

„Bei Bayern ist er genau am richtigen Ort“
Sa | 03.10.2026 | 09:00
Albert Martens im „51“-Interview: Kompanys Lehrmeister
Albert Martens trainierte Vincent Kompany in der Jugend des RSC Anderlecht. Der heute 75-Jährige erzählt im Interview mit dem FC Bayern Magazin „51“ von einem außergewöhnlichen Jungen, der Niederlagen nicht ertragen konnte. Und den er im heutigen Bayern-Trainer noch immer erkennt.
Das Interview mit Albert Martens
Herr Martens, Sie haben Vincent Kompany trainiert, als er zehn, elf Jahre alt war. War damals der künftige Trainer schon zu erkennen?
„Vincent war auf jeden Fall immer der Chef, egal in welcher Mannschaft er gerade gespielt hat. Er hat immer gesagt, was er dachte, ob man es hören wollte oder nicht. Einmal drehte das belgische Fernsehen einen Beitrag über die U11 von Anderlecht. Da kritisierte er vor laufender Kamera die Transferpolitik: Der Verein hole für viel Geld Spieler und gebe dem eigenen Nachwuchs kaum eine Chance. Ich muss sagen: Er hat richtig gut argumentiert. Es fiel ihm schon immer leicht, die richtigen Worte zu finden.“
Auch der Trainerjob scheint ihm leichtzufallen. Überrascht Sie sein Erfolg?
„Überhaupt nicht. Bei Spielern ist es so: Gute Spieler kann man ausbilden – aber Top-Spieler werden geboren. Natürlich müssen auch die hart arbeiten und lernen. Aber sie haben etwas, was andere nicht haben. Bei Trainern ist es genauso. Bei Vincent war ich mir immer sicher, dass er ein Top-Trainer wird. Er ist intelligent, ehrlich, ein guter People-Manager, ein Gewinnertyp. Und er wird nie sagen: ‚Ich bin der Beste.‘ Selbst wenn er die Champions League gewinnt, wird er sagen: ‚Schön, dass wir das geschafft haben – und morgen geht es weiter.‘“

Wie war Vincent nach einer Niederlage?
„Im Training haben wir oft zwei gegen zwei, drei gegen drei oder vier gegen vier gespielt – und wenn er verloren hat, gab’s Tränen. Und nat ürlich waren auch immer die anderen schuld. Immer. Der kleine Vincent war auch für seine Mannschaft kein einfacher Typ.“
Wie hat sich das geäußert?
„In der U12 spielten wir mal gegen Molenbeek, eine Mannschaft aus Brüssel. In der ersten Halbzeit waren wir richtig schlecht. Das einzig Gute war, dass es zur Pause noch 0:0 stand. Vincent saß in der Kabine und war sauer auf die Mannschaft. Er sagte: ‚Trainer, ich glaube, du hast es auch gesehen: Wir spielen richtigen Mist.‘ Da habe ich gesagt: ‚Vincent, ich bin sehr froh, dass du weißt, dass du schlecht warst. Du kannst jetzt duschen gehen.‘“
War er wirklich so schlecht?
„Eigentlich war er der Beste! Aber ich musste ihm klarmachen, dass das so nicht geht. Dass er nicht so ein Stinkstiefel sein durfte. Zu den anderen sagte ich: ‚Wir sind dreimal besser als dieses Team hier. Und wenn ihr sie in der zweiten Halbzeit nicht abschießt, dann wird dieser Kerl weiter so übellaunig sein. Dann könnt ihr auch gleich eure Sachen packen, nach Hause gehen und braucht nicht wiederzukommen. Denn wenn ihr diese Mannschaft nicht schlagt – was macht ihr dann hier in Anderlecht?‘“
Vincent wird nie sagen: „Ich bin der Beste.“ Selbst wenn er die Champions League gewinnt, wird er sagen: „Schön, dass wir das geschafft haben – und morgen geht es weiter.“
Albert Martens
Und wie ging es aus?
„Wir haben haushoch gewonnen. Nach dem Spiel kam Vincents Vater Pierre zu mir und bedankte sich für die kleine Lektion. Vincent war danach nie wieder so missmutig, wenn seine Mannschaft mal schlecht gespielt hat.“
Wenn Sie ihn heute bei Bayern beobachten: Sehen Sie noch den Jungen von damals?
„Ja. Ich sehe den kleinen Vincent – und manchmal sehe ich auch mich selbst. Wie er diesen Job lebt! Bei Bayern ist er genau am richtigen Ort. Er hat dort die Chance, sich zu entwickeln und Titel zu gewinnen. Das weiß er. Ich glaube nicht, dass er schnell irgendwo anders hingeht. Vincent ist nicht der Typ, der den Verein wechselt, nur weil er woanders das Doppelte verdienen kann. Er ist loyal. So wie ich. Ich war 32 Jahre in Anderlecht. Und Vincent ist sehr Anderlecht.“
Was heißt das: „sehr Anderlecht“?
„Vor einiger Zeit haben wir miteinander gesprochen, und da sagte er: ‚Im Grunde lasse ich so spielen, wie wir damals in Anderlecht gespielt haben.‘ Totaler Fußball von Johan Cruyff – dafür standen wir immer in Anderlecht. Für mich ist es das Schönste zu sehen, dass in seinem Fußball noch immer etwas von Anderlecht lebt.“
Das Interview erscheint hier in Auszügen. In voller Länge ist es in der Oktober-Ausgabe des FC Bayern-Magazins „51“ nachzulesen.
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