bauen. Seitdem ist Fußball in Norwegen nahezu das ganze Jahr möglich, und zwar auf gleichbleibend guten Plätzen, von denen viele auch noch beheizt werden.
Das Geld für die Kunstrasenplätze stammt aus einem Finanzierungsmodell, das typisch ist für dieses Land. Vieles wird zentral gesteuert und reguliert, das bekannteste Beispiel ist der Ölfonds: Ende der 1960er Jahre fanden Norwegen und Großbritannien Öl in der Nordsee. Während die Briten ihre Einnahmen bald wieder ausgaben, etwa um die Wirtschaftspolitik von Margaret Thatcher zu finanzieren, gründete Norwegen einen Staatskonzern und legte später den Großteil der Einnahmen an, unter anderem in den Ölfonds. Heute ist Norwegen eines der wohlhabendsten Länder Europas. Der Staatsfonds ist derzeit ungefähr zwei Billionen Euro schwer, das Parlament darf in seinem Haushalt bis zu drei Prozent des Werts des Fonds verwenden (etwa ein Viertel des Haushalts).

Früher waren im Winter die Fußballplätze hart gefroren. Durch die Kunstrasenfelder können wir das ganze Jahr Fußball spielen.Erik Nevland, Sportdirektor Viking Stavanger
Die Mittel für die Kunstrasenplätze wurden nicht mit Ölgeld finanziert, sondern mit Glücksspieleinnahmen. Es gibt zwei staatliche Anbieter für Sportwetten (einer der beiden ist nur für Pferdewetten zuständig). Ein beträchtlicher Teil des Gewinns wird in Infrastruktur im Sport investiert, aber auch in gemeinnützige Zwecke. Und weil auch in Norwegen gerne gewettet wird, konnte mit dem Geld ein landesweiter Ausbau von Kunstrasenplätzen finanziert werden.
„Fußball ist seitdem für uns kein Sommersport mehr“, sagt Håkon Grøttland vom norwegischen Fußballverband NFF. Der 45-Jährige ist beim Verband der Chef der Spieler- und Trainerentwicklung und war maßgeblich am Aufbau des Talentfördersystems ab 2010 beteiligt. Grøttland nennt es „eine Revolution“. Für ihn ist das der zweite Grund für die rosige norwegische Fußballgegenwart. Um die Revolution zu erklären, fängt er ganz von vorne an: bei jenem Moment, als er den jungen Martin Ødegaard erstmals spielen sah.

Jugendligen ohne Meisterschaft
Ødegaard, geboren 1998, war damals noch keine zwölf Jahre alt. „Man konnte sofort sehen, dass dieser Junge außergewöhnlich ist“, sagt Grøttland. Klein zwar, aber mit einer Spielintelligenz, die ihn abhob vom Rest und von allem, was sie bis dahin in Norwegen kannten. Alles, was danach kam, das System der Talentförderung, die Trainingsmethodik, die Akademien, all das gebe es im Grunde wegen ihm, wegen Ødegaard, sagt Grøttland, was vielleicht übertrieben klingen mag. Aber es sei ganz einfach so: Sie wollten jetzt mehr Ødegaards.
Die norwegische Nachwuchsförderung ist seit den 2010er Jahren in drei Stufen unterteilt. Bis elf Jahre bleiben die Kinder in ihren örtlichen Vereinen, sie dürfen nicht von größeren Clubs ausgewählt werden. „Sie sollen einfach Spaß haben und ihre Lust auf Fußball ausleben“, sagt Grøttland. Es gibt deshalb auch keine Meisterschaften oder Pokale in dieser Altersstufe. Ab zwölf können die Kinder in eine stärkere Förderung aufgenommen werden, wenn sie möchten und gut genug sind, und zwar an den Nachwuchsakademien der Clubs. Die Akademien wiederum werden von Norsk Toppfotball bewertet, das ist die Dachorganisation der beiden Spitzenligen, die auch sonst vieles regelt. Die Akademie von Viking Stavanger hat fünf von fünf Sternen, sie gehört zu den besten des Landes.

Zu Besuch bei den Roten im Norden
Zu Besuch bei den Roten im Norden

Bleibt die Frage, wie die Fans das alles finden. Silje M. D. Bussesund und Morten Guldberg sind Norweger, leben in Oslo und sind Fans des FC Bayern. Zum Treffen im Sportpub „Bohemen“ kommen sie in Trikots, sie trägt Thomas Müller, er trägt Harry Kane.
Guldberg ist 48, er ist über das Sammeln von Panini-Alben zum FC Bayern gekommen, bei der WM 1986. Er mochte die Deutschen, und bei den Deutschen spielten halt die meisten für Bayern, also mochte er auch die Bayern. Silje Bussesund ist 42, bei ihr war es ähnlich, sie hat die WM 2006 gesehen, seitdem ist sie für die Bayern. Sie ist auch Fan von Vålerenga, das sei halt ihr örtlicher Verein. „Vålerenga ist eher nicht Teil der norwegischen Erfolgsstory“, sagt sie und lacht. Sie hat ja noch die Bayern.
Der FC Bayern Fanclub Norwegen hat gegenwärtig etwas mehr als 80 Mitglieder, viele von ihnen leben in Oslo. Zu Spielen treffen sie sich im „Bohemen“, manchmal reisen sie nach München. Dass Norwegen jetzt Spieler hat wie Haaland und Ødegaard, das finden sie beide natürlich gut, ob das aber mehr bedeutet als eine glückliche Momentaufnahme? „Ich bin da nicht so sicher“, sagt Silje Bussesund. „Das ist unsere goldene Generation“, sagt Morten Guldberg.
Der Text erscheint hier in Auszügen. In voller Länge ist er in der Oktober-Ausgabe des FC Bayern-Magazins „51“ nachzulesen.
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