
Säbener Stories – das ist die Kolumne für alle, die den FC Bayern München leben und lieben. Hier geht es um die ruhmreiche Vergangenheit und die spannende Gegenwart des Rekordmeisters.
Diesmal geht es auch um den Winter – nicht nur, weil wir mit den Gegnern gerne mal Schlitten fahren, sondern weil der FC Bayern mehr von einem Wintersport-Verein hat, als man glauben möchte.
Während am Wochenende rund um Mailand und Cortina die Olympischen Winterspiele zu Ende gehen, kommt am Samstag Eintracht Frankfurt in die Allianz Arena – genau 60 Jahre nach einem 5:1 unserer Bayern gegen die Eintracht. Allerdings nicht auf Rasen, sondern unter freiem Himmel im Münchner Prinzregentenstadion, in der Eishockey-Oberliga 1965/66. So darf’s am Samstag auch gern ausgehen. Bloß mit einem größeren Spielgerät.
Puck, immer Puck: Der FC Bayern auf dem Eis
1966 stellt der FC Bayern in seinen Club-Nachrichten stolz „unsere neue Eishockey-Abteilung“ vor. „Schon die ersten Wochen zeigten, dass wir damit einen guten Griff getan haben“, heißt es nach dem Zusammenschluss mit dem MEV 1883 München.
Sportlich geht es rasant nach oben: 1967 steigt das Team unter dem renommierten Trainer Dr. Jano Starší aus der ČSSR in die Bundesliga auf. Im selben Jahr gewinnt der FC Bayern den deutschen Eishockey-Pokal – 7:4 in zwei Spielen gegen Preußen Krefeld. Die Siegermedaille hat heute ihren Ehrenplatz im Bayern-Museum in der Allianz Arena.

Der FCB stürmt das Oberwiesenfeld
Die neue Eishalle am Münchner Oberwiesenfeld gilt 1967 als Sensation. Während auf dem benachbarten Flugplatz noch Starts und Landungen stattfinden, ist das Zeltdach für die Olympischen Sommerspiele 1972 quasi noch Science-Fiction.
Aber der FC Bayern ist als Vorhut schon da, spielt hier Eishockey – nur ein paar hundert Meter vom Standort seiner späteren Fußball-Heimat, dem Olympiastadion, entfernt. Das erste Spiel gegen den SC Riessersee ist ausverkauft. 6.200 Zuschauer dürfen rein und bestaunen Stars wie Bayern-Nationalverteidiger Leonhard Waitl. 2.000 müssen wieder heim.
„Es war so laut in dem Betonbunker, eine tolle Stimmung“, erinnert sich die spätere Eishockey-Legende Georg „Schorsch“ Kink, der ab 1968 als 19-jähriger Jungspund ein Jahr für die Bayern am Puck ist.
Letztes Bully: Lieber Säbener Straße als Eishockey
Doch nachdem die erste Euphorie abgeflaut ist, kommen im Alltag „allenfalls 2.000 Fanatiker“ zum Bayern-Eishockey, wie die Münchner Zeitungen feststellen.

Die Eishockey-Abteilung häuft gut 100.000 Mark Schulden an. Klingt nicht dramatisch, aber Ende der 60er Jahre tut dem FC Bayern jede Mark Verlust weh. Denn die neue Geschäftsstelle an der Säbener Straße kostet 3,8 Millionen Mark.
Verscherbelt nach Augsburg
„Die Eishockey-Abteilung wird aufgelöst“ – mit diesen Worten soll Präsident Wilhelm Neudecker die Spieler vor der Saison 1969/70 informiert haben.
Bayern-Manager Robert Schwan einigt sich mit Curt Frenzel, Verleger und Präsident des Augsburger EV, darauf, die Eishockey-Abteilung mit einem Großteil der Spieler zum Spottpreis von 135.000 Mark nach Augsburg zu transferieren. Frenzel kündigt an, auch die Ausrüstung persönlich abzuholen – „weil Sie, Herr Schwan, das Zeug ja sowieso nicht mehr brauchen“.

Schwan soll später gegrantelt haben, er sei nie so sehr „über den Tisch gezogen“ worden wie damals von Frenzel. Als Anfang der 1970er der Boom des FC Bayern beginnt, hätte der große Zampano und Beckenbauer-Manager seine Eishackler gerne wieder im Verein gehabt. Doch da war’s längst zu spät, und der FC Bayern ein Ex-Eishockey-Bundesligist.

Die Bayern im Winter: Schneeball, Samba, Bus-Schieben
Schneespiele gehören beim FC Bayern schon früh zum Alltag. 1936 gibt es ein 2:2 gegen den späteren Meister Nürnberg im verschneiten Grünwalder Stadion, Freistöße verwandeln sich in Schneebälle. Laut Vereinsarchiv versinken die Spieler mit den Schuhen im tiefen Schnee, bereits das Laufen wird zur Herausforderung.
Am 23. November 1976 sorgt das Weltpokal-Heimspiel gegen Cruzeiro Belo Horizonte im Olympiastadion für die legendäre „Schnee-Samba“ – bei der die Brasilianer verspätet aus der Halbzeitpause kommen, weil ihnen so kalt ist.

Schon auf dem Weg ins Stadion bleibt der Bus in einer Schneeverwehung stecken. Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Co. steigen aus und schieben den Bus frei, bevor sie um die Krone des Weltfußballs spielen und 2:0 gewinnen. Das ist halt der Unterschied: Die Konkurrenz parkt gegen den FC Bayern manchmal den Bus – die Bayern schieben ihn.
Die späten Torschützen vor nur 22.000 winterharten Fans: Gerd Müller und Jupp Kapellmann. Phasenweise erinnert das Spiel eher an Schlittschuhlaufen – der FC Bayern kehrt beinahe zu seiner Eishockey-Historie zurück. Es war keine gute Idee der Stadt München, den Schnee vor dem Spiel mit Wasser „wegspritzen“ zu wollen.
Beim Rückspiel vor 117.000 Fans drei Tage vor Heiligabend in Belo Horizonte halten wir übrigens in brütender Hitze das 0:0 und gewinnen den Weltpokal. Der FC Bayern kann’s eben bei jedem Wetter.
Basti, der verlorene Skistar
Bastian Schweinsteiger ist die perfekteste Winterfigur, die der Club je hervorgebracht hat: Skitalent aus Oberaudorf, Skiclub, Jugendrennen. Ab und zu besiegt er sogar seinen Spezi Felix Neureuther. Mit 13 trennen sich die Wege: Basti entscheidet sich für Fußball, Neureuther geht in den Weltcup und gewinnt in Kitzbühel.

Ob Bastian Schweinsteiger ein verhinderter Streif-Sieger ist, werden wir nie erfahren. Aber er bekommt in Kitzbühel von Skistar Lucas Pinheiro Braathen, Riesenslalom-Olympiasieger von 2026, ein Rennleibchen mit der Widmung „für mein Idol“ – Winterathleten, die zum Bayern-Weltmeister aufschauen.
Eishockey im Blut: Auge, Hargreaves, Davies
Auch andere Bayern-Legenden haben Winter-Gene. Sein Jugendtrainer Egon Ziller erinnert sich an den jungen Klaus Augenthaler als „hervorragenden Eishockeyspieler“.
Owen Hargreaves, Champions-League-Sieger 2001, kommt aus Calgary und „ist mit Eishockey aufgewachsen“. Roadrunner Alphonso Davies aus Edmonton probiert in seiner Jugend Eishockey, „aber mir war die Ausrüstung zu schwer“.
Eishalle, Basketball und acht Löcher im Dach
Die Wege von Bayern und Eishockey kreuzen sich immer wieder. Anfang der 2010er Jahre ziehen die aufstrebenden Basketballer in die gute alte Eissporthalle – wie über 40 Jahre davor, jetzt aber mit Korb statt Bande.

Bernd Rauch, „Papa Basketball“ des FC Bayern, erinnert sich an Anfangsschwierigkeiten: „Beim Eishockey kommen alle mit dicken Jacken und Schals – im Basketball nicht. Da brauchen wir 16 Grad plus auf dem Parkett.“ Die pragmatische Lösung: „Wir haben acht Löcher ins Dach gebohrt und warme Luft hineingeblasen.“
Heute spielen die Basketballer im SAP Garden, in derselben Halle wie der vierfache Eishockey-Meister EHC Red Bull München. So ganz lässt das Spiel mit dem Puck den FC Bayern einfach nicht los.
Der Kaiser und die doppelte Meisterin
Sogar von Franz Beckenbauer wird berichtet, dass er als kleiner Bub im Winter daheim in Giesing dem Puck nachgejagt ist. Und dann gibt es noch die legendäre Doppel-Meisterin Kathrin „Ka“ Lehmann.

2021 wird die Schweizerin als dritte Torhüterin des FC Bayern Deutsche Meisterin im Fußball – und gewinnt im selben Jahr als Stürmerin mit dem ESC Planegg die Eishockey-Meisterschaft. Die Frauenfußball-Expertin des ZDF hat gleich zwei große Karrieren geschafft, auf dem Eis und auf dem Rasen.
So nah liegen Fußball und Wintersport manchmal zusammen.
Mia san mia? Na klar! Und manchmal halt auch: Mia san frier!
Über den Autor: Unser Kolumnist, der „Balkonpoet“, war schon vor der WM 1974 als kleiner Münchner Bub überzeugt: „Der FC Bayern wird Weltmeister – weil da Franz Beckenbauer und Gerd Müller mitspielen.“
Gut, den Unterschied zwischen Vereinsfußball und Nationalelf musste er noch lernen. Aber an seiner Grundüberzeugung hat sich nichts geändert: Ein Spiel dauert 90 Minuten, und am Ende gewinnt der FC Bayern. Zumindest meistens.
In den Säbener Stories verbindet er jahrzehntelange Bayern-Leidenschaft mit einem amüsanten und unterhaltsamen Blick auf die Mannschaft von heute. Pack ma’s, Vincent!

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